Karriereende : Kind da, Job weg

Warum Muttersein für hoch qualifizierte Frauen immer noch ein Problem ist
Familienglück bedeutet für die meisten Frauen noch immer Karriereverzicht © Jason Merritt/Getty Images

Als Natascha Pösel ihrem Chef mitteilte, dass sie ein Kind erwarte, begann für sie die Zeit des Lesens. Tagsüber. Im Büro. Sie brachte sich Bücher mit, las ausführlich die Zeitung, surfte im Internet, informierte sich über die Entwicklungsstadien eines Embryos, über Familienbildungsstätten und Babykurse in Kiel, ihrem Wohnort. Ab und an durfte sie Akquisebriefe entwerfen oder Flyer Korrektur lesen. Weil Natascha Pösel schwanger war, bekam sie keine eigenen größeren Projekte mehr. Die Stechuhr in der großen Werbeagentur in Elmshorn erfasste weiter die Anwesenheit der Werbetexterin. Acht Stunden täglich abzüglich 45 Minuten Mittagspause. Ihr Gehalt erhielt sie fortan für die Anwesenheit. Wer ein Kind bekommt, so die Begründung des Vorgesetzten, komme doch sowieso nicht mehr zurück in den Job.

Natascha Pösel, 43, wollte dies zwar, aber sie durfte nicht. Genauso wenig wie Jutta Wegener und Stefanie Freier (beide Namen geändert). Für die Germanistin Pösel, die Juristin Wegener und die Betriebswirtin Freier bedeutete die Bekanntgabe der Schwangerschaft den Abschied vom Job. Wie für viele Akademikerinnen. Entweder schleichend und zunächst kaum sichtbar oder Knall auf Fall. Mütter in verantwortlichen Positionen, so der Tenor ihrer Vorgesetzten, können nicht Teilzeit arbeiten. Das gab es in der Firma noch nie und wird es auch nicht geben. Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung von 2006 arbeiten zum Beispiel nur 14 Prozent aller Frauen in Führungspositionen in Teilzeit. Insgesamt belegen fast 84 Prozent aller Teilzeitarbeitsplätze Frauen, meldet die Bundesagentur für Arbeit.

Telearbeit in Teilzeit? Neumodischer Quatsch, befand der Chef

Klein beigeben? Das kam für die Frauen nicht infrage. Wozu werden bundesweit Krippenplätze geschaffen und Betreuungsplätze ausgebaut? Wozu gibt es das Recht auf Teilzeitarbeit? So focht jede der Akademikerinnen den Kampf auf ihre Weise:

In Natascha Pösels Werbeagentur gab es vor neun Jahren keine Personalreferenten, keinen institutionalisierten Weg, den schwangere Frauen hätten einschlagen können. Für Personalfragen war der Inhaber zuständig. Pösel schlug vor, sie könne in Teilzeit von zu Hause aus arbeiten. Doch ihr Chef fand, Telearbeit sei neumodischer Quatsch. Dass sie ihren Job so mit Kindern nicht mehr machen können würde, war Natascha Pösel auch klar: Täglich 90 Kilometer pro Strecke zwischen Wohnort Kiel und Agentur in Elmshorn pendeln würde nicht klappen – aber "auf eine so massive Wand an Widerständen war ich nicht gefasst". Pösel ging erst einmal in Elternzeit und suchte nach Alternativen.

Jutta Wegener, 42, Rechtsanwältin und Steuerberaterin, hatte stets Kolleginnen erlebt, die schwanger wurden, Kinder bekamen, aber nie mehr in die Kanzlei zurückkehrten. "Die wollen mich nicht mehr in Teilzeit", sagten die Kolleginnen. Also setzte Wegener auf eine andere Strategie. Wechselte mit 33 in eine kleinere Kanzlei, sondierte im Vorstellungsgespräch, ob es Möglichkeiten des Aufstiegs gebe – Partnerin zu werden, das war ihr Ziel. "Ich habe gedacht, Kinderkriegen schiebst du erst einmal auf." Was ihr damals noch keiner sagte und ihr ein Kollege erst im Laufe der Jahre unter der Hand verriet: Partnerin werden Frauen erst ab 44 – wer dann noch keine Kinder hat, kommt auf der Karriereleiter ganz nach oben. "Man hat Frauen so lange hingehalten, bis die biologische Uhr abgelaufen war."

Fortan schob Jutta Wegener das Kinderkriegen nicht mehr auf. Als das erste Kind kam, bot sie an, nach fünf Monaten wiederzukommen. 25 Stunden die Woche. "Ich konnte mich nicht lange in Elternzeit tummeln. Ich hatte ja meine Mandate." Eine Kinderfrau war eingestellt. Wenige Tage vor dem ersten Teilzeitarbeitstag wurde Wegener in die Kanzlei bestellt. Es gebe Partner, die ihre Teilzeit nicht mittrügen. "Das ist nicht Ihr Ernst!", rief die Anwältin und musste sich anhören, dass Teilzeit nicht in die Arbeitsabläufe passe, dass andere Kolleginnen auf höheren Ebenen dann auch auf Teilzeit arbeiten wollten. Teilzeit als Sekretärin ja, als Anwältin nein. Vollzeit kam für Wegener nicht infrage: "Ich hätte wirklich Lust gehabt, voll weiterzuarbeiten, aber wir wollten unsere Kinder nicht komplett fremdbetreuen lassen." Was sie ärgert: "Die Frauen müssen immer noch überlegen: Kind oder Karriere? Teilzeit ja oder nein? Männer können alles haben, aber uns bremst man auf allen Ebenen aus."

"Teilzeit", sagt die Kasseler Soziologieprofessorin Kerstin Jürgens, "ist im Bereich hoch qualifizierter Beschäftigung schlechter angesehen. Den Frauen bleibt hier häufig nur: raus aus dem Job oder Vollzeit arbeiten und organisatorischen Stress und Kosten auf sich nehmen." Denn in vielen Unternehmen gibt es einen "Anwesenheitskult". "Anwesenheit ist Voraussetzung dafür, dass man Verantwortung übertragen bekommt und Karriere macht", sagt die Arbeits- und Familiensoziologin.

Jutta Wegener rief ihrem Chef zu: "Ich wünsche Ihrer Tochter, dass sie einen Chef bekommt wie Sie!" Intuitiv traf sie damit ins Schwarze. Der Mann als Problem. Egal, ob Kollege oder Chef. "Dort, wo der Männeranteil sehr hoch ist", sagt Marina Hennig, Projektleiterin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, "ist es für Frauen sehr schwierig, in Teilzeit zurückzukommen. Hier unterbrechen Frauen auch nur sehr kurze Zeit und versuchen, irgendwelche Arrangements zu finden." Arrangements muss es auch in den Familien geben, Frauen müssen von ihren Partnern mehr Teilzeit einfordern. Noch arbeiten nur zwei Prozent aller Männer in Führungspositionen in Teilzeit.

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Kommentare

38 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Kein Privatleben?

Vielleicht hilft es, wenn man die "Karriere" einfach mal als "Arbeit" bezeichnet und diese nicht als etwas Sinnstiftendes, Lebenserfüllendes, sondern als notwendiges Übel betrachtet. Ich bin zwar ein Mann, aber kein "Karrieremann". Ich quäle mich jeden Morgen aus dem Bett und würde lieber mit meiner Freundin dem Müßiggang frönen, ausschlafen oder, wenn ich eine hätte, den Tag meiner Familie oder Hobbys widmen, aber ich muß natürlich auffe Aarboit, damit die Kohle rankommt.
Lebt man, um zu arbeiten, oder arbeitet man, um zu leben?

Verständnis für die Unternehmen

Man kann doch hier den Unternehmen schwer einen Vorwurf machen. Wenn das Unternehmenskonzept auf Vollzeit beruht, lässt sich Schwangerschaft und Karriere im betreffenden Unternehmen nunmal schwer vereinbaren. Allerdings kann man dieses Problem auch schon vor der Schwangerschaft abklären, denn so erfährt man zügig, ob man nicht vielleicht die Firma wechseln sollte. Für Unternehmer stellt die Schwangerschaft einer Frau meist eher ein Problem da, da Strukturen für Teilzeitarbeit geschaffen werden müssen, und auch das Ausfallrisiko steigt.
Allerdings hier den Schwenk zu machen, Männer hätten dieses Problem nicht ist eher abwegig. Es liegt doch wohl an der jeheweiligen Partnerschaft, wie die Zeit nach der Geburt eingerichtet wird, ob nun der Mann, die Frau oder beide in Teilzeit gehen.
Dies ist ein Problem der deutschen Unternehmenskultur und mangelnden Anreizen.
Die Debatte darüber, dass immer noch mehr Frauen als Männer zuhause bleiben ist eine völlig andere.

Kinder sind auch Männersache

@1
Sehr viele Firmen stellen Frauen im gebärfähigen Alter (< 45) ein. Nur werden Kinder immer der Frau zugerechnet. Was würden Sie tun, wenn mind. 50% der Väter teilzeit arbeiten wollen? Keine Männer unter 50 mehr einstellen? Abwandern?

Die Schwangerschaften waren im Artikel nicht das Problem, es sind die Chefs, die nur Vollzeitkräfte haben wollen.

Ich wünsche den Frauen viel Erfolg in ihrer Selbstständigkeit!