Als Natascha Pösel ihrem Chef mitteilte, dass sie ein Kind erwarte, begann für sie die Zeit des Lesens. Tagsüber. Im Büro. Sie brachte sich Bücher mit, las ausführlich die Zeitung, surfte im Internet, informierte sich über die Entwicklungsstadien eines Embryos, über Familienbildungsstätten und Babykurse in Kiel, ihrem Wohnort. Ab und an durfte sie Akquisebriefe entwerfen oder Flyer Korrektur lesen. Weil Natascha Pösel schwanger war, bekam sie keine eigenen größeren Projekte mehr. Die Stechuhr in der großen Werbeagentur in Elmshorn erfasste weiter die Anwesenheit der Werbetexterin. Acht Stunden täglich abzüglich 45 Minuten Mittagspause. Ihr Gehalt erhielt sie fortan für die Anwesenheit. Wer ein Kind bekommt, so die Begründung des Vorgesetzten, komme doch sowieso nicht mehr zurück in den Job.

Natascha Pösel, 43, wollte dies zwar, aber sie durfte nicht. Genauso wenig wie Jutta Wegener und Stefanie Freier (beide Namen geändert). Für die Germanistin Pösel, die Juristin Wegener und die Betriebswirtin Freier bedeutete die Bekanntgabe der Schwangerschaft den Abschied vom Job. Wie für viele Akademikerinnen. Entweder schleichend und zunächst kaum sichtbar oder Knall auf Fall. Mütter in verantwortlichen Positionen, so der Tenor ihrer Vorgesetzten, können nicht Teilzeit arbeiten. Das gab es in der Firma noch nie und wird es auch nicht geben. Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung von 2006 arbeiten zum Beispiel nur 14 Prozent aller Frauen in Führungspositionen in Teilzeit. Insgesamt belegen fast 84 Prozent aller Teilzeitarbeitsplätze Frauen, meldet die Bundesagentur für Arbeit.

Telearbeit in Teilzeit? Neumodischer Quatsch, befand der Chef

Klein beigeben? Das kam für die Frauen nicht infrage. Wozu werden bundesweit Krippenplätze geschaffen und Betreuungsplätze ausgebaut? Wozu gibt es das Recht auf Teilzeitarbeit? So focht jede der Akademikerinnen den Kampf auf ihre Weise:

In Natascha Pösels Werbeagentur gab es vor neun Jahren keine Personalreferenten, keinen institutionalisierten Weg, den schwangere Frauen hätten einschlagen können. Für Personalfragen war der Inhaber zuständig. Pösel schlug vor, sie könne in Teilzeit von zu Hause aus arbeiten. Doch ihr Chef fand, Telearbeit sei neumodischer Quatsch. Dass sie ihren Job so mit Kindern nicht mehr machen können würde, war Natascha Pösel auch klar: Täglich 90 Kilometer pro Strecke zwischen Wohnort Kiel und Agentur in Elmshorn pendeln würde nicht klappen – aber "auf eine so massive Wand an Widerständen war ich nicht gefasst". Pösel ging erst einmal in Elternzeit und suchte nach Alternativen.

Jutta Wegener, 42, Rechtsanwältin und Steuerberaterin, hatte stets Kolleginnen erlebt, die schwanger wurden, Kinder bekamen, aber nie mehr in die Kanzlei zurückkehrten. "Die wollen mich nicht mehr in Teilzeit", sagten die Kolleginnen. Also setzte Wegener auf eine andere Strategie. Wechselte mit 33 in eine kleinere Kanzlei, sondierte im Vorstellungsgespräch, ob es Möglichkeiten des Aufstiegs gebe – Partnerin zu werden, das war ihr Ziel. "Ich habe gedacht, Kinderkriegen schiebst du erst einmal auf." Was ihr damals noch keiner sagte und ihr ein Kollege erst im Laufe der Jahre unter der Hand verriet: Partnerin werden Frauen erst ab 44 – wer dann noch keine Kinder hat, kommt auf der Karriereleiter ganz nach oben. "Man hat Frauen so lange hingehalten, bis die biologische Uhr abgelaufen war."

Fortan schob Jutta Wegener das Kinderkriegen nicht mehr auf. Als das erste Kind kam, bot sie an, nach fünf Monaten wiederzukommen. 25 Stunden die Woche. "Ich konnte mich nicht lange in Elternzeit tummeln. Ich hatte ja meine Mandate." Eine Kinderfrau war eingestellt. Wenige Tage vor dem ersten Teilzeitarbeitstag wurde Wegener in die Kanzlei bestellt. Es gebe Partner, die ihre Teilzeit nicht mittrügen. "Das ist nicht Ihr Ernst!", rief die Anwältin und musste sich anhören, dass Teilzeit nicht in die Arbeitsabläufe passe, dass andere Kolleginnen auf höheren Ebenen dann auch auf Teilzeit arbeiten wollten. Teilzeit als Sekretärin ja, als Anwältin nein. Vollzeit kam für Wegener nicht infrage: "Ich hätte wirklich Lust gehabt, voll weiterzuarbeiten, aber wir wollten unsere Kinder nicht komplett fremdbetreuen lassen." Was sie ärgert: "Die Frauen müssen immer noch überlegen: Kind oder Karriere? Teilzeit ja oder nein? Männer können alles haben, aber uns bremst man auf allen Ebenen aus."

"Teilzeit", sagt die Kasseler Soziologieprofessorin Kerstin Jürgens, "ist im Bereich hoch qualifizierter Beschäftigung schlechter angesehen. Den Frauen bleibt hier häufig nur: raus aus dem Job oder Vollzeit arbeiten und organisatorischen Stress und Kosten auf sich nehmen." Denn in vielen Unternehmen gibt es einen "Anwesenheitskult". "Anwesenheit ist Voraussetzung dafür, dass man Verantwortung übertragen bekommt und Karriere macht", sagt die Arbeits- und Familiensoziologin.

Jutta Wegener rief ihrem Chef zu: "Ich wünsche Ihrer Tochter, dass sie einen Chef bekommt wie Sie!" Intuitiv traf sie damit ins Schwarze. Der Mann als Problem. Egal, ob Kollege oder Chef. "Dort, wo der Männeranteil sehr hoch ist", sagt Marina Hennig, Projektleiterin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, "ist es für Frauen sehr schwierig, in Teilzeit zurückzukommen. Hier unterbrechen Frauen auch nur sehr kurze Zeit und versuchen, irgendwelche Arrangements zu finden." Arrangements muss es auch in den Familien geben, Frauen müssen von ihren Partnern mehr Teilzeit einfordern. Noch arbeiten nur zwei Prozent aller Männer in Führungspositionen in Teilzeit.