Weinbau-Studium Sechs Semester Wissensdurst

Die "Wein-Uni" in Geisenheim am Rhein bildet Deutschlands Winzernachwuchs aus. Doch die "Geisenheimer" sind auch international gefragt

An der Uni in Geissenheim dreht sich sechs Semester lang alles um den Wein

An der Uni in Geissenheim dreht sich sechs Semester lang alles um den Wein

Wilhelm Weil ist ein Star. Mit seinen trockenen und natursüßen Rieslingen aus Kiedrich im Rheingau gehört er zur deutschen Winzerelite. Dass Weine aus Deutschland nach dem Tief der siebziger und achtziger Jahre wieder weltweit gefragt sind, ist nicht nur auf den Klimawandel zurückzuführen, der den Weinbauern einen Jahrhundertjahrgang nach dem anderen beschert, sondern auch auf eine neue Generation bestens ausgebildeter, oft international erfahrener Weinmacher, die ein hohes Qualitätsbewusstsein pflegen. Klasse statt Masse eben.

Natürlich ist Weil ein »Geisenheimer«. Von der Ausbildung an der Rheingauer Wein-Uni schwärmt der Önologe in höchsten Tönen. Geisenheim gehöre zweifellos zu den renommiertesten Weinbauhochschulen der Welt. »Gerade für Weißwein«, sagt Weil, »ist Geisenheim prädestiniert.« In dem 12000-Einwohner-Örtchen nahe Rüdesheim wird seit fast 140 Jahren auf akademischem Niveau der deutsche Winzernachwuchs ausgebildet.

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Der Campus liegt auf einer kleinen Anhöhe im Westen des Geisenheimer Ortskerns, am Rande der Weinberge. Keimzelle der Hochschule ist die 1872 gegründete Königlich Preußische Lehranstalt für Obst- und Weinbau. Wissensvermittlung und Forschung gingen hier immer Hand in Hand, etwa bei dem bekannten Züchter und Dozenten Hermann Müller, der hier die Rebsorte Müller-Thurgau kreuzte, die bis heute in Europa weit verbreitet ist. 1971 wurden Forschungs- und Lehraufgaben institutionell getrennt. Fortan war eine Forschungsanstalt für die Forschung, die Fachhochschule Wiesbaden – jüngst in Hochschule RheinMain umbenannt –, für die Ausbildung zuständig. Etwa 1100 Studierende sind derzeit am Forschungs- und Studienstandort Geisenheim eingeschrieben, 422 für den neuen Bachelorstudiengang Weinbau und Önologie und den auslaufenden, gleichnamigen Diplomstudiengang. Die übrigen Studierenden beschäftigen sich mit Getränketechnologie, Gartenbau oder Landschaftsgestaltung.

2008 spendierte das Land Hessen für 19 Millionen Euro ein neues Zentrales Institutsgebäude (ZIG). Hier sitzt Otmar Löhnertz, Dekan des Fachbereichs Geisenheim und Professor für Bodenkunde und Pflanzenernährung. Die enge Verbindung von Forschung und Lehre sei für eine Fachhochschule ungewöhnlich, sagt Löhnertz. »Doch unsere Studierenden profitieren natürlich stark von dieser Verbindung, weil sie immer auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand ausgebildet werden können.« Das Bachelorstudium »Weinbau und Önologie« dauert sechs Semester; jedes Jahr werden hundert junge Leute angenommen. Einen Numerus clausus gibt es nicht, doch muss jeder Bewerber vor Beginn des Studiums ein halbjähriges Praktikum in einem Weinbaubetrieb nachweisen. Weit über die Hälfte der Studierenden hat schon bei Studienantritt eine Winzerlehre absolviert; viele kommen aus dem elterlichen Weinbaubetrieb.

Es gibt aber auch immer mehr Quereinsteiger, Cordula von Junker aus München zum Beispiel. Die 25 Jahre alte Frau hat nach dem Abitur ein halbes Jahr lang auf einem Weingut im Languedoc in Südfrankreich gejobbt und die Arbeit in und mit der Natur zu schätzen gelernt. Anschließend machte sie eine Winzerlehre auf einem großen Weingut im Rheingau. Weil ihr Wissensdurst danach nicht gestillt war, schrieb sie sich in Geisenheim ein. Eventuell will sie sogar noch einen Master draufsatteln. Auf jeden Fall will sie nach dem Studium erst einmal ins Ausland. »Ich bin ja nicht, wie viele meiner Kommilitonen, an die Scholle gebunden.« Man könne doch überall auf der Welt arbeiten, sagt sie: »Einem Geisenheimer stehen alle Türen offen.«

Geisenheim hatte lange Zeit so etwas wie eine Alleinstellung auf dem Ausbildungsmarkt für den Winzernachwuchs. Vor Kurzem bekam die Traditionshochschule jedoch Konkurrenz aus Rheinland-Pfalz. Die Landesregierung wollte nicht einsehen, dass das mit Abstand größte Weinbauland der Republik über kein adäquates Ausbildungsangebot verfügte und hob den dualen Bachelorstudiengang Weinbau und Önologie aus der Taufe, der eine Winzerlehre mit einem akademischen Studienangebot verknüpft. Mehr Praxis bei kürzerer Studiendauer soll das Angebot von Geisenheim unterscheiden. »Wir wollen Generalisten für wachsende mittelständische Betriebe ausbilden«, sagt Studiengangsleiter Ulrich Fischer, selbst ein Geisenheimer. Träger des Studiengangs sind die Fachhochschulen in Bingen, Ludwigshafen und Kaiserslautern. Die Lehrveranstaltungen werden allerdings zentral in Neustadt an der Weinstraße angeboten.

Auf die Verbindung von Theorie und Praxis wird indes auch in Geisenheim großen Wert gelegt. Auf dem hochschuleigenen Weingut absolvieren die Studierenden zwei Praxisphasen, in denen sie sich mit dem Anbau der Reben und der eigentlichen Weinproduktion, dem sogenannten Ausbau des Mostes, im Keller beschäftigen. In Gruppen eingeteilt, bekommen die Studenten eine Reb-Parzelle zugewiesen, um die sie sich kümmern sollen: vom Rebenschnitt bis zum fertigen Wein. »Dabei gibt es klare Vorgaben, was zu produzieren ist, etwa ein Premiumprodukt oder einen Ökowein«, sagt Löhnertz. Der 26 Jahre alte Andreas Waible und seine Gruppe hatten die Aufgabe, einen Ökorotwein auf die Flasche zu ziehen. Eine komplette Vegetationsperiode war die zehnköpfige Mannschaft für ihre Reben verantwortlich. Dabei haben sie gelernt, dass sich die roten Sorten Gamaret und Garanoir besser für den Anbau ohne chemische Spritzmittel eignen als der empfindliche Merlot. »Bei dem muss man noch mehr aufs Wetter achten.«

Im Keller des Hochschulweingutes stehen Dutzende großer Glasballons in Reih und Glied, in denen der junge Most vor sich hin gärt. 500 bis 600 Weine bauen die Studierenden aus – pro Jahr. Daneben stehen alte Betontanks, moderne, blitzende Stahltanks, Barriquefässer für den holzbetonten Ausbau – darunter auch Apparaturen, mit denen sich Weine in sämtliche Bestandteile zerlegen lassen. Später können sie dann, nach dem Geschmack des Kellermeisters und der Kunden, wieder zusammengesetzt werden. »Wir bieten alles an«, sagt Löhnertz. »Ob sich unsere Studierenden später für die Früchtebrause entscheiden oder für ein naturnahes Getränk, müssen sie selbst entscheiden.« Nach der konzentrierten Arbeit in Hörsaal, im Weinberg und im Keller geht das Studium in der Wohngemeinschaft weiter. »Wir kochen zusammen, und jeder bringt eine Flasche Wein mit, die wir dann gemeinsam verkosten«, erzählt die 22-jährige Regine Minges. »Das ist eben ein echter Genießerstudiengang.«

 
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