Die Studenten kümmern sich um ihre eigenen Reb-Parzellen
Geisenheim hatte lange Zeit so etwas wie eine Alleinstellung auf dem Ausbildungsmarkt für den Winzernachwuchs. Vor Kurzem bekam die Traditionshochschule jedoch Konkurrenz aus Rheinland-Pfalz. Die Landesregierung wollte nicht einsehen, dass das mit Abstand größte Weinbauland der Republik über kein adäquates Ausbildungsangebot verfügte und hob den dualen Bachelorstudiengang Weinbau und Önologie aus der Taufe, der eine Winzerlehre mit einem akademischen Studienangebot verknüpft. Mehr Praxis bei kürzerer Studiendauer soll das Angebot von Geisenheim unterscheiden. »Wir wollen Generalisten für wachsende mittelständische Betriebe ausbilden«, sagt Studiengangsleiter Ulrich Fischer, selbst ein Geisenheimer. Träger des Studiengangs sind die Fachhochschulen in Bingen, Ludwigshafen und Kaiserslautern. Die Lehrveranstaltungen werden allerdings zentral in Neustadt an der Weinstraße angeboten.
Auf die Verbindung von Theorie und Praxis wird indes auch in Geisenheim großen Wert gelegt. Auf dem hochschuleigenen Weingut absolvieren die Studierenden zwei Praxisphasen, in denen sie sich mit dem Anbau der Reben und der eigentlichen Weinproduktion, dem sogenannten Ausbau des Mostes, im Keller beschäftigen. In Gruppen eingeteilt, bekommen die Studenten eine Reb-Parzelle zugewiesen, um die sie sich kümmern sollen: vom Rebenschnitt bis zum fertigen Wein. »Dabei gibt es klare Vorgaben, was zu produzieren ist, etwa ein Premiumprodukt oder einen Ökowein«, sagt Löhnertz. Der 26 Jahre alte Andreas Waible und seine Gruppe hatten die Aufgabe, einen Ökorotwein auf die Flasche zu ziehen. Eine komplette Vegetationsperiode war die zehnköpfige Mannschaft für ihre Reben verantwortlich. Dabei haben sie gelernt, dass sich die roten Sorten Gamaret und Garanoir besser für den Anbau ohne chemische Spritzmittel eignen als der empfindliche Merlot. »Bei dem muss man noch mehr aufs Wetter achten.«
Im Keller des Hochschulweingutes stehen Dutzende großer Glasballons in Reih und Glied, in denen der junge Most vor sich hin gärt. 500 bis 600 Weine bauen die Studierenden aus – pro Jahr. Daneben stehen alte Betontanks, moderne, blitzende Stahltanks, Barriquefässer für den holzbetonten Ausbau – darunter auch Apparaturen, mit denen sich Weine in sämtliche Bestandteile zerlegen lassen. Später können sie dann, nach dem Geschmack des Kellermeisters und der Kunden, wieder zusammengesetzt werden. »Wir bieten alles an«, sagt Löhnertz. »Ob sich unsere Studierenden später für die Früchtebrause entscheiden oder für ein naturnahes Getränk, müssen sie selbst entscheiden.« Nach der konzentrierten Arbeit in Hörsaal, im Weinberg und im Keller geht das Studium in der Wohngemeinschaft weiter. »Wir kochen zusammen, und jeder bringt eine Flasche Wein mit, die wir dann gemeinsam verkosten«, erzählt die 22-jährige Regine Minges. »Das ist eben ein echter Genießerstudiengang.«
- Datum 31.01.2010 - 11:40 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.01.2010 Nr. 05
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