Chef der UBS Geld her, aber schnell!
Seit einem Jahr führt Oswald Grübel die Geschicke der umstrittenen UBS. Alle Zeichen deuten darauf, dass er seinen Konzern mit dem Investmentbanking retten will. Die Risiken sind enorm
© Sebastian Derungs/AFP/Getty Images

UBS-Chef Oswald Grübel im vergangenen Sommer, als er in Zürich das Halbjahresergebnis seiner Bank verkündete
Seit einem Jahr lebt der Mann jetzt auf der Baustelle. »Was, so lange schon?« Oswald Grübel gibt sich im Gespräch erstaunt. Im Februar ist es ein Jahr her, seit er den schwierigsten Job der Schweiz angenommen hat: die Rettung der UBS. Wie er so dasteht, sei es mit Presseleuten in der barocken Eingangshalle an der Zürcher Bahnhofstrasse, vor Mitarbeitenden oder mit Pensionierten in einem Ausflugsrestaurant, da wirkt er dieser Tage vielleicht etwas bleich im Gesicht. Aber er lächelt und redet stets entspannt – ein leibhaftiger Gegensatz zu den aufgeregten Politikern in Bern, die wegen seiner Bank wieder die Szenarien einer Staats-, Rechts-, Vertrauens- und Sonst-noch-was-Krise bemühen.
Natürlich hat Grübel in den letzten zwölf Monaten den gebeutelten Finanzgiganten tüchtig reformiert, verschlankt und viele unverbrauchte Leute an die neuralgischen Stellen gesetzt. Doch von der Aufbruchstimmung, die der Mann verbreitet, mag sich niemand recht anstecken lassen. Noch immer scheint der Umbau der UBS wenig programmatisch.
Der Geschäftsgang: schleppend. Das Kundenvertrauen: bestenfalls fragil. Der Rückhalt in der Heimat: sinkend. Der Aktienkurs: ein Trauerspiel. Und über allem hängt das Damoklesschwert, dass die Bank für ihre Machenschaften in den USA doch noch richtig bestraft werden könne. Seit das schweizerische Bundesverwaltungsgericht letzte Woche verkündete, die Auslieferung vertraulicher UBS-Kundendaten nach Washington sei illegal, setzt sich selbst in bürgerlichsten Kreisen die Idee durch, die UBS sei zu gefährlich für dieses Land geworden – und darum ein Gebilde, das aus Sicherheitsgründen filetiert werden müsse.
»Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass wir die UBS in den USA fallen lassen«, sagt SVP-Stratege Christoph Blocher und fordert eine Holdingstruktur für den Konzern. Die Grünen wollen eine Auffanggesellschaft, um das hiesige Geschäft zu schützen. Und Konrad Hummler, Präsident der Schweizer Privatbankiers, sagt: »Die schrankenlose Kombination systemrelevanter Funktionen mit hoch riskanten Geschäftsarten hat keine Zukunft.« Nur die »unverzichtbaren Teile des Banking« sollen eine Staatsgarantie erhalten – Zahlungsverkehr, Devisenhandel, Abwicklungstransaktionen.
Grübel setzt auf den Bereich, der die Bank ins Verderben gerissen hatte
Was bleibt also von der UBS? Nimmt man Grübels Aussagen, Andeutungen, Entscheidungen und Handlungen der letzten zwölf Monate, so zeichnet sich eine politisch höchst heikle Antwort ab: Was bleibt, ist die Investmentbank.
Denn nur mit den waghalsigen Renditen, die sich aus komplexen Transaktionen mit Bezeichnungen wie Cash Equities, Fixed Income, Exchange Traded Derivatives und Prime Brokerage erzielen lassen, hat die UBS als Großbank noch eine Überlebenschance. Nur so kann man wieder Gewinne machen, welche als Vorbedingung gelten, um in der Vermögensverwaltung, im Firmenkundengeschäft oder in der Bevölkerung an Boden zu gewinnen. Das Risiko aber ist enorm.
Der Husarenritt wurde im November erstmals angedeutet: Da schwärmte Grübel am Investorentag in Zürich von einer UBS, die in fünf Jahren rundum erneuert sei und 15 Milliarden Franken Gewinn vor Steuern erzielen werde. Dabei würde das Investmentbanking in guten Zeiten einen jährlichen Ertrag von zwanzig Milliarden Franken einfahren. Grübel erhob also jenen Geschäftsbereich zum Garanten fürs Comeback, der die alte UBS ins Verderben gerissen hatte.
Gewiss, die neue Crew hat die Risiken heruntergefahren und stimmt auch das Loblied auf die Universalbank an. Aber dies ist ein dehnbarer Begriff – entscheidend ist immer, wo das Herz schlägt. Und für Grübel schlägt es dort, wo man den Puls der Rendite rasch hochtreiben kann. Während also im Bundeshaus oder in den Leserbriefspalten immer wieder die Hoffnung keimt, die UBS könnte zu den Tugenden der alten Bankgesellschaft zurückfinden und sich aufs sichere, zwar etwas langweilige, aber bewährte Vermögensverwaltungsgeschäft konzentrieren, verlagern sich die Gewichte eigentlich ins Gegenteil.
Schritt für Schritt baut die UBS Teile ihres Vermögensverwaltungsgeschäfts ab. Ein Beispiel: Ende Dezember schloss die Bank ihren größten Immobilienfonds, den UBS Wealth Management Global Property Fund – und verärgerte mehr als 100.000 der sonst so begehrten Private-Banking-Kunden. Teilweise mischten ihn die UBS-Berater noch im Sommer 2008 in die Depots ihrer Kunden; kurz darauf wurde er eingefroren. Nun bleiben die Kunden auf ihren Anteilen sitzen, bestenfalls auf Jahre hinaus, schlimmstenfalls bis zum Totalverlust. Dies zeigt: Die Bereitschaft der »neuen« UBS, mit teurem Geld um reiche Kunden zu kämpfen, hat Grenzen. Den Anfang bildete letztes Jahr die Aufgabe des juristisch heiklen US-Offshore-Geschäfts, also der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung. Die Bank nahm damit, unter großem politischen Druck, den Verlust Tausender von Kunden hin.
Mittlerweile könnte auch das Onshore-Wealth-Management in Amerika zur Disposition stehen. So besagt es ein Gerücht, das die UBS freilich nicht kommentieren will. Immerhin erinnerte Grübel letzte Woche bei einem Lunch mit ehemaligen UBS-Angestellten, dass die Bank in den USA noch nie Geld verdient habe. Schon im September hatte er von Interessenten für die Geschäfte der früheren PaineWebber gesprochen, aber die Angebote seien zu niedrig; er sagte auch, dass es sich dabei um ein »Nicht-Kerngeschäft« handle. Anfang Oktober musste er, nach internen Rückfragen, aber klarstellen, dass das US-Wealth-Management nicht zum Verkauf stehe. Inzwischen baut Robert »Bob« McCann, ein ehemaliger Merrill-Lynch-Spitzenbanker, die Abteilung eifrig um – doch noch immer hat die Swiss Bank beim amerikanischen Geldadel ein Imageproblem.
Die UBS hat ein Imageproblem. Und ihr Chef auch
Grübel kann eine Zukunft für die UBS letztlich nur dort definieren, wo Ruf und Vertrauenswürdigkeit eher zweitrangig sind. Dies zumal er aus seiner Zeit als CEO der Credit Suisse (CS) selbst noch Reputationsrisiken mit sich herumschleppt. Immerhin erfolgten die faulen Umgehungsgeschäfte mit Iran, die der CS in den USA gerade eine Bußgeldstrafe in Höhe von über einer halben Milliarde Dollar eintrugen, zwischen 2002 und 2007 – also weitgehend in der Ära Grübel. Kein Wunder, engagiert sich Grübel dort, wo die Kunden eher den guten Deal als das tiefe Vertrauen suchen – im wertefreien Investmentbanking.
Hier baut die UBS aus. Sie angelt sich beste Leute bei der Konkurrenz (was mit ein Grund sein dürfte für die hohen Boni) und betätigt sich aggressiv bei Firmenfinanzierungen über den Kapitalmarkt. Dass UBS-Kadermann Steven Smith von Leveraged-Buy-Out-Transaktionen schwärmt, also von komplexen Fremdkapital-Finanzierungen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, hatte doch die »alte« UBS ebendiese Geschäfte im Herbst 2007 aus Risikoüberlegungen zurückgebunden. Doch das scheint die Leute der »neuen« UBS kaum zu kümmern. Auch in Großbritannien profiliert sich die Schweizer Bank mit Megadeals beim Umbau der quasi-verstaatlichten Finanzindustrie. Bereits zählt Alex Wilmot-Sitwell, Co-CEO im UBS-Investmentbanking, zu den erfolgreichsten »Regenmachern« seiner Zunft; so heißen die Banker, welche die größten Deals an Land ziehen. Allein diese Woche meldete die UBS die Vertragsunterschrift von drei hochrangigen Industrieveteranen, abgeworben von Morgan Stanley und Goldman Sachs.
Um den »Profit« zu erreichen und die »Shareholder« zufriedenzustellen, bleibt dem 66-jährigen CEO Grübel nicht mehr alle Zeit der Welt. Die Ungeduld der Finanzwelt ist extrem, das Vertrauen der Kundschaft hängt an einem seidenen Faden. Darum liegt es auf der Hand, dass Grübel seine Hoffnungen in eine schlagkräftige, rasch agierende Investmentbank setzt. In ihm wohnt schließlich noch der Instinkt des ausgefuchsten Traders, der er einst war. Mit diesem schwer fassbaren Talent hat es der Banklehrling an die Spitzen der zwei Großbanken gebracht. Wird er jetzt zum Zauberlehrling?
- Datum 29.01.2010 - 12:26 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.01.2010 Nr. 05
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