»Dieser Krebs ist die Folge einer Abtreibung, die ich in meiner Jugend durchführen ließ.« Von dieser fragwürdigen, aber felsenfesten Überzeugung konnte ich die 90-jährige Dame einfach nicht abbringen. Ich kannte nicht nur sie schon von früher, sondern auch ihre Tochter und Enkelin, und bei der Geburt der Urenkelin war ich dabei. Sie war also die Urgroßmutter einer perfekten Familie und litt trotzdem unter lebenslangen Schuldgefühlen.

Seit sich die Schweizer Bevölkerung und sogar die CVP-Frauen (die dabei ihr »C« eingebüßt haben) für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs entschieden haben, nehmen zumindest bei uns in der Klinik die Schwangerschaftsabbrüche zu – und auch die Sorglosigkeit im Umgang mit diesem Thema. Gleichzeitig aber ist das Thema aus der öffentlichen Diskussion fast gänzlich verschwunden, wahrscheinlich weil alle froh sind, eine Lösung gefunden zu haben, die das Problem an die betroffenen Frauen und die Ärzte delegiert.

Der Eid des Hippokrates, der für alle Mediziner verbindlich ist, verbietet explizit die Vornahme eines Schwangerschaftsabbruches, und doch werden wir Ärzte von Staats wegen dazu angehalten, dies zu tun. Da ein unsachgemäß durchgeführter Abbruch für die Frau lebensgefährlich sein kann, soll sowohl die Beratung als auch der Eingriff von uns Ärzten durchgeführt werden. Trotzdem, das Dilemma bleibt. »In ihrer desperaten sozialen Situation ist es vielleicht besser, diese Frau bekommt nicht noch ein Kind.« So lauten die Aussagen, mit denen wir Ärzte uns für den Eingriff, der gegen unser Selbstverständnis verstößt, rechtfertigen.

Kinder aus sozial schwierigen Situationen sehe ich seit 16 Jahren von meinem Büro aus. Nebenan leben sie im Kinderhaus, das früher zu unserer Klinik gehörte. Ein Heim ist zwar sicher nicht der ideale Ort, um seine Kinderjahre zu verbringen, aber das Lachen der spielenden Kinder wirkt auf mich nicht unglücklich.

In einer Frauenklinik behandelt man Frauen, deren größter Wunsch es ist, ein Kind zu haben. Sie investieren ihr halbes Vermögen in die immer raffinierter werdenden Sterilitätstherapien, weil unerfüllter Kinderwunsch für sie ein unerfülltes Leben ist.

Es gibt auch Frauen, die früh oder sogar spät in der Schwangerschaft ihr Kind verlieren, mit ihnen leidet jeweils die ganze Klinik.

Eine Oberärztin fragte eine Frau, die in der Schwangerschaft nur einen von ihren Zwillingen behalten wollte: Ja, welches möchten Sie denn behalten? Das Mädchen oder den Jungen? Das Blonde oder das Schwarze? Das Schöne oder das Intelligente?