Carmen Herrera malt gern einsam und in aller Ruhe. So hat sie es die letzten sechs Jahrzehnte gehalten. Nun ist sie 94 Jahre alt und plötzlich, nein, endlich wird ihre Kunst weltweit berühmt. Die New York Times widmete ihr einen Artikel auf der ersten Seite. The Hot New Thing in Painting stand in der Titelzeile. Und der britische Observer kürte Herrera anlässlich einer Retrospektive in Birmingham gleich zur Entdeckung des Jahrzehnts. Seit dem 23. Januar ist die Schau aus England im Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern zu sehen. Gezeigt wird das erstaunliche Lebenswerk einer Künstlerin, die unbeirrt immer weiter an ihren minimalen, geometrischen Farbfeldern gearbeitet hat. Und damit jetzt plötzlich mehr Geld verdient, als sie im letzten Jahrhundert je besessen hat.

Carmen Herrera ist nicht die einzige späte Entdeckung, die derzeit gemacht wird. Viele Museen und Galerien zeigen plötzlich die Kunst von sehr alten, aber wenig oder gar nicht bekannten Zeitgenossen. Die Serpentine Gallery in London etwa präsentierte gerade den Politkünstler Gustav Metzger (Jahrgang 1926) mit einer Einzelausstellung. Die in Buenos Aires lebende Bildhauerin Magda Frank (Jahrgang 1914) erfährt nächstes Jahr mit Ausstellungen in Venedig, Valencia und Curitiba eine späte Ehrung. Und auch die Kunsthändler sind neuerdings sehr interessiert an bisher Unentdecktem von Künstlern jenseits der Pensionsgrenze: Die Berliner Galerie Isabella Bortolozzi etwa sorgte mit neuen surreal-erotischen Gemälden und Zeichnungen der italienischen Künstlerin Carol Rama (Jahrgang 1918) für Furore.

Während der eben erst zu Ende gegangenen Boomjahre waren die neuen Stars noch an den Schulen gecastet worden. Galeristen und Sammler besuchten die Rundgänge der Kunstakademien auf der Jagd nach den nächsten Young British Artists, der allerneuesten Leipziger Schule. Doch nun scheint man den Geschichten vom schnellen und jungen Erfolg nicht mehr zu trauen. Jetzt sind die Alten dran. Gern auch die Uralten. Schließlich garantiert die Jugend schon lange nicht mehr, was sie verspricht: das Neue.

Carmen Herrera etwa malte Op-Art-Gemälde, als es für diese Kunst noch gar keinen Namen gab. 1915 in Kuba geboren, studierte sie in Havanna Architektur, heiratete einen Amerikaner, mit dem sie nach New York zog, besuchte dort eine Kunstschule. Ihren Stil, ihr Thema, ihre Aufgabe hat sie aber erst in Paris gefunden, wo sie mit Ihrem Mann von 1948 bis 1954 lebte. Hier verkehrte sie mit Künstlern wie Yves Klein und stellte mit Josef Albers im Salon des Réalités Nouvelles aus. Hier entstanden ihre ersten konkreten Kunstwerke, Pfeile, Kreise, riesige Kommata schmiegen sich auf den Leinwänden aneinander.

Zurück in New York, fand ihre Kunst jedoch kaum Beachtung. Sie war eine Frau aus Kuba, die saubere, mathematische Muster malte, die gerade Linien liebte, während ihre männlichen Zeitgenossen wie Jackson Pollock expressiv mit den Farben rumtropften. Auf den Gemälden aus den vierziger Jahren hatte Herrera zuweilen noch mehr als zwei Farben benutzt, doch seit den fünfziger Jahren reduzierte sie ihre Formen- und Farbensprache. Sie nüchterte ihre Farbfelder aus: Zwei graue Dreiecke legen sich vor schwarzem Grund aufeinander (Equation von 1958); ein grünes, flach gestauchtes Dreieck schwebt auf weißem Grund (Blanco y Verde von 1959); ein schwarzes Viereck ragt von unten in eine gelbe Leinwand (Tuesday von 1978). Manchmal malt sie nur in Schwarz und Weiß, einfache Rauten, Streifen, die aufeinander zulaufen. Es ist keine Kunst, die einem das Herz rasen lässt. Aber die Kompositionen sind fein und cool und – schön.

Vor sechs Jahren wurde zum ersten Mal ein Gemälde von Carmen Herrera verkauft, seitdem kaufen nicht nur Privatsammler, sondern auch die großen Museen wie das MoMA und die Tate ihre Malerei auf. Es wäre nett gewesen, wenn der Kunstmarkt sie früher entdeckt hätte, sagte Herrera der New York Times, "aber vielleicht auch korrumpierend".

Über die lang verkannten Genies wie Herrera freuen sich nicht nur die nach kuriosen Lebensgeschichten süchtigen Journalisten. Die Dauer ihres Schaffens macht es auch den Kuratoren und den Galeristen einfacher: Hier kann man ein ganzes Lebenswerk entdecken und überblicken. Das Qualitätsurteil fällt leichter, es lassen sich Werkphasen nachzeichnen. Scharlatane halten nicht so einfach vierzig Jahre durch.

 

Anders als jene Jungkünstler aus westlichen Mittelschichtsfamilien, die sich in einschlägigen Kneipen flott eine Boheme-Aura ansaufen und die mit Besuchen in den angesagten Städten ("Der Künstler lebt und arbeitet in Istanbul, Los Angeles und Berlin") ein wenig Abwechslung in den kurzen Lebenslauf zu bringen versuchen, müssen sich die Alten eine spannende Biografie nicht mehr erarbeiten.

Gustav Metzger etwa, 1926 in Nürnberg als Sohn orthodoxer Juden geboren, entkam 1939 zusammen mit seinem Bruder den Nazis – die Eltern und Schwestern wurden ermordet. In London engagierte er sich später gegen Krieg, Atomwaffen und Umweltzerstörung. Er entwickelte eine autodestruktive Kunst, bemalte Leinwände mit Säure und boykottierte den Kunstmarkt. Und er ist der Erfinder der psychedelischen Lichtshow, er war es, der auf Konzerten von The Who erstmals bunte Kristalle im Scheinwerferlicht schmelzen ließ.

Die Konkurrenz von Altkünstlern wie Carmen Herrera oder Gustav Metzger mag junge, um ihre Karriere besorgte Künstler verunsichern. Der späte Erfolg birgt aber auch Hoffnung. Man muss nur durchhalten, so die Verheißung, selbst wenn man jahrzehntelang seine Kunst nirgendwo zeigen darf und nichts verkauft. Nicht aufgeben, lautet die Parole! In Ruhe weitermalen.