Architektur: Das neue Folkwang-Museum Hinein ins Offene!
Das Folkwang-Museum erfindet sich neu – dank des Architekten David Chipperfield
© (Ausschnitt) Christian Richters

Ein Haus zwischen Welt und Kunst – das weite Entree des Essener Museums, das am Wochenende eröffnet wird
So hell, so sommerlich schwebend hat David Chipperfield noch nie gebaut. Vergessen ist all das archaisch Schwere seines Neuen Museums in Berlin, vergangen die Lust an der Last, die so viele seiner berühmten Bauten prägt. Nun entdeckt der steinerne Chipperfield die Glasmoderne: Sein Neubau in Essen für das Folkwang-Museum ist eine grandiose Hommage an die fünfziger Jahre, vor allem an Mies van der Rohe – und auch an Berthold Beitz.
50 Jahre ist es her, da wollte der Manager Beitz den Architekten Mies für Essen gewinnen. Das Imperium der Krupps plante eine neue Hauptverwaltung, im Pflaumengarten oberhalb der Villa Hügel. Da schien Beitz, dem Generalbevollmächtigten, ein Architekt von Weltrang gerade recht. Schon bald gab es einen fulminanten Entwurf, am Ende aber zerschlug sich das Vorhaben. Erst jetzt, Chipperfield sei Dank, kann sich Beitz seinen Mies-Traum erfüllen – als Museum.
55 Millionen Euro hat er für das wunderbare Folkwang gegeben, und wird dafür in Essen gefeiert, als wäre es sein eigenes Geld und nicht das der Alfried Krupp Stiftung, die Beitz bis heute leitet. 55 Millionen für einen Anbau, der in Wahrheit das Museum neu errichtet, es verwandelt in eine Einladung an alle. Bisher versteckte sich das Haus in sich selbst. Vor allem der Trakt aus den achtziger Jahren, nun abgerissen, schien darauf bedacht, die kostbaren Sammlungen vor allzu großer Öffentlichkeit zu schützen. Chipperfield hingegen öffnet das Museum zur Stadt, und das heißt: zu einer vierspurigen Autoschneise. Zwischen Nachtklub und Billighotelbunker stellt er seine lichtgrünen Glaskuben. Ein geradezu tempelhaft inszenierter Eingangshof lockt die Besucher zur Kunst, zu van Gogh, Friedrich, Gauguin.
Recht kurios, diese alte Pathosform: Das Museum hebt sich selbst auf den Sockel, doch just dort, wo es besonders ehrwürdig zugeht, wo die Stufen hinaufführen ins freie Reich der Kunst, öffnet sich der Schlund für die Tiefgarage. Seltsam würdelos ist das – und zugleich eine der Stärken dieses Museums: Es steht mitten im Alltäglichen, ohne sich mit diesem gemein zu machen.
Innen scheint sich diese Spannung abzuschwächen. Chipperfield ist ein ungemein gelassenes Haus gelungen, nichts drängt sich auf, nichts will ködern. Dieser Bau kann warten. Er lässt Raum, er weiß, wir werden ihn uns nehmen.
Doch wer das Museum durchstreift, wer über den feingeschliffenen Estrich mit seinen eingesprengselten Rheinkieseln geht, wer sich umsieht in den weiten Räumen, der merkt rasch, dass es auch hier drinnen darum geht, das Essen dort draußen nicht aus dem Blick zu verlieren. Chipperfields Museum holt die Stadt herein, durch große Fenster, vor allem aber durch begrünte Innenhöfe, die man eher Vermittlungshöfe nennen sollte. Sie ziehen die Neugier an und lenken sie um, hinüber zum Altbau, hinaus in die triste Vorstadtsiedlung. In diesem Haus gibt es nicht nur Kunst zu besichtigen, auch Autos, Klofenster und die deutsche Leidenschaft für verschnörkelte Gardinen bieten sich uns dar. Die Weite der Kunst trifft auf die Enge der Wirklichkeit – und beide relativieren sich gegenseitig aufs Angenehmste.
Mit den Höfen seines Museums hat Chipperfield klug ein Motiv des Altbaus von 1960 aufgegriffen und ihm eine eigene Ausprägung verliehen, wie er überhaupt dem Bestand mit höchstem Respekt begegnet. Und so wird sein Museum keineswegs nur deshalb von Miesschem Geist durchweht, um den Stifter Berthold Beitz zu erfreuen, sondern auch, weil sich Chipperfield an dem orientierte, was er vorfand und zu einem freien Pavillonsystem der leeren grünen und der mit Kunst gefüllten Boxen erweiterte.
- Datum 29.01.2010 - 14:51 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.01.2010 Nr. 05
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… der Artikel in der Zeit. Es wäre sehr schön, wenn die Artikel insbesondere über Architektur und Bildende Kunst reichlicher bebildert wären. Architektur muss man doch sehen und nicht lesen.
Na dann nichts wie hin. Malerei und Skulpturen des 19. Jahrhunderts, der klassischen Moderne sowie der Kunst nach 1945 sind zu sehen.
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