Hartz IV Nur keine Vorurteile

Einführung einer Arbeitspflicht? Noch mehr Druck auf Arbeitslose? Das ist Populismus. Die Menschen in Deutschland wollen gar nicht faulenzen, sie finden nur keine Stellen – klagt der DGB-Vorsitzende Michael Sommer

Der populistische Vorstoß des hessischen Ministerpräsidenten Koch zur Einführung einer Arbeitspflicht für Hartz-IV-Empfänger zielt auf wohlfeilen Applaus. Er bedient billige Vorurteile und hilft nicht dabei, die Dinge zu verbessern. Wir brauchen unzweifelhaft eine Grundrevision von Hartz IV. Diese Grundrevision muss die Förderung von Arbeitslosen verbessern, Schluss machen mit dem staatlich forcierten Ausbau des Niedriglohnsektors und ein Leben in Würde ermöglichen.

Wenn wir nicht wollen, dass ganze Schichten, gar ganze Generationen für unsere Gesellschaft verloren sind, dann brauchen wir jetzt eine breite gesellschaftliche Debatte. An ihrem Ende müsste das Ziel stehen, die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Prekariat und Bildungsschicht, zwischen »wohl behütet« und »chancenlos« zu überwinden. Stattdessen wird eine Debatte auf dem Rücken von Menschen ausgetragen, die sich hilfesuchend an den Staat wenden, die händeringend nach Arbeit suchen und keine finden. So sieht die Realität in vielen Arbeitsämtern in diesem Land aus: Die Menschen wollen Arbeit, finden aber keine.

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Eine andere Realität in unserem Land: Hartz IV bedeutet bereits heute, dass Arbeitslose jede Arbeit annehmen müssen – ansonsten drohen ihnen massive Leistungskürzungen. Das Fordern steht also bereits jetzt im Zentrum, während man auf die individuelle Förderung und vor allem auf existenzsichernde Jobs oft vergeblich wartet. Die Politik ist ihrer Bringschuld nicht nachgekommen.

Hartz IV ist heute ein Auffangbecken für gut qualifizierte Studienabgänger, Alleinerziehende, Menschen im Niedriglohnsektor. Sie werden alle gleich (schlecht) behandelt

Michael Sommer

Viele Hartz-IV-Empfänger haben von den Reformen am Arbeitsmarkt nicht profitiert. Ende 2009 sind annähernd genauso viele Menschen hilfebedürftig wie zu Beginn 2005. Das liegt nicht zuletzt am verunglückten Verwaltungskompromiss im Vermittlungsausschuss. Statt einer einheitlichen Anlaufstelle für alle Arbeitsuchenden haben wir eine Spaltung der Arbeitsförderung in ein Versicherungs- und in ein Fürsorgesystem (Hartz IV). Das Hartz-IV-System wiederum ist gespalten in ARGEn, Optionskommunen und getrennte Aufgabenwahrnehmung zwischen Bundesagentur und Kommunen. Das organisatorische Wirrwarr bedeutet eine Zweiklassengesellschaft für Arbeitslose. Die Befassung der Behörden mit sich selbst und die Verteilung von Macht und Geld stehen immer noch im Vordergrund, nicht die bestmögliche Betreuung aller Arbeitslosen.

Hartz IV ist heute keineswegs ein System nur für Langzeitarbeitslose, sondern es ist ein breites gesellschaftliches Auffangbecken: Gut qualifizierte Studienabgänger ohne Arbeit, Alleinerziehende ohne Kinderbetreuung oder arbeitende Menschen im Niedriglohnsektor, die aufstockend Hartz IV benötigen, sind im Hartz-System gelandet. Hartz IV ist eben nicht das allerletzte soziale Netz geworden, sondern ein erzwungener »Lebensstil« von Menschen mit ganz unterschiedlichen Erwerbsbiografien. Das ist auch ungerecht, denn alle werden gleich (schlecht) behandelt.

Hartz IV hat auch zu erheblichen Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt geführt. 1,3 Millionen Hartz-IV-Empfänger sind erwerbstätig, verdienen aber so wenig, dass sie ergänzende Leistungen beziehen müssen. Rund 400.000 dieser »Aufstocker« arbeiten Vollzeit und verdienen mit ihrer geleisteten Arbeit so wenig, dass sie nicht davon leben können. Damit hat sich in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der arbeitenden Armen verzehnfacht. 22 Prozent der Beschäftigten arbeiten inzwischen zu Stundenlöhnen, die nach internationalem Standard als Niedriglohn gelten. Die Subventionierung dieses Niedriglohnsektors kostet den Steuerzahler nach DGB-Berechnungen inzwischen rund vier Milliarden Euro im Jahr.

Oberstes Ziel muss es deshalb sein, die Menschen aus Hartz IV herauszuholen beziehungsweise sie gar nicht erst hilfebedürftig werden zu lassen. In erster Linie brauchen wir dazu existenzsichernde Mindestlöhne und eine bessere Regulierung der Leiharbeit. Die von der Politik gewollte und betriebene Förderung der Minijobs manifestiert hingegen den Niedriglohnsektor. Kleinstarbeitsverhältnisse aber auch noch staatlich zu subventionieren ist grundfalsch. Minijobs helfen den Arbeitgebern, nicht den Arbeitslosen. Die Jobcenter drängen Arbeitsuchende aber dort hinein, also fördert der Staat hier das Lohndumping.

Hartz IV ist bereits für viele Menschen bittere Realität. Hartz IV bedeutet aber gerade auch in der Krise für viele Menschen Angst vor dem Abrutschen in Armut. Wir brauchen ein vorgelagertes Sicherungssystem, das heißt ein Überbrückungsgeld nach Ablauf des Arbeitslosengeldes I, den Ausbau von Kinderzuschlägen und Wohngeld. Alleinerziehende benötigen bessere Kinderbetreuung und vonseiten der Arbeitgeber mehr zeitliche Flexibilität. Armutsfeste Regelsätze – insbesondere für Kinder – sind längst überfällig.

All dies sind Tatsachen, Missstände und Nöte, die einer öffentlichen Debatte wert wären. Aber eine solche Auseinandersetzung braucht keinen Populismus, sondern Weitsicht, Mitgefühl und den Willen, wirklich etwas positiv für die Menschen zu verändern.

Michael Sommer ist Bundesvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB)

 
Leser-Kommentare
  1. Hartz IV hat erst zur heutigen Lohnstruktur geführt:

    Dumpinglöhne, weil Arbeitslose "jeden" Job annehmen sollen oder müssen.

    Sozialmissbrauch durch die AG, weil diese die Menschen nur noch befristet einstellen, Wiedereingliederungsbeihilfen kassieren und nach der "Ruhezeit" diese Mitarbeiter wieder "frei" setzen.

    Dann kommen noch die steigenden Kosten auf die Krankenkassen zu, weil so mancher Arbeitslose mit dieser Gesamtsituation nicht zurecht kommt und sich in Krankheiten flüchtet - meist sind diese psycho-somatischer Natur.

    Letztendlich erfolgt die EU-Rente, weil die Leute einfach den Druck nicht mehr aushalten und sich nicht nur "verarscht" fühlen, sondern sie fühlen sich regelrecht als unmündige Bürger - da war es vor der Wende im Osten weitaus humaner!

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    Aber man sollte auch nicht vergessen, welche Partei dieses Konzept eines Verbrechers (oder wäscht einen ein "Deal" mit der Justiz rein?) eingeführt hat.

    Aber man sollte auch nicht vergessen, welche Partei dieses Konzept eines Verbrechers (oder wäscht einen ein "Deal" mit der Justiz rein?) eingeführt hat.

    • Begbe
    • 27.01.2010 um 13:11 Uhr

    So sehr ich mich über Roland Kochs Aüßerungen ärgere, es wäre am Besten sie nicht wahr zu nehmen. Sie dienen nur der Mobilisierung der eigenen Wähler. Das hat er schon sehr gut bei seinen Landtagswahlen 2008 geschafft. Ohne die übliche Ausländerhetze und der Unfähigkeit der SPD wäre dieser Mann schon lange nicht mehr Ministerpräsident. Er profiliert sich mal wieder als harter Hund und Jürgen als Rächer der Enterbeten. Man, das wird auch langsam langweilig...

    • TDU
    • 27.01.2010 um 13:40 Uhr

    Seine Stimme hat Gewicht, und ich freue mich, dass er sie mal gegenüber Ansichten wie die von Herrn Koch erhoben hat.

    Aber eigene Ideen lässt er leider vermissen, und damit zeigt er, dass sich die Gewerkschaften in erster Linie für die regulär Arbeitenden zuständig fühlen. Der Appell an Mindestlöhne, wo sollen sie gelten? Er kann ein Gesetz vorschlagen: Niemnd darf unter 10 Euro/Std. arbeiten müssen.

    Wie kann Zeitarbeit konstruktiver gemacht werden?. Die Minijobs werden gebraucht, aber wie sie von einkalkulierten Transferleistungen unabhängig machen?

    M. E. müssen die Gewerkschaften auch ihre eigenen Vorstellungen hinterfragen, damit flexible Lösungen möglich sind. Ansonsten unterstelle ich, dass die Bewahrung der Verhältnisse Vorrang hat. Und zwar in erster Linie für die, die das Glück haben, bei Großkonzernen zu arbeiten. Ist der Mittelstand weiter Manövriermasse zwischen Politik und Verbänden, werden wir uns in absehbarer Zeit in einer Art staatsmonopolistischem Kapitalismus wiederfinden, wie manche sagen, in einer DDR 2.0.

  2. Aber man sollte auch nicht vergessen, welche Partei dieses Konzept eines Verbrechers (oder wäscht einen ein "Deal" mit der Justiz rein?) eingeführt hat.

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    • Mjardn
    • 27.01.2010 um 13:50 Uhr

    ...und vor allem sollte man nicht die so dummen Wähler vergessen, die dieser Partei die Stimme gegeben haben (immerhin 1/3 der Hessen und sogar noch mehr im Bund) und die es deshalb nicht anders verdient haben...oder haben sie es vielleicht sogar so gewollt?!?

    • Mjardn
    • 27.01.2010 um 13:50 Uhr

    ...und vor allem sollte man nicht die so dummen Wähler vergessen, die dieser Partei die Stimme gegeben haben (immerhin 1/3 der Hessen und sogar noch mehr im Bund) und die es deshalb nicht anders verdient haben...oder haben sie es vielleicht sogar so gewollt?!?

  3. Niedergang nicht unschuldig, aber diese Äußerungen sind zumindest vom Ansatz her richtig.

    • Mjardn
    • 27.01.2010 um 13:50 Uhr
    6. ...

    ...und vor allem sollte man nicht die so dummen Wähler vergessen, die dieser Partei die Stimme gegeben haben (immerhin 1/3 der Hessen und sogar noch mehr im Bund) und die es deshalb nicht anders verdient haben...oder haben sie es vielleicht sogar so gewollt?!?

    Antwort auf "Schon wahr"
    • Uwe650
    • 27.01.2010 um 14:04 Uhr

    wenn jeder mit sich selber ehrlich ist, suchen wir doch alle mehr oder weniger Schnäppchen im Internet oder in Geschäften, oder auch beim Friseur. Warum sind denn die Friseurketten ala Klier und anderen, oder die Klamottenläden wie Kik und andere so erfolgreich und expandieren ständig weiter. Das liegt doch auch am Konsumverhalten. Wir als Verbraucher haben uns doch die Geiz ist Geil Mentalität so zu eigen gemacht, dass normale Läden oder Dienstleister in einigen Bereichen schon Existenzprobleme haben. Ich erinnere an Wallraffs Doku zu den Billigbäckereien für die Ladenketten. Wenn ich oben einen Euro reinwerfe, können unten keine 2 rausfallen, sondern max 20 %. Damit will ich jetzt nicht die Dumpinglöhne verteidigen, aber daraufhinweisen, you get what you pay for. Im Arbeitsmarkt ist das nun aber pervers, denn die Ware bekommt man billig, das man über die Steuern und Sozialversicherung aber die Gewinnspannen mitzahlt, merkt man nicht. Wie sollen den vernünftige Gehälter gezahlt werden, wenn jeder einzelne an der Kasse nicht bereits ist einen reelen Preis zu zahlen. Auch dadurch werden Produktionen verlagert. Gerade der Bereich der Arbeit ist kein schwarz weiß Feld, sondern hat unendlich viele Grauzonen.

  4. Es ist kurz gesagt nicht mehr auszuhalten, was diese Koch`s und Konsorten uns zumuten. Wieso dürfen die nachgewiesener Maßen wider besseres Wissen weiter hetzen. Warum jagen wir
    diese Klasse nicht hinaus zum Tempel, wie weiland Jesus??
    Warum tun die Medien nichts gegen die Volksverhetzer, obwohl die Medien ausreichend Macht und Material (die Wahrheit) zur Verfügung haben?? Diese Art von sogenannten Politikern hat absolut nichts mehr mit den "Bürgern",dem "Volk" , den "Leuten" da draußen" gemeinsam. Hoffentlich ernten sie bald was sie permanent säen. Allein der Name des Gesetzes: "Hartz" ist Programm , ein sog. verurteilter Manager, der keinerlei soziales Gewissen weder gehabt noch gekannt hat,nur wußte wie er sich am System bedienen kann.

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