Computerspiel "Dante's Inferno" Das ist die Hölle

Wer hat schon Dante gelesen? Ausgerechnet ein Actionspiel rettet das Weltkulturerbe. Ein Besuch bei den Entwicklern von "Inferno" in San Francisco

Mit Dantes Hölle ist es wie mit New York: Man kennt sich aus, aber nur irgendwie so. Jeder weiß so ganz grob, dass es im Inferno mehrere Kreise gibt, in denen die Sünder nach einem ausgeklügelten System gemartert werden – je weiter innen, desto schlimmer. Den Rest kann man sich ausdenken. Irgendwo in der Mitte wird bestimmt auch die chinesische Wassertropfenfolter angewendet, oder es läuft die ganze Zeit Enter Sandman von Metallica.

Das ist das Praktische an den großen, schweren Stoffen der Kulturgeschichte: Die Details bröckeln mit den Jahrhunderten weg, aber die Rudimente bleiben im kollektiven Gedächtnis stehen, und für Günther-Jauch-Fragen reicht das im Zweifelsfall sogar. Außer ein paar Italianistikstudenten haben heute wenige die 34 Gesänge des Inferno mit ihren 4720 Versen ganz durchgelesen – ganz zu schweigen von den übrigen 66 Gesängen der Göttlichen Komödie, die nur im ersten Teil von einem Abstieg in die Unterwelt handelt.

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Aber das hier soll keine Dietrich-Schwanitz-Gedächtnisfeier werden und auch keine Verkaufsveranstaltung für Reclam-Heftchen. Denn seit Entstehung der Massenkultur gibt es Ersatz für das einsame Studium der Quellen. Noch vor einem halben Jahrhundert wimmelte Hollywood nur so von verwegenen Drehbuchschreibern, die den Studios sämtliche Monumentalstoffe des Altertums andrehen wollten. Die Ermordung von Cäsar, Trojas Fall, der Auszug aus Ägypten – all diese Mythen wurden unter Einsatz von Pappmaschee und Sandalen für das zwanzigste Jahrhundert gerettet. Wer die Taten des Herakles nicht von Gustav Schwab kannte, der hatte keine Chance, den schweißglänzenden B-Movies über den Muskelhelden zu entkommen. Man kann das als Trash bekritteln, aber klassische Inhalte halten solche Verpackungen locker aus.

Nur Goofy und Daniel Düsentrieb hatten sich bisher an Dante gewagt

Dantes Göttliche Komödie aber, das wichtigste Werk des europäischen Mittelalters, hat die Filmindustrie verpasst. Es gab 1911 einen italienischen Stummfilm zum Inferno, der sehr viel später mit der Psychomusik von Tangerine Dream unterlegt wurde – und 2007 einen amerikanischen Untergrundfilm, der die Hölle nach Washington verlegte und die Verdammten in Whirlpools sieden ließ. Das Mainstreamkino aber konnte mit der Story eines Lebenden, der in die Hölle hinabsteigt, offenbar nichts anfangen. Wer nach einer populären Umsetzung des Versgedichts sucht, muss schon zu Walt Disneys Lustigen Taschenbüchern greifen, Band Nr. 88, da stellt Daniel Düsentrieb den Dante dar und Goofy seinen Begleiter Vergil.

Wenn die These vom Kulturverfall durch Medienwandel stimmt, sollte das Thema jetzt also von der Bildfläche verschwinden und in Vergessenheit geraten. Aber das wird nicht geschehen. Ausgerechnet die elektronische Unterhaltungsindustrie, die längst höhere Umsätze macht als die Filmindustrie, hat die Sicherung dieses Weltkulturerbes übernommen und ein Computerspiel zu Dantes Inferno entwickelt. Und es handelt sich dabei nicht um ein obskures Kunstprojekt, das später auf südfranzösischen Medienfestivals vorgeführt werden soll, um zu beweisen, dass es auch künstlerisch wertvolle Konsolenspiele gibt.

Nein, es geht um einen echten Blockbuster, produziert vom Weltmarktführer Electronic Arts, und die Zielgruppe sind genau jene erfahrenen Gamer, die sich sonst durch kriegsähnliche Zustände in staubigen Schwellenländern hindurchballern oder historisch nicht belegbaren Fabelwesen die Köpfe abhacken. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass jetzt auf einmal Millionen von Jungs in Karohemden das Gedicht zum Spiel bei Amazon bestellen. Aber allein die Tatsache, dass sich unzählige Nerds in den nächsten Wochen mit den Geistern von Papst Clemens V., dem florentinischen Welfen Filippo Argenti oder dem Stauferkaiser Friedrich II. herumschlagen müssen, ist eine Sensation.

In der Lobby von Electronic Arts, dessen Hauptquartier wie ein idyllischer Campus in Redwood Shores bei San Francisco liegt, ist nur wenig davon zu spüren, dass hier mit Stoffen hantiert wird, die sonst auf Historikerkongressen ausgepackt werden. Die Sofas sind knallrot und knautschig, und auf einem Monitor laufen Werbefilme für Videospiele, in denen Eierkopfcowboys mit riesigen Schnurrbärten Rodeo reiten. In solchen Kindereien sah die Spielebranche in letzter Zeit ihre Zukunft: harmloser Quatsch für die ganze Familie.

Leser-Kommentare
    • Runan
    • 03.02.2010 um 18:33 Uhr

    Danke für den tollen und vor allem unverkrampften Bericht,
    macht Lust aufs Spiel.

    Gruß
    Runan

  1. "...oder es läuft die ganze Zeit Enter Sandman von Metallica."

    Wie habe ich gelacht!

    Toller Artikel, bitte mehr davon.

  2. Das ist nicht die Sicherung, sondern die Schändung von Weltkulturerbe. Aber das ist typisch für unsere Zeit: man kokettiert mit Dingen, von denen man längst nur noch diffuse Vorstellungen hat, statt sich - ordinär gesprochen - einfach auf seinen Arsch zu setzen und die Commedia einmal gründlich durchzuarbeiten. Stattdessen werden wieder Heerscharen von Gamern vor ihren Konsolen hocken und die Zeit, die Dante für Bildung und Studium investiert hätte, damit vertun, auf kleinen bunten Knöpfchen herumzudrücken. Wenn DAS nicht degeneriert ist, was dann?

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    • Talor
    • 03.02.2010 um 22:47 Uhr

    Am besten verbieten wir gleich alle Spiele und auch sonst jegliche Form von Spaß und Unterhaltung, damit selbst Grundschulkinder endlich lernen, dass es im Leben nur aufs Lernen ankommt, oder?

    Sie wissen aber schon, dass in spätestens 20 Jahren ein großer Teil der Streitkräfte vollautomatisiert sein wird?

    Da wird niemand mehr im Panzer sitzen. Schon heute werden die sog. "Predators" über Pakistan per Satelliten-Link aus den USA am Bildschirm ferngesteuert.

    Was denken Sie Wer wohl da am Bildschirm sitzt, bzw. sitzen wird? Bestimmt keine Kinder die Playstationverbot hatten. Ihr Aufruf, sehr geehrter Unzeitgemäß, gefährdet die Nationale Sicherheit. Und ja, es gibt Ihn tatsächlich, den gerechten Krieg. Wenn auch selten. Er nennt sich "akute Notwehr".

    Schon man daran gedacht das Spiele wie diese Menschen zum Lesen der Göttlichen Komödie bringen könnte?

    "Das ist nicht die Sicherung, sondern die Schändung von Weltkulturerbe. Aber das ist typisch für unsere Zeit: man kokettiert mit Dingen, von denen man längst nur noch diffuse Vorstellungen hat, statt sich - ordinär gesprochen - einfach auf seinen Arsch zu setzen und die Commedia einmal gründlich durchzuarbeiten."

    Jede Generation interpretiert die Klassiker neu - nur so bleiben sie aktuell und im Gedächtnis. Und solche Neuinterpretationen geben vielen Menschen erst den Anstoß, sich wieder mit den Klassikern zu beschäftigen. Wäre es Ihnen lieber, wenn dies einem kleinen Kreis von Germanisten vorbehalten wäre?

    Tempora mutantur nos et mutamur in illis.

    Lieber unzeitgemäßer Kommentator,
    in der täglich kommen hunderte neue Bücher auf den Markt, die irgendwann alle zu Klassikern werden, die alle gelesen werden wollen. Ich bestreite nicht, dass es auch alte Schätze gibt, die bewart werden sollen und auch trotz vieler Jahrhunderte, die seit ihrem Schreiben vergangen sind, auch heute noch Relevanz besitzen. Aber die Zeit der großen Geschichten ist vielleicht auch vorbei. Zu jedem Spezialthema finden Sie interessanten Bildungsstoff. Und der will selektiert werden. ALLES zu lesen ist ein Ding der Unmöglichkeit.

    Dazu kommt noch, dass wir in einer Welt leben, in der wir täglich gefordert werden. Hier ein Artikel, dort ein neues Buch. Das (Welt)Wissen nimmt ständig zu und will von jedem aufgearbeitet sein. Ich denke wir sind quantitativ intellektuell mehr gefordert denn je. Da darf es auch mal Kultur mit ein bisschen Spaß sein. Wobei ich nicht ganz verstehe, warum sich das ausschließt. Eine Theaterinszenierung eines guten Werkes, eine malerische oder musikalische Interpretation - all das wird als Bereicherung betrachtet. Eine Perspektiverweiterung über das Werk hinaus; vielleicht als eine zeitgemäß bereichernde NeuInterpretation. Warum sollte eine solche Perspektiverweiterung nicht auch mal einem sehr zeitgemäßen Medium wie dem Computerspiel zu getraut werden. In die Rolle eines Helden zu schlüpfen bietet womöglich das Potenzial das Werk viel intensiver zu erleben. Erleben Sie bewährtes und bewartes doch mal neu.

    • Talor
    • 03.02.2010 um 22:47 Uhr

    Am besten verbieten wir gleich alle Spiele und auch sonst jegliche Form von Spaß und Unterhaltung, damit selbst Grundschulkinder endlich lernen, dass es im Leben nur aufs Lernen ankommt, oder?

    Sie wissen aber schon, dass in spätestens 20 Jahren ein großer Teil der Streitkräfte vollautomatisiert sein wird?

    Da wird niemand mehr im Panzer sitzen. Schon heute werden die sog. "Predators" über Pakistan per Satelliten-Link aus den USA am Bildschirm ferngesteuert.

    Was denken Sie Wer wohl da am Bildschirm sitzt, bzw. sitzen wird? Bestimmt keine Kinder die Playstationverbot hatten. Ihr Aufruf, sehr geehrter Unzeitgemäß, gefährdet die Nationale Sicherheit. Und ja, es gibt Ihn tatsächlich, den gerechten Krieg. Wenn auch selten. Er nennt sich "akute Notwehr".

    Schon man daran gedacht das Spiele wie diese Menschen zum Lesen der Göttlichen Komödie bringen könnte?

    "Das ist nicht die Sicherung, sondern die Schändung von Weltkulturerbe. Aber das ist typisch für unsere Zeit: man kokettiert mit Dingen, von denen man längst nur noch diffuse Vorstellungen hat, statt sich - ordinär gesprochen - einfach auf seinen Arsch zu setzen und die Commedia einmal gründlich durchzuarbeiten."

    Jede Generation interpretiert die Klassiker neu - nur so bleiben sie aktuell und im Gedächtnis. Und solche Neuinterpretationen geben vielen Menschen erst den Anstoß, sich wieder mit den Klassikern zu beschäftigen. Wäre es Ihnen lieber, wenn dies einem kleinen Kreis von Germanisten vorbehalten wäre?

    Tempora mutantur nos et mutamur in illis.

    Lieber unzeitgemäßer Kommentator,
    in der täglich kommen hunderte neue Bücher auf den Markt, die irgendwann alle zu Klassikern werden, die alle gelesen werden wollen. Ich bestreite nicht, dass es auch alte Schätze gibt, die bewart werden sollen und auch trotz vieler Jahrhunderte, die seit ihrem Schreiben vergangen sind, auch heute noch Relevanz besitzen. Aber die Zeit der großen Geschichten ist vielleicht auch vorbei. Zu jedem Spezialthema finden Sie interessanten Bildungsstoff. Und der will selektiert werden. ALLES zu lesen ist ein Ding der Unmöglichkeit.

    Dazu kommt noch, dass wir in einer Welt leben, in der wir täglich gefordert werden. Hier ein Artikel, dort ein neues Buch. Das (Welt)Wissen nimmt ständig zu und will von jedem aufgearbeitet sein. Ich denke wir sind quantitativ intellektuell mehr gefordert denn je. Da darf es auch mal Kultur mit ein bisschen Spaß sein. Wobei ich nicht ganz verstehe, warum sich das ausschließt. Eine Theaterinszenierung eines guten Werkes, eine malerische oder musikalische Interpretation - all das wird als Bereicherung betrachtet. Eine Perspektiverweiterung über das Werk hinaus; vielleicht als eine zeitgemäß bereichernde NeuInterpretation. Warum sollte eine solche Perspektiverweiterung nicht auch mal einem sehr zeitgemäßen Medium wie dem Computerspiel zu getraut werden. In die Rolle eines Helden zu schlüpfen bietet womöglich das Potenzial das Werk viel intensiver zu erleben. Erleben Sie bewährtes und bewartes doch mal neu.

    • Talor
    • 03.02.2010 um 22:47 Uhr

    Am besten verbieten wir gleich alle Spiele und auch sonst jegliche Form von Spaß und Unterhaltung, damit selbst Grundschulkinder endlich lernen, dass es im Leben nur aufs Lernen ankommt, oder?

    Antwort auf "Pfui Teufel"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ein Weniger an Spaß und Unterhaltung wäre in diesen Tagen durchaus angebracht, bevor die Blödheit überhand nimmt. Der Spaß-Wahn wird in der gesellschaftlichen und politischen Kultur dieses Landes noch seinen Niederschlag finden. Und dann werden wir wenig zu lachen haben.

    Ein Weniger an Spaß und Unterhaltung wäre in diesen Tagen durchaus angebracht, bevor die Blödheit überhand nimmt. Der Spaß-Wahn wird in der gesellschaftlichen und politischen Kultur dieses Landes noch seinen Niederschlag finden. Und dann werden wir wenig zu lachen haben.

  3. 5. ...

    Ein Weniger an Spaß und Unterhaltung wäre in diesen Tagen durchaus angebracht, bevor die Blödheit überhand nimmt. Der Spaß-Wahn wird in der gesellschaftlichen und politischen Kultur dieses Landes noch seinen Niederschlag finden. Und dann werden wir wenig zu lachen haben.

    • KG
    • 03.02.2010 um 23:55 Uhr
    6. Albern

    Als ob das Lesen des Schinkens irgendwen im Leben weiterbringen würde - wem es Spaß macht bitte, aber zu denken, dass dies eine in irgendeiner Form bessere Form der Unterhaltung sei als das entsprechende Spiel, ist schon sehr kleingeistig.
    Da denke ich doch, dass sich besser jeder auf seine Art amüsieren sollte.

    Wäre ich anderer Meinung würde ich übrigens sagen: Man sollte seine Zeit nicht mit solchem Unsinn wie der göttlichen Komödie verschwenden, sondern lieber Physik, Biologie und Chemie studieren.

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    Die Frage, der es sich zu stellen gilt, ist doch, warum die Lektüre schwieriger Texte schon gar nicht mehr als unterhaltsam gedacht werden kann. Es geht hier auch nicht um die "bessere Form der Unterhaltung", sondern vielmehr darum, dass geistige Herausforderung als solche zunehmend als lästige Anstrengung gesehen wird. Das betrifft Physik, Biologie und Chemie genauso. Aber bitte - ein jeder besitzt die Freiheit, unter seinen Möglichkeiten zu leben.

    Die Frage, der es sich zu stellen gilt, ist doch, warum die Lektüre schwieriger Texte schon gar nicht mehr als unterhaltsam gedacht werden kann. Es geht hier auch nicht um die "bessere Form der Unterhaltung", sondern vielmehr darum, dass geistige Herausforderung als solche zunehmend als lästige Anstrengung gesehen wird. Das betrifft Physik, Biologie und Chemie genauso. Aber bitte - ein jeder besitzt die Freiheit, unter seinen Möglichkeiten zu leben.

  4. Sie wissen aber schon, dass in spätestens 20 Jahren ein großer Teil der Streitkräfte vollautomatisiert sein wird?

    Da wird niemand mehr im Panzer sitzen. Schon heute werden die sog. "Predators" über Pakistan per Satelliten-Link aus den USA am Bildschirm ferngesteuert.

    Was denken Sie Wer wohl da am Bildschirm sitzt, bzw. sitzen wird? Bestimmt keine Kinder die Playstationverbot hatten. Ihr Aufruf, sehr geehrter Unzeitgemäß, gefährdet die Nationale Sicherheit. Und ja, es gibt Ihn tatsächlich, den gerechten Krieg. Wenn auch selten. Er nennt sich "akute Notwehr".

    Antwort auf "Pfui Teufel"
  5. Schon man daran gedacht das Spiele wie diese Menschen zum Lesen der Göttlichen Komödie bringen könnte?

    Antwort auf "Pfui Teufel"

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