Computerspiel "Dante's Inferno" Das ist die HölleSeite 3/3

Während der Produzent die Architektur des Inferno fast historisch-kritisch nachbaute, ließ er die Handlung amerikanisieren: Beatrice, Dantes ewige Angebetete, ist in den Wirren des florentinischen Bürgerkriegs von Luzifer gekidnappt worden. Und Dante, der (historisch unmöglich) unter Richard Löwenherz am Dritten Kreuzzug teilgenommen hat, bahnt sich, mit schwerster Schuld beladen, seinen Weg zu ihr. Dabei haut er alles kurz und klein, was ihm in die Quere kommt. Der römische Dichter Vergil, der in Dantes Inferno den omnipräsenten Reiseführer gibt, ist in Dante’s Inferno nur ein Audio-Guide, der aus dem Off den Originaltext rezitiert. »Das Gute an Vergil ist«, sagt Knight: »Man kann ihn skippen.«

Jeder anständige Lateinlehrer würde hier aufschreien, aber es handelt sich ja immer noch um ein Genrespiel und nicht um eine Lernsoftware. Und sogar die Adrenalisierung des Stoffes ist bestens durchdacht. Das erfundene Kidnapping-Motiv etwa begründet Knight mit dem Persephone-Mythos: Die sei ja auch von Hades in die Hölle entführt worden. Außerdem müsse man sich den historischen Dante (immerhin der Urenkel eines Kreuzfahrers) als gespaltene Persönlichkeit vorstellen: einen Stalker in Liebesdingen, der politisch auf der Verliererseite stand und Dichtung als Instrument der Rache benutzte. »Ich bin mir sicher, dass ihm unsere Arbeit gefallen hätte.«

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Wie fühlt es sich an, Inferno zu spielen? Ein bisschen so, als hätte man einen Spielautomaten im Unterbewusstsein des Abendlands aufgestellt. Im Höllenkreis der Lust präsentiert eine riesige Kleopatra ihre Scham, im Völlerei-Level defäkieren sackförmige Hieronymus-Bosch-Wesen, im Kreis der Habgier hortet ein hageres Doppelwesen mit einem Arm das Gold, das es mit dem anderen verschleudert. Und immer, wenn ein Sünder in den Weg tritt, zum Beispiel Pontius Pilatus oder Friedrich II., jener römisch-deutsche Kaiser, der Krieg gegen den Papst zu führen wagte – immer dann kann man entscheiden, ob man die gequälte Seele mit einer Sense richten oder mit einem Kreuz erlösen möchte, wobei Gnadenakte das Seelenkonto auffüllen.

Manchmal würde man in dem Trubel gerne eine Weile ausruhen und sich irgendwo hinsetzen, so wie der Held der Göttlichen Komödie, den Rodin in der berühmten Denkerpose in Bronze gehauen hat. Es ist schon verrückt, dass die Hölle sogar in eine Rechenmaschine passt.

Dante’s Inferno erscheint am 4. Februar für Xbox 360, Playstation 3 und PSPt

 
Leser-Kommentare
    • Runan
    • 03.02.2010 um 18:33 Uhr

    Danke für den tollen und vor allem unverkrampften Bericht,
    macht Lust aufs Spiel.

    Gruß
    Runan

  1. "...oder es läuft die ganze Zeit Enter Sandman von Metallica."

    Wie habe ich gelacht!

    Toller Artikel, bitte mehr davon.

  2. Das ist nicht die Sicherung, sondern die Schändung von Weltkulturerbe. Aber das ist typisch für unsere Zeit: man kokettiert mit Dingen, von denen man längst nur noch diffuse Vorstellungen hat, statt sich - ordinär gesprochen - einfach auf seinen Arsch zu setzen und die Commedia einmal gründlich durchzuarbeiten. Stattdessen werden wieder Heerscharen von Gamern vor ihren Konsolen hocken und die Zeit, die Dante für Bildung und Studium investiert hätte, damit vertun, auf kleinen bunten Knöpfchen herumzudrücken. Wenn DAS nicht degeneriert ist, was dann?

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    • Talor
    • 03.02.2010 um 22:47 Uhr

    Am besten verbieten wir gleich alle Spiele und auch sonst jegliche Form von Spaß und Unterhaltung, damit selbst Grundschulkinder endlich lernen, dass es im Leben nur aufs Lernen ankommt, oder?

    Sie wissen aber schon, dass in spätestens 20 Jahren ein großer Teil der Streitkräfte vollautomatisiert sein wird?

    Da wird niemand mehr im Panzer sitzen. Schon heute werden die sog. "Predators" über Pakistan per Satelliten-Link aus den USA am Bildschirm ferngesteuert.

    Was denken Sie Wer wohl da am Bildschirm sitzt, bzw. sitzen wird? Bestimmt keine Kinder die Playstationverbot hatten. Ihr Aufruf, sehr geehrter Unzeitgemäß, gefährdet die Nationale Sicherheit. Und ja, es gibt Ihn tatsächlich, den gerechten Krieg. Wenn auch selten. Er nennt sich "akute Notwehr".

    Schon man daran gedacht das Spiele wie diese Menschen zum Lesen der Göttlichen Komödie bringen könnte?

    "Das ist nicht die Sicherung, sondern die Schändung von Weltkulturerbe. Aber das ist typisch für unsere Zeit: man kokettiert mit Dingen, von denen man längst nur noch diffuse Vorstellungen hat, statt sich - ordinär gesprochen - einfach auf seinen Arsch zu setzen und die Commedia einmal gründlich durchzuarbeiten."

    Jede Generation interpretiert die Klassiker neu - nur so bleiben sie aktuell und im Gedächtnis. Und solche Neuinterpretationen geben vielen Menschen erst den Anstoß, sich wieder mit den Klassikern zu beschäftigen. Wäre es Ihnen lieber, wenn dies einem kleinen Kreis von Germanisten vorbehalten wäre?

    Tempora mutantur nos et mutamur in illis.

    Lieber unzeitgemäßer Kommentator,
    in der täglich kommen hunderte neue Bücher auf den Markt, die irgendwann alle zu Klassikern werden, die alle gelesen werden wollen. Ich bestreite nicht, dass es auch alte Schätze gibt, die bewart werden sollen und auch trotz vieler Jahrhunderte, die seit ihrem Schreiben vergangen sind, auch heute noch Relevanz besitzen. Aber die Zeit der großen Geschichten ist vielleicht auch vorbei. Zu jedem Spezialthema finden Sie interessanten Bildungsstoff. Und der will selektiert werden. ALLES zu lesen ist ein Ding der Unmöglichkeit.

    Dazu kommt noch, dass wir in einer Welt leben, in der wir täglich gefordert werden. Hier ein Artikel, dort ein neues Buch. Das (Welt)Wissen nimmt ständig zu und will von jedem aufgearbeitet sein. Ich denke wir sind quantitativ intellektuell mehr gefordert denn je. Da darf es auch mal Kultur mit ein bisschen Spaß sein. Wobei ich nicht ganz verstehe, warum sich das ausschließt. Eine Theaterinszenierung eines guten Werkes, eine malerische oder musikalische Interpretation - all das wird als Bereicherung betrachtet. Eine Perspektiverweiterung über das Werk hinaus; vielleicht als eine zeitgemäß bereichernde NeuInterpretation. Warum sollte eine solche Perspektiverweiterung nicht auch mal einem sehr zeitgemäßen Medium wie dem Computerspiel zu getraut werden. In die Rolle eines Helden zu schlüpfen bietet womöglich das Potenzial das Werk viel intensiver zu erleben. Erleben Sie bewährtes und bewartes doch mal neu.

    • Talor
    • 03.02.2010 um 22:47 Uhr

    Am besten verbieten wir gleich alle Spiele und auch sonst jegliche Form von Spaß und Unterhaltung, damit selbst Grundschulkinder endlich lernen, dass es im Leben nur aufs Lernen ankommt, oder?

    Sie wissen aber schon, dass in spätestens 20 Jahren ein großer Teil der Streitkräfte vollautomatisiert sein wird?

    Da wird niemand mehr im Panzer sitzen. Schon heute werden die sog. "Predators" über Pakistan per Satelliten-Link aus den USA am Bildschirm ferngesteuert.

    Was denken Sie Wer wohl da am Bildschirm sitzt, bzw. sitzen wird? Bestimmt keine Kinder die Playstationverbot hatten. Ihr Aufruf, sehr geehrter Unzeitgemäß, gefährdet die Nationale Sicherheit. Und ja, es gibt Ihn tatsächlich, den gerechten Krieg. Wenn auch selten. Er nennt sich "akute Notwehr".

    Schon man daran gedacht das Spiele wie diese Menschen zum Lesen der Göttlichen Komödie bringen könnte?

    "Das ist nicht die Sicherung, sondern die Schändung von Weltkulturerbe. Aber das ist typisch für unsere Zeit: man kokettiert mit Dingen, von denen man längst nur noch diffuse Vorstellungen hat, statt sich - ordinär gesprochen - einfach auf seinen Arsch zu setzen und die Commedia einmal gründlich durchzuarbeiten."

    Jede Generation interpretiert die Klassiker neu - nur so bleiben sie aktuell und im Gedächtnis. Und solche Neuinterpretationen geben vielen Menschen erst den Anstoß, sich wieder mit den Klassikern zu beschäftigen. Wäre es Ihnen lieber, wenn dies einem kleinen Kreis von Germanisten vorbehalten wäre?

    Tempora mutantur nos et mutamur in illis.

    Lieber unzeitgemäßer Kommentator,
    in der täglich kommen hunderte neue Bücher auf den Markt, die irgendwann alle zu Klassikern werden, die alle gelesen werden wollen. Ich bestreite nicht, dass es auch alte Schätze gibt, die bewart werden sollen und auch trotz vieler Jahrhunderte, die seit ihrem Schreiben vergangen sind, auch heute noch Relevanz besitzen. Aber die Zeit der großen Geschichten ist vielleicht auch vorbei. Zu jedem Spezialthema finden Sie interessanten Bildungsstoff. Und der will selektiert werden. ALLES zu lesen ist ein Ding der Unmöglichkeit.

    Dazu kommt noch, dass wir in einer Welt leben, in der wir täglich gefordert werden. Hier ein Artikel, dort ein neues Buch. Das (Welt)Wissen nimmt ständig zu und will von jedem aufgearbeitet sein. Ich denke wir sind quantitativ intellektuell mehr gefordert denn je. Da darf es auch mal Kultur mit ein bisschen Spaß sein. Wobei ich nicht ganz verstehe, warum sich das ausschließt. Eine Theaterinszenierung eines guten Werkes, eine malerische oder musikalische Interpretation - all das wird als Bereicherung betrachtet. Eine Perspektiverweiterung über das Werk hinaus; vielleicht als eine zeitgemäß bereichernde NeuInterpretation. Warum sollte eine solche Perspektiverweiterung nicht auch mal einem sehr zeitgemäßen Medium wie dem Computerspiel zu getraut werden. In die Rolle eines Helden zu schlüpfen bietet womöglich das Potenzial das Werk viel intensiver zu erleben. Erleben Sie bewährtes und bewartes doch mal neu.

    • Talor
    • 03.02.2010 um 22:47 Uhr

    Am besten verbieten wir gleich alle Spiele und auch sonst jegliche Form von Spaß und Unterhaltung, damit selbst Grundschulkinder endlich lernen, dass es im Leben nur aufs Lernen ankommt, oder?

    Antwort auf "Pfui Teufel"
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    Ein Weniger an Spaß und Unterhaltung wäre in diesen Tagen durchaus angebracht, bevor die Blödheit überhand nimmt. Der Spaß-Wahn wird in der gesellschaftlichen und politischen Kultur dieses Landes noch seinen Niederschlag finden. Und dann werden wir wenig zu lachen haben.

    Ein Weniger an Spaß und Unterhaltung wäre in diesen Tagen durchaus angebracht, bevor die Blödheit überhand nimmt. Der Spaß-Wahn wird in der gesellschaftlichen und politischen Kultur dieses Landes noch seinen Niederschlag finden. Und dann werden wir wenig zu lachen haben.

  3. 5. ...

    Ein Weniger an Spaß und Unterhaltung wäre in diesen Tagen durchaus angebracht, bevor die Blödheit überhand nimmt. Der Spaß-Wahn wird in der gesellschaftlichen und politischen Kultur dieses Landes noch seinen Niederschlag finden. Und dann werden wir wenig zu lachen haben.

    • KG
    • 03.02.2010 um 23:55 Uhr
    6. Albern

    Als ob das Lesen des Schinkens irgendwen im Leben weiterbringen würde - wem es Spaß macht bitte, aber zu denken, dass dies eine in irgendeiner Form bessere Form der Unterhaltung sei als das entsprechende Spiel, ist schon sehr kleingeistig.
    Da denke ich doch, dass sich besser jeder auf seine Art amüsieren sollte.

    Wäre ich anderer Meinung würde ich übrigens sagen: Man sollte seine Zeit nicht mit solchem Unsinn wie der göttlichen Komödie verschwenden, sondern lieber Physik, Biologie und Chemie studieren.

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    Die Frage, der es sich zu stellen gilt, ist doch, warum die Lektüre schwieriger Texte schon gar nicht mehr als unterhaltsam gedacht werden kann. Es geht hier auch nicht um die "bessere Form der Unterhaltung", sondern vielmehr darum, dass geistige Herausforderung als solche zunehmend als lästige Anstrengung gesehen wird. Das betrifft Physik, Biologie und Chemie genauso. Aber bitte - ein jeder besitzt die Freiheit, unter seinen Möglichkeiten zu leben.

    Die Frage, der es sich zu stellen gilt, ist doch, warum die Lektüre schwieriger Texte schon gar nicht mehr als unterhaltsam gedacht werden kann. Es geht hier auch nicht um die "bessere Form der Unterhaltung", sondern vielmehr darum, dass geistige Herausforderung als solche zunehmend als lästige Anstrengung gesehen wird. Das betrifft Physik, Biologie und Chemie genauso. Aber bitte - ein jeder besitzt die Freiheit, unter seinen Möglichkeiten zu leben.

  4. Sie wissen aber schon, dass in spätestens 20 Jahren ein großer Teil der Streitkräfte vollautomatisiert sein wird?

    Da wird niemand mehr im Panzer sitzen. Schon heute werden die sog. "Predators" über Pakistan per Satelliten-Link aus den USA am Bildschirm ferngesteuert.

    Was denken Sie Wer wohl da am Bildschirm sitzt, bzw. sitzen wird? Bestimmt keine Kinder die Playstationverbot hatten. Ihr Aufruf, sehr geehrter Unzeitgemäß, gefährdet die Nationale Sicherheit. Und ja, es gibt Ihn tatsächlich, den gerechten Krieg. Wenn auch selten. Er nennt sich "akute Notwehr".

    Antwort auf "Pfui Teufel"
  5. Schon man daran gedacht das Spiele wie diese Menschen zum Lesen der Göttlichen Komödie bringen könnte?

    Antwort auf "Pfui Teufel"

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