Gesellschaftskritik Über Götz Georges Sprachkritik
Als "Scheiße"-Sagen noch half, trug Schimanski noch Parka – Mann, ist das lange her
Alle Welt fragt sich, mit welchem Recht Götz George, der als Tatort- Kommissar so gerne und häufig »Scheiße« sagte, sich heute über »vulgäre, obszöne Ausdrücke« der Jugendsprache empört. Ist der Mann, der seinerzeit den Nationalkrimi der Deutschen raubeinig modernisierte, einfach alt geworden? Und was hat er, der in einem Haushalt ohne Kinder lebt, überhaupt von dem Teenie-Slang zu befürchten?
Gemach! Zunächst einmal hat jeder, selbst ein Schauspieler, der gerne den verwahrlosten Junggesellen spielte, das Recht, sich über weitere Verwahrlosungen aufzuregen, insbesondere, wenn sie die semantische Umwelt betreffen, in der nun einmal auch ältere Mitbürger leben müssen. »Unsere Jugendsprache ist obszön, unschön und amerikanisiert – sie zeigt, wie versaut und unappetitlich unsere Kultur geworden ist.« Ein solcher Satz verrät authentischen Verdruss und einen kulturkritischen Ansatz, der doch auch sonst nicht für verkehrt gehalten wird.
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Des Weiteren muss man sich aber erinnern, dass die Kraftausdrücke, die Götz George als Kommissar Schimanski verwendete, seinerzeit zu weitläufiger Empörung des Publikums führten, also eine echte Neuerung und ein Alleinstellungsmerkmal der Rolle waren. Das Wörtchen »Scheiße« war, soziologisch gesprochen, ein Distinktionsgewinn. Es taugt aber natürlich zur Distinktion nicht mehr, wenn es üblich wird. Der tiefere Kummer Georges, von dem er vielleicht selbst nichts weiß, ist der Kummer des Künstlers, dem ein Kunstmittel aus der Hand geschlagen wird, das ihm ursprünglich alleine gehörte.
Und mehr noch: Fäkalsprache als Kunstmittel ist natürlich keineswegs ein Ausdruck der Enthemmung eines Schauspielers, sondern nur ein Zitat zur Kennzeichnung eines Milieus, dem der Schauspieler selbst keineswegs angehören muss, das er sogar hassen kann. Mit anderen Worten: Schimanski war vielleicht gar keine Figur, mit der Götz George jemals sympathisiert hat.
Und wenn doch? Dann wird man immerhin zugeben müssen, dass »Scheiße« ein altdeutscher Kraftausdruck ist, den George mit seiner Klage über die neuere Jugendsprache gar nicht mitgemeint haben muss. Sein eigentliches Hassbeispiel ist nämlich »geil«.
- Datum 29.01.2010 - 07:55 Uhr
- Serie Gesellschaftskritik
- Quelle ZEITmagazin, 28.01.2010 Nr. 05
- Kommentare 9
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Folge I
Leider werden die meisten nicht umhin können, diesen Satz zu bestätigen. Es ist natürlich zu fragen, ob es sich dabei um die Schilderung einer momentanen Situation handelt oder ob diese Feststellung auch früher schon galt bzw. prinzipiell im menschlichen Miteinander angelegt ist. Jugend- und Erwachsenensprache haben sich immer schon unterschieden, wohl aber nicht in dem Ausmaß wie gegenwärtig, „obszön“ sagt aus, dass heute im Ausdruck wie auch im gesellschaftlichen Umgang kaum mehr Hemmungen zu erkennen sind. Dass dies eine „unschöne“ Entwicklung ist, versteht sich von selbst. „Amerikanisiert“ ist gerade bei uns in Deutschland nicht nur die Jungendsprache. Viel verhängnisvoller und vom Gros der Landsleute nicht erkannt ist die Profilierungssucht der Erwachsenen, die mit ihrer Anbiederung an Englisch oder Denglisch ihre Muttersprache ruiniert, was aber überheblich belächelt oder gleichgültig akzeptiert, sogar als „fortschrittlich“ bei manchen angestrebt wird. Wir sind da leider ganz anders als unsere europäischen Nachbarn. Wahrscheinlich kommt beim Sprachniveau auch noch ein schichtenspezifisches Problem dazu: bildungsfernere Schichten scheuen sich wohl weniger, Ausdrücke aus der Fäkalsprache zu verwenden, Jugendliche auch nicht. Bildungsbürgerliche Schichten verzichten dagegen eher auf solches Vokabular und halten auch ihre Kinder an, es möglichst zu vermeiden.
Leider wurde der Ausgangssatz nicht kopiert: Er lautet:
»Unsere Jugendsprache ist obszön, unschön und amerikanisiert – sie zeigt, wie versaut und unappetitlich unsere Kultur geworden ist.«
Folge II
Dass Schimanskis Kennzeichen früher „Scheiße“ war, kann verschiedene Ursachen haben, war aber schon damals kaum ein Grund für Vorbildhaftigkeit. Warum soll Schimanski nicht dazulernen. Heute läuft die Entwicklung leider anders herum. Deutschland entwickelt sich immer mehr zu einer Hartz-IV-Gesellschaft, die Gott sei Dank nicht in jedem Fall so geartet ist: staatliche Finanztransfers in immer größerem Umfang, dadurch bedingte Passivität statt Eigeninitiative, Abschottung von der arbeitenden Bevölkerung, intensiver Medienkonsum (aber meist nur Unterschichtenfernsehen als Tagesbeschäftigung), ungesunde Ernährung, weil viele heutige Mütter oder Frauen wirkliches Kochen gar nicht mehr beherrschen und der Griff zu Fastfood viel einfacher, aber auch teurer ist. Die Folge davon sind: Bewegungsmangel, Verfettung; Krankheiten. Dazu kommen noch schlechte schulische Ausbildung und das damit verbundene Desinteresse, Bildungsgüter wie früher an die Kinder weiterzugeben. Wenn unser Land eine Chance haben will, mit anderen Ländern mithalten zu können, in denen eine solche unselige Entwicklung deutlich weniger ausgeprägt scheint, dann muss es den ernsthaften Versuch machen, aus diesem Teufelskreis herauszukommen.
Der vergangenen Mittwoch gesendete TV-Krimi „Zivilcourage“ mit Götz George war eben gerade ein Spiegelbild der angesprochenen Zustände: Der Buchhändler mit Antiquariat versucht einer fast analphabetischen Tochter Literatur nahe zu bringen.
Folge III
Deren Mutter zeigt so ziemlich alle Anzeichen einer Hartz IV-Persönlichkeit. Von daher hat die Tochter von ihr nicht viel zu erwarten. Trotz der gesellschaftlichen Barriere fühlt sie sich vom Buchhändler irgendwie angezogen: ein Umstand, der ihm wohl letztendlich das Leben rettet. Sie hatte nämlich das Handy ihres Freundes aus der Migrantenszene, welches das das brutale, krankenhausreife Zusammenschlagen eines unsensiblen alten Mannes festhält, gefunden, nicht zurückgeben und schließlich ins Internet gestellt. Da der Buchhändler als einziger den Mut hatte, den Schläger anzuzeigen, verliert er die Unterstützung seines vorher großspurig daherredenen Freundes, sogar seiner eigenen Tochter,die ihn nicht mehr sehen will. Er geht damit ein hohes Risiko ein, ist offenbar einer, der nicht wegschauen mag. Alle beugen sie sich der Angst vor der Willkür und Brutalität, die ausgeübt wird, wenn einer aus der die Straße beherrschenden Gruppe zur Verantwortung für sein Tun gezogen werden soll. „Glaubt ihr, dass wir immer nachgeben“, wirft er, glaube ich, sinngemäß den Aggressoren entgegen und verteidigt sich mit einer Pistole, bis die Polizei eintrifft.
Die ARD ist zu loben, dass sie einen solchen Film sendet, der weitgehend wirklichkeitsnah das Leben in unseren großstädtischen Parallelgesellschaften wieder gibt.
Folge IV
Das war bisher nicht selbstverständlich, glaubt eine auf Konsens um jeden Preis ausgerichtete Gesellschaft unbequeme Wahrheiten ignorieren oder ihnen aus dem Wege gehen zu können. Natürlich gibt es Gott sei Dank auch Beispiele für gelungene Integration und das lässt Hoffnungsschimmer aufkommen. Grundsätzlich richtig ist es aber, auf eine von „oben“, das heißt von Politik, Gesellschaft, Medien vorgegebene und tabubehaftete, erwünschte „Korrektheit“ zu verzichten und der Bevölkerung zu ermöglichen, sich eine eigene Meinung zu bilden.
ist dem Volk durchaus erlaubt, nur nicht, sie zu sagen. Zumindestens dann nicht, wenn die Meinung des einfachen Bürgers nicht der Weltsicht der herrschenden Kaste von Parteipolitikern, Wirtschaftsvertretern und publizistischen Meinungsmachern besteht.
Das Lieblingswort der Meinungsschaffenden, um Andersdenkende mundtot zu machen bzw einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Ansichten der breiten Bevölkerung aus dem Weg zu gehen, ist ja 'Populismus'.
Dass die Arroganz der Meinungsmacher dem Prinzip der Demokratie widerspricht und womöglich sogar auf Dauer die allgemeine Akzeptanz unserer politischen Gesellschaftsform sukzessive aushöhlt, wird dabei billigend in Kauf genommen.
Ach ja, wirklich?
Kaum zu glauben dass sich irgendjemand ausser vielleicht ein ZEIT-Autor solche tiefschürfende und episch im Flachwasser mäandernden, kulturkritischen Gedanken über authentischen Verdruß macht. Aber vielleicht ist das ja nur Kunst, so wie angeblich Fäkalsprache mal eine war.
Was wohl Götz George über diesen distinktiven soziologischen Diskurs denkt?
Jedenfalls eines ist wenigstens richtig hier: "..als Scheisse sagen noch half, ist halt schon lange her..."
Georges Beitrag zur "Amerikanisierung" von Sprache und Film beschränkt sich ja beileibe nicht auf ein salonfähig gewordenes gelegentliches 'Scheiße'. Seit seiner Zeit als Schimanski und ganzer Kerl kommt auch kein Film im deutschen Fernsehen, ob öffentlich-rechtlich oder privat, mehr ohne ausführliche Sexszenen aus. Die akzeptierte Umgangssprache ist nicht nur eine Fäkalsprache geworden,sondern auch auf unterstem Niveau vollkommen sexualisiert. Psychologen vermuten hinter obszön sexualisierter Sprache bei Kindern und Jugendlichen immer eine Missbrauchgeschichte. Insofern müssten unsere Fernsehmacher, Drehbuchschreiber und die Protagonisten deutscher Fernsehkunst alle Opfer von Kindsmissbrauch gewesen sein. Ich nehme auf keinen Fall an, dass sie unter das oben angeführte Klischee der Hartz-IV-Bezieher fallen.
Die ganze Gesellschaft krankt an dem Verlust von Grenzen und dem freiwilligen Verzicht auf Intimsphäre (die eigene oder die anderer: man denke nur an die Seuche des Handy-Blablas in Geschäften, Verkehrsmitteln, Straßen, Cafés etc.). Vor diesem Hintergrund könnte man sagen, dass George als Buchhändler in 'Zivilcourage' das erntet, was u. a. er als Schimanski gesäht hat.
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