Es sind, geben wir es zu, beeindruckende Bilder: Amerikanische Soldaten regeln den Flugverkehr in Port-au-Prince , US-Marines patrouillieren in der haitianischen Hauptstadt, amerikanische Hubschrauberpiloten transportieren Hilfsgüter. Send in the marines!, baten die Haitianer nach dem Erdbeben vom 12. Januar. Barack Obama sandte nicht nur ein paar Marineinfanteristen, sondern startete einen gigantischen humanitären Einsatz seiner Streitkräfte. Aus richtigen Motiven – und mit einem Gestus, der sagen wollte: Seht her, wir können ganz anders. Keine Scharfschützen, keine Drohnen. Nur gute Absichten und Lebensmittelpakete.

Dieser Einsatz ist ethisch und rechtlich gerechtfertigt. Und zwingend. Nicht, weil das US-Militär als Nothelfer geeigneter als andere wäre, sondern weil es auf absehbare Zeit keine Alternativen geben wird. Für einen globalen zivilen Katastrophenschutz oder auch eine gut ausgestattete dauerhafte UN-Truppe fehlt es der Staatengemeinschaft an Willen und Geld.

Eben deswegen ist dieser Einsatz politisch problematisch. Der Soldat, der bei Bedarf übergangslos von seiner Rolle als Krieger in die des Not- und Aufbauhelfers schlüpft; der zivile Helfer, der ohne militärische Unterstützung hilflos scheint – das sind Medienbilder, die eine gefährliche Entwicklung markieren: die Militarisierung des Humanitären. Denn was bedeutet es, wenn die Grenzen zwischen Krieg und Frieden verwischt werden?

Diese Entwicklung begann nicht in Haiti , auch nicht in Afghanistan , sie begann vor bald achtzehn Jahren in Somalia mit der Landung amerikanischer Elitetruppen am Strand von Mogadischu. Operation Restore Hope – Operation Hoffnung wiedergeben – sollte »ein sicheres Umfeld« für die Versorgung der hungernden Zivilbevölkerung in Somalia und einen historischen Präzedenzfall herstellen. Erstmals hatte die Medienberichterstattung über eine humanitäre Katastrophe unmittelbare militärische Konsequenzen. Der UN-Sicherheitsrat erklärte die Hungersnot in Somalia zur Gefahr für Frieden und Sicherheit, die USA setzten sich an die Spitze einer militärischen UN-Mission – und die Weltöffentlichkeit wurde Zeuge der ersten humanitären Intervention. Eine »neue Weltordnung der guten Absichten« schien geboren.

Die Operation Hoffnung wiedergeben endete in einem Debakel, in einer »Operation Nichts-wie-raus-hier«. Die Gründe sind vielfältig, aber an einige lohnt es zu erinnern – schon allein deswegen, weil sich die Fehler bis heute wiederholen: Die UN-Blauhelme waren schlecht ausgestattet und überfordert; die US-Truppen, bar jeder Kenntnis über Konfliktursachen und Klanstrukturen, aber strotzend vor militärischer Kraft, erklärten einen Klanchef zum Bösewicht, ließen sich auf einen Minikrieg ein, erlitten vor laufenden Kameras kleine, aber demütigende Verluste und kehrten heim.

Die Folgen dieses Debakels waren dramatisch. Für Somalia, das man so lange seinem Schicksal überließ, bis es Jahre später durch Piraten wieder auf sich aufmerksam machte. Für die Vereinten Nationen , deren Reputation schwer angeschlagen war – und zwei Jahre später für Ruanda : Denn als dort im April 1994 ein Genozid begann, weigerte sich die Clinton-Administration, und auf ihren Druck auch die Vereinten Nationen, einzugreifen – aus Angst vor einem »zweiten Somalia«. Die Weltgemeinschaft versagte also gerade in jenem Katastrophenfall, in dem es nur eine Reaktion geben konnte: die militärische.

In der noch jungen Geschichte der humanitären Intervention ist das Versagen in Ruanda der große Sündenfall. Wegen der horrenden Zahl der Toten und wegen des Verrats am Prinzip des Humanitären. Der Tatbestand des Genozids reichte nicht aus, die Staatengemeinschaft zu einer Intervention zu bewegen. Die geostrategischen Interessen waren nicht stark genug. Das Konzept der humanitären Intervention war unwiderruflich beschädigt – und die Beteuerungen des »Nie wieder« hörten sich ein Jahr später, nach dem Massaker an muslimischen Bosniern in Srebrenica , noch verlogener an.