Er kennt sich aus, ihm kann man nichts vormachen. "Ich merke es den Leuten an, wenn sie keine Arbeit haben", sagt Burkhard Bach*. "Ich sehe es in ihrem Blick, an der Art, wie sie zur Tür hereinkommen." Bach ist ein kleiner, drahtiger Mann von Mitte 50, der gern redet und seit bald drei Jahrzehnten in einer süddeutschen Universitätsstadt als Lehrer in der Erwachsenenbildung arbeitet. Es ist eine besondere Klientel, um die er sich kümmert. Menschen etwa, die nie einen Job hatten. Dazu schwer Vermittelbare und Überqualifizierte, Drückeberger und Pechvögel. "Vom Alkoholiker bis zum promovierten Ingenieur – ich hatte alle vor mir sitzen", sagt Bach. Er hat seine Leute in Buchführung unterrichtet, in Marketing, er hat ihnen erklärt, wie man Bewerbungen schreibt, und manchmal auch den Therapeuten gespielt. Burkhard Bach weiß, wie es sich anfühlt, 30 Jahre lang jeden Tag zu arbeiten und dann plötzlich aussortiert zu werden. Jedenfalls dachte er, er wisse das.

Bis es ihn selbst erwischte.

Im vergangenen Sommer bekam er einen Brief von seinem letzten Arbeitgeber. Sein Vertrag werde nicht verlängert, stand darin. In der Weiterbildungsbranche ist das nichts Ungewöhnliches. Das Neue für Bach war, dass er auch anderswo keinen Vertrag mehr bekam. Und das, obwohl er doch ausgerechnet in der Branche tätig war, die den Menschen auf die Beine half, damit sie arbeiten können, damit sie sich nützlich machen!

Seitdem bleibt Bachs Opel am Morgen auf dem Hof stehen. Sechs Monate habe er noch, sagt der gelernte Bankkaufmann und studierte Sozialpädagoge Burkhard Bach. "Noch 180 Tage. Dann fall ich in Hartz IV."

Es liegt an Menschen wie Burkhard Bach, dass in Deutschland gerade wieder erbittert über die Arbeitslosigkeit gestritten wird – und über den Sinn der Hartz-Gesetze. Es liegt an Leuten wie ihm, dass Politiker wie die neue Arbeitsministerin Ursula von der Leyen plötzlich mitfühlende Sätze sagen, die lange nicht zu hören waren: Arbeitslosigkeit ist kein Makel. Du bist nicht allein. Du bist nicht schuld, jedenfalls nicht in erster Linie. Wir kümmern uns.

Wir müssen Instrumente einsetzen, damit niemand das Leben von Hartz IV als angenehme Variante ansieht
Roland Koch (CDU)

Vor fünf Jahren klang das noch ganz anders. "Wer kann, muss ran" – mit solchen Sätzen wurden damals die vier Hartz-Gesetze auf den Weg gebracht: für neuartige Formen der Zeitarbeit, für Existenzgründungen von Ich-AGs durch ehemalige Arbeitslose, für eine schärfere Arbeitspflicht und dergleichen mehr. Es waren Sozialdemokraten wie der damalige Arbeitsminister Wolfgang Clement, die solche Sprüche klopften. Es sollte eine Jahrhundertreform werden. Ein Aufbruch. Deutschlands Arbeitswelt sollte saniert werden wie ein kränkelnder Betrieb. CDU und SPD waren sich einig. Viele Politiker, viele Kommentatoren wollten damals am liebsten einen noch radikaleren Umbau des Systems.

Doch zum Jahresbeginn 2010 sieht die Sache ganz anders aus. Hartz IV ist Alltag für sechs Millionen Menschen, die aus dieser Kombination von Sozialgeld und Arbeitslosengeld II leben. Hartz IV ist auch ein Schreckensszenario geworden für Millionen von Menschen, die morgen ohne Job dastehen könnten: für die Kurzarbeiter, die befristet Beschäftigten, die Angestellten in krisengeschüttelten Branchen bis weit hinauf in die Mittelschicht. "In der Krise schwindet die Akzeptanz für die Hartz-Gesetze bis weit in bürgerliche Kreise hinein", sagt der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Karl-Josef Laumann. Hartz IV sei zur "Chiffre für die Abstiegsangst der Deutschen" geworden, sagt der Jenaer Soziologe Stephan Lessenich.

Hartz IV hat die politische Landschaft in Deutschland verändert. Bei den Wahlen wurden Sozialdemokraten verlässlich abgestraft, auch bei den Genossen griff die Abstiegsangst um sich. Überall rücken Politiker von dem Reformwerk ab.

Hartz IV gilt als ein Makel. Ein Schandmal für jene, die staatliche Hilfe in Anspruch nehmen; ein Schlüsselwort für einen way of life der subventionierten Nutzlosigkeit und höchstwahrscheinlich auch der Faulheit. Es gibt heute Hartz-Kochbücher, Hartz-Ratgeber, Hartz-Kneipen. Es gibt Jugendliche, die das Wort "rumhängen" durch "hartzen" ersetzen und dennoch in dieser krisengeschüttelten Wirtschaftswelt trotzig "Hartz IV" als ihr Berufsziel angeben. Im Fernsehen kommt kaum eine Talkshow ohne einen Hartz-Empfänger aus, und der darf dann je nach Bedarf mal den faulen Arbeitslosen repräsentieren und mal das Opfer unfähiger Vermittler.

So ist aus der Jahrhundertreform eine politische Jahrhundertblamage geworden, ein Programm der sozialen Kälte, das statt einer Aufbruchstimmung vor allem Angst und Frust verbreitet hat – viele Menschen sehen es zumindest so. Wohl kaum eine Sozialreform zuvor hat das gesellschaftliche Klima stärker belastet als Hartz IV.