Helene Hegemann Wie sie euch gefälltSeite 3/3
Im Nebenzimmer ihrer Wohnung hockt noch immer ihre Freundin vor dem Computer. Helene geht zu ihr hinüber und zeigt auf dem Bildschirm einen Imagefilm, den sie zur Vermarktung ihres Buches gedreht hat. Darin sitzen Kinder, die reden wie Erwachsene, in einer Villa. Ein Junge im Anzug sagt: »Es wird nie wieder etwas Geileres in meinem Leben geben als Heroin.« Wie die Kinder in ihrem Film erscheint Helene Hegemann jung und alt zugleich. Sie hat die hohe Stimme, die absoluten Meinungen und das Kichern einer Pubertierenden. Und sie hat die Selbstreflexion, den Intellekt und die Sprache einer Erwachsenen. Auch der Titel ihres Romans Axolotl Roadkill ist eine Anspielung auf das Alter. Ein Axolotl ist ein mexikanischer Schwanzlurch, der niemals alt wird, ewig Kind bleibt.
Helenes Mutter starb vor ihren Augen, als ein Aneurysma in ihrem Hirn platzte. Das Verhältnis zu ihr war nicht einfach gewesen. Wenn man sie heute nach diesem ihrem früheren Leben fragt, sagt sie: »Das war wie eine Art Duldungsstarre. Ich dachte immer, da muss noch was anderes kommen.« Nach dem Tod ihrer Mutter wohnte ihr Vater für ein halbes Jahr in Bochum. Sie begleitete ihn nach Wien, weil er dort mit Christoph Schlingensief ein Stück inszenierte. »Ich fand die Leute da so wahnsinnig cool, ich habe mich verstanden gefühlt. Das hatte viel mehr mit mir zu tun als alles davor«, erinnert sie sich. Vier Wochen später zog Hegemann nach Berlin.
In Berlin begann sie, ins Theater zu gehen, und zwar exzessiv. Hegemann lebte fast in der Kantine der Volksbühne. »Groupiemäßig« findet sie das heute. Sie lauschte den Gesprächen der Theaterleute, studierte ihre Ausdrucksweise, beobachtete ihre Bewegungen. Sie eignete sich ein neues, ihr zweites Leben an.
Es bleiben viele Fragen: Wie fühlt es sich an, von einem Moment zum nächsten ein völlig neues Leben zu beginnen? Wie hält eine 13-Jährige es aus, ihre Mutter zu verlieren? Es ist schwer, darauf Antworten von Hegemann zu bekommen, ihre Haare geben, wenn man diese Fragen stellt, kaum noch ihre Augen frei. »Ich habe mich eine Zeit lang damit auseinandergesetzt. Jetzt ist das kein Problem mehr.«
Einmal hat sie sich in einem Interview selbst als »gestörten Teenager« bezeichnet. Sie war bei mehreren Therapeuten, gebracht hat es nichts, sagt sie. »Ich wusste, woher meine Verhaltensweise kommt. Und die dachten, ich hätte kein Bewusstsein dafür, ich nähme mich selbst nicht wahr.« Dabei nimmt sie sich ununterbrochen wahr, manchmal wirkt sie so empfindsam, so wund – wie ein Mädchen ohne Haut. Und je näher der Veröffentlichungstermin ihres Romans rückt, desto stärker wirkt die Erkenntnis, dass nicht alles kontrollierbar ist. Beim Fototermin für diese Geschichte fällt Hegemann zweimal in Ohnmacht. Es ist einer dieser Augenblicke, in denen man Angst um sie bekommt. Sie wirkt dann so alt, wie sie wirklich ist: sehr jung.
Einige Wochen bevor ihr Buch erscheint, sitzt Helene in einem Café in Mitte, sie ist mit ihrer Produzentin von Credofilm verabredet. Helene erzählt ihr von dem neuen Drehbuch, an dem sie schreibt. Ein Horrorfilm, es geht um Doppelgänger, die unverzüglich getötet werden müssen. »Ganz super, Helene, das musst du unbedingt machen«, sagt die Produzentin.
Vor zwei Jahren gab Helene bei der Sekretärin von Credofilm das Drehbuch für Torpedo ab. Dem legte sie einen Brief bei, ein paar herausgerissene Blätter aus einem Matheheft. »Ein Superbrief«, sagt die Produzentin. Was genau darin stand, will sie nicht sagen. Aber sie produzierte den Film. »Helene war toll«, sagt sie und schaut sie von der Seite an, Bewunderung im Blick. Die Produzentin findet an diesem Nachmittag alles großartig, was Hegemann sagt. Helene ist ein Mädchen, dem Erwachsene gern gefallen wollen. In ihrer Nähe fühlen sie sich hip. Ein Teenager, der klüger ist als die meisten Dreißigjährigen – ein bisschen schräg, aber irgendwie cool.
Wenn man mit Hegemann über Männer und Frauen spricht, grinst sie und sagt: »Diese heterosexuelle Matrix kickt mich nicht.« Sie erzählt, dass sie gerade eine Liebe in München hat, eine komplizierte. »Ich hatte noch nie so eine standardisierte Beziehung. Sobald es nicht mehr anstrengend oder gefährlich ist, finde ich es langweilig.« Auch der Institution Familie kann sie nicht viel abgewinnen. »Es wird sich dahin entwickeln, dass Freunde die Familie sind. Die Familie an sich ist nicht kapitalismusgeeignet. Die Rückbesinnung darauf ist wirklich nur Melancholie.«
Helene Hegemann hat nie in einer normalen Familie gelebt. Sie hat noch nie normal gelebt. Und wie es aussieht, wird sie das auch als Erwachsene nicht tun.
- Datum 28.01.2010 - 07:53 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 28.01.2010 Nr. 05
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Es sind schon ganz andere Menschen erwachsen geworden, die das vielleicht gar nicht wollten. Oder nicht viel dazu beigetragen haben. Helene Hegemann wird das ebenfalls schaffen - obwohl sie es eventuell gar nicht will.
Wer die Feuchtgebiete durchwandert hat, ist halt ein paar Schritte weiter. So wird's auch Hegemann gehen.
Hat die 15-, 16- oder 17-jährige Hegemann sich selbst inszeniert? Nein. Sie hat wohl nur mitgespielt, als es entsprechende Impulse von außen gab. Sie war bzw. ist die "Schwierige" - verständlich in diesem Alter! - und das nutzen ihre "Entdecker" und sie selbst aus.
Attitüde statt Persönlichkeit?
Wer früh zum Scheidungskind wird, mit 13 den Tod der Mutter miterleben muss, dann zum Vater zieht, den härtet das Leben schneller. Und doch ist dem ZEIT-Text erkennbar zu entnehmen, dass Helene Hegemann schon gut weiß, wie sie durch Antworten und Verhaltensweisen auf sich aufmerksam machen kann oder gar versucht, ihre Interviewer zu irritieren.
Wird so ein Literaturstar gemacht?
Ganz so einfach scheint es nicht zu sein. Francoise Sagan schrieb z.B. mit 18 Jahren ihren sehr schnell berühmt gewordenen Roman "Bonjour tristesse". Danach - und das scheint der Nachteil junger Genies zu sein - hecheln diese ein Leben lang hinter diesem Erfolg her.
Helene Hegemann ist "auffällig" geworden. Warten wir mal ab, ob ihr Name auch in zwei, drei Jahren noch in aller Munde ist. Kann sein, dass sie das gar nicht will. Oder zumindest so tut.
Talent scheint sie zu haben!
Und auch sehr richtig diagnostiziert. Vermutlich wird Madame genauso schnell wieder hinter dem Vorhang verschwinden wie seinerzeit Benjamin Lebert, der auch recht früh der Star war und dann stark nachgelassen wurde.
Und auch sehr richtig diagnostiziert. Vermutlich wird Madame genauso schnell wieder hinter dem Vorhang verschwinden wie seinerzeit Benjamin Lebert, der auch recht früh der Star war und dann stark nachgelassen wurde.
[...] (Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion /ft)
»Vierzehn sein ist ja ganz schrecklich«, sagt sie dann. Solche Sätze sagt sie oft. Sie sind kurz, absolut, immer volle Kante.
Das ist etwa so, wie sich die 12klässlerin von der 10klässlerin abgrenzt, weil sie sich schon als Große fühlt.
...bashing? Von wegen "hässlich" und so?
Es wird doch aus dem Artikel ziemlich ersichtlich,dass es primär um Vermarktung geht und gerade dieser Hype schreckt den potentiellen Leser eher ab.
"Hässlich" sieht m.E. anders aus. Spielt aber, bezogen auf das Thema, keine besondere Rolle. Es wäre zum Beispiel auch egal, ob Helene Hegemann Sommersprossen, Krampfadern oder Hühneraugen hat... oder eben nicht.
Das Thema ist ja zum Glück nicht: "Deutschland sucht die Super-Heidi!"
[...] (Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion /ft)
Und auch sehr richtig diagnostiziert. Vermutlich wird Madame genauso schnell wieder hinter dem Vorhang verschwinden wie seinerzeit Benjamin Lebert, der auch recht früh der Star war und dann stark nachgelassen wurde.
Das Fräulein ist so hässlich!
Gott sei Dank hat Intellekt nichts mit dem Erscheinungsbild zu tun. Wäre dieses ausschlaggebend, wäre die Geschichte, alt wie neu, um einiges an reflektierenden Denkern ärmer. Darüberhinaus ist Schönheit eine äusserst subjektive Empfindung und nur daraus kann die Varianz des Lebens entstehen. Wer möchte in einer Gesellschaft leben, in der es lediglich eine stereotype Abbildung ála "Germanys next Topmodel" gibt? In diesem Sinne: Es lebe die Individualität!
Gott sei Dank hat Intellekt nichts mit dem Erscheinungsbild zu tun. Wäre dieses ausschlaggebend, wäre die Geschichte, alt wie neu, um einiges an reflektierenden Denkern ärmer. Darüberhinaus ist Schönheit eine äusserst subjektive Empfindung und nur daraus kann die Varianz des Lebens entstehen. Wer möchte in einer Gesellschaft leben, in der es lediglich eine stereotype Abbildung ála "Germanys next Topmodel" gibt? In diesem Sinne: Es lebe die Individualität!
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