DIE ZEIT: Das Wort Investmentbanker ist fast zum Schimpfwort geworden. Sind Sie froh, dass Sie nicht mehr in diesem Beruf arbeiten?

Leonhard Fischer: Ich bin das erste Jahrzehnt meiner Karriere Investmentbanker gewesen und war es gerne. Sie dürfen mich auch heute noch als einen solchen bezeichnen, auch wenn ich in den letzten Jahren mehr Verantwortung für Banken und Versicherungen getragen habe.

ZEIT: Ist Investmentbanking nützlich?

Fischer: Wer halbwegs etwas von Ökonomie versteht, wird das nicht grundsätzlich infrage stellen. Investmentbanking ist eine wichtige Dienstleistung. Es geht um Risikotransfer, funktionierende Kapitalmärkte und Beratung.

ZEIT: Die Investmentbanker nehmen sich seit Jahren immer größere Stücke vom wirtschaftlichen Kuchen. Die Gewinne sind exorbitant.

Fischer: Das stimmt wohl, und es spricht vieles dafür, dass das Investmentbanking zu stark und zu schnell gewachsen ist. Die zentrale Frage aber ist, warum das Wachstum so explodierte.

ZEIT: Das würden wir gern von Ihnen wissen.

Fischer: Das Weltwirtschaftssystem weist einen unverändert vorhandenen Webfehler auf. Es gibt zu viel vagabundierendes Kapital, für das sich keine Investitionsmöglichkeiten finden und das immer neue Spekulationswellen erzeugt. Ein Grund liegt darin, dass die wohlhabenden Gesellschaften des Westens, die zum Teil absehbare demografische Probleme haben, bei der Altersvorsorge auf kapitalgedeckte Systeme setzen. Damit das funktioniert, brauchen sie auf der anderen Seite Länder, die noch nicht so hoch entwickelt sind und noch stärker wachsen können und in denen dieses Kapital investiert werden kann.

ZEIT: Solche Länder gibt es mehr als genug.

Fischer: Ja. Nur weisen Volkswirtschaften wie China gigantische Überschüsse in der Leistungsbilanz auf, während viele wichtige westliche Länder wie die USA ein Defizit haben, weil sie mehr konsumieren, als sie erarbeiten. In Amerika wird in den nächsten zehn Jahren die Babyboomer-Generation in Rente gehen. Diese Menschen müssen dann ihre Altersvorsorge zu Geld machen. Das wird schwerer werden als gedacht, denn die amerikanische Gesellschaft als Ganze hat in den vergangenen Jahren nicht etwa Ansprüche auf Rentenzahlungen aus dem Rest der Welt erworben, sondern der Rest der Welt, allen voran die asiatischen Länder und die des Mittleren Ostens, hat Ansprüche auf die zukünftige Arbeit amerikanischer Kinder erworben. Das ist paradox. Ein solches systemisches Ungleichgewicht führt uns von einer Krise zur nächsten. Und alle paar Jahre geht dann wieder eine dieser Blasen hoch. Das ist keine Verschwörung von Investmentbankern.

ZEIT: Aber die Investmentbanker verdienen jedes Mal kräftig daran.

Fischer: Das Investmentbanking ist eine sehr opportunistische Branche. Das liegt in der Natur der Sache.

ZEIT: Die Schäden für die Gesellschaften sind ziemlich groß.

Fischer: Ja, sie können es sein, wenn die Rolle des Finanzwesens gegenüber der Realwirtschaft zu groß wird und wir als Banker zudem auf unserem eigenen Gebiet kolossal versagen. Wir haben die Risiken falsch eingeschätzt und mit zu hohen Krediten gearbeitet. Ich kenne viele, die entsetzt sind und sich fragen, was sie falsch gemacht haben.

ZEIT: Vielleicht zu sehr auf hohe Boni geschielt.

Fischer: Investmentbanking ohne Boni gibt es nicht. Das ist the nature of the beast. Man muss aber auch sehen, dass paradoxerweise gerade die Politik immer wieder dafür sorgt, dass der Bonustopf voll wird.