Noch immer Anhänger der Marktwirtschaft
ZEIT: Was halten Sie von der sogenannten Tobin-Steuer, die Finanztransaktionen verteuern würde?
Fischer: Wir diskutieren ja schon länger, ob die Chinesen nicht ihre Währung aufwerten müssten. Aber wenn wir so darüber reden, akzeptieren wir schon die politische Steuerung des Wechselkurses. Eigentlich müssten die ihre Währung frei floaten lassen. Und die einfachen Chinesen müssten die Möglichkeit bekommen, ihr Geld auch außerhalb des eigenen Landes anzulegen. Das alles müsste so sein – es ist aber nicht so. Und weil das nicht so ist, können wir nicht bei allen anderen Finanztransaktionen fordern, dass sie völlig ungehindert bleiben müssten, ohne deshalb für eine flächendeckende Tobin-Steuer zu argumentieren. Und das sage ich als überzeugter Marktwirtschaftler.
ZEIT: Diese Denkungsart ist ja ziemlich in Misskredit geraten.
Fischer: Ich bin heute ein mindestens so großer Anhänger der Marktwirtschaft wie vor drei Jahren. Das Grundmodell ist mir sehr sympathisch: hohe Flexibilität, Experimentierfreude, Offenheit, Toleranz. Aber der Selbstbetrug, dass die Verschuldung immer weiter wachsen kann, diesen Exzess würde ich kritisieren. Meine Befürchtung ist, dass die westlichen Länder seit einer Dekade über ihre Verhältnisse leben und mit steigenden Staatsschulden und billigem Geld die unweigerliche Anpassungskrise immer weiter hinausschieben, aber nicht verhindern können. Daran ist nicht die Marktwirtschaft schuld.
ZEIT: Aber gab es nicht auch Marktversagen? Die Bewertungen vieler Vermögenswerte und Kreditforderungen war doch falsch.
Fischer: Der Markt versagt ständig. Das ist das Wesen der Marktwirtschaft, dass sie zu jedem Tag falsch ist. Darum verändert sie sich auch jeden Tag. Das ist ja ein suchendes System. Kein Preis stimmt, denn in der nächsten Minute ist er schon wieder anders. Dabei entsteht zugleich Balance. Das ist Marktwirtschaft.
ZEIT: Es scheint allerdings, als sei dieses System derzeit besonders instabil.
Fischer: Wir erleben die ersten tektonischen Beben einer Zeitenwende. Das ist ein globaler Umbruch, bei dem die USA und Europa ihren über Hunderte von Jahren genossenen Hegemonialanspruch verlieren. Solche epochalen Veränderungen gingen in der Vergangenheit oft mit Kriegen, immer aber mit großen Verwerfungen einher. Die Gleichgewichte müssen sich neu definieren, die relativen Preise von Arbeit, Kapital und Rohstoffen verändern sich. Das führt unweigerlich auch zu Fehlallokationen. Ich gebe zu, dass ich selbst die Geschwindigkeit und das Ausmaß dieser Machtverschiebung vorher nicht ansatzweise gesehen habe.
ZEIT: Sie persönlich haben den Boom im Investmentbanking verpasst. 2002 verloren Sie Ihren Job als Chef von Dresdner Kleinwort Benson und machten sich anschließend als Konzernleitungsmitglied der Credit Suisse an die Sanierung der Schweizer Winterthur-Versicherung. Als die gelungen war, wurden Sie 2007 Chef der Beteiligungsfirma RHJ International…
Fischer: (lacht) …und hab es dann geschafft, mich seither vor allem in der Autoindustrie zu tummeln. Das waren wirklich nicht gerade optimale Zeitpunkte. Aber ich bereue es nicht.
ZEIT: Bei Opel sind Sie als Bieter nicht zum Zuge gekommen. Bei Zuliefererfirmen wie Honsel, an der RHJI beteiligt ist, haben Sie Verluste erlitten.
Fischer: Dort haben wir zu unserer unternehmerischen Verantwortung gestanden und noch einmal 50 Millionen Euro investiert. Die Arbeitnehmer und die Gläubiger haben auch viel beigetragen, und jetzt muss dieses Unternehmen seine Chance nutzen. Für mich waren die vergangenen Jahre unheimlich lehrreich. Vielleicht sollten wir Banker öfter erleben, wie das ist, wenn man ein Unternehmen besitzt und der Umsatz bricht um 40 Prozent ein. Und man kann nicht einfach die Zentralbank anrufen. Wir Banker haben doch bisweilen ein gestörtes Verhältnis zum Geld. Man könnte den Eindruck gewinnen, einige von uns glaubten, für Banker käme das Geld aus der Steckdose.
ZEIT: Ist das womöglich der Grund, dass Sie nun wieder ins Bankgeschäft zurückstreben?
Fischer: Wir haben mit Kleinwort Benson eine gesunde und überschaubare Bank mit einem großen Namen gekauft. Wir wollen dort Bankgeschäft rund um die Vermögensberatung, das Anlagemanagement und Merchant Banking aufbauen. Das ist im Grund ein Geschäftsmodell der sechziger und siebziger Jahre. Konservativ und ohne große Verschuldung. Ich glaube, konservatives und kompetentes Banking wird ein Revival erleben.
Das Gespräch führten Rüdiger Jungbluth und Mark Schieritz
- Datum 29.01.2010 - 18:45 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.01.2010 Nr. 05
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sondern die Menschen! Was mich an Grundsatzdebatten meist stört ist dass die Abstrahierung in politologische Begriffe und Prinzipien "Roß und Reiter" eben auch "abstrahiert". Aber es sind letztlich schlicht Menschen, mit allen menschlichen Schwächen und Stärken die es gibt. Ehrgeiz kann ebenso in Gier umschlagen wie in Fleiß oder auch in soziales Engagement.
Kein "System" kann - und darf! - jene menschlichen Eigenschaften versuchen zu verändern die immer wieder die selben Probleme verursachen. Wir brauchen eine vorwärtsgewandte offene und pragmatische Diskussion darüber wie man stattdessen transparente Instrumente und Institutionen schafft die sich der Aufgabe widmen gewisse Dinge nicht von vorneherein zuzulassen.
Wenn ich einem Hund einen saftigen Knochen vor die Nase lege brauche ich mich nicht wundern wenn er ihn sich auch holt. Umgekehrt darf ich es dem Hund aber auch nicht zum Vorwurf machen, es ist in seiner Natur.
"Wenn ich einem Hund einen saftigen Knochen vor die Nase lege brauche ich mich nicht wundern wenn er ihn sich auch holt. Umgekehrt darf ich es dem Hund aber auch nicht zum Vorwurf machen, es ist in seiner Natur."
Was ist das für eine Argumentation? Setzt du an anderer Stelle Tiere auch gleich mit Menschen. Das erinnert mich stark an die Argumentation Sheik Tadj Din al-Hilalis, der unverschleierte Frauen als unverhülltes Fleisch verglich und sie somit mitschuldig für evtl Vergewaltigungen machte (Vorsicht mit der Übersetzung sei geboten). Solche naturalistische Argumentationsweisen sind kontraproduktiv. Es ist ganz und gar nicht natürlich, dass Menschen betrügen, und ebenso wenig natürlich, dass sie ehrlich sind. Irgendwelche Naturzustände in die Diskussion einzuführen dient lediglich einer Sache: Kritik verhindern.
Der Vergleich mit dem Hund ist allein deswegen ungerecht und realitätsverzerrend, weil Hunde sich nur auf den Knochen stürzen, wenn sie Hunger haben. Die Investmentbanker sind die letzten Menschen dieser Gesellschaft, die es nötig haben, den Gewinn einzustreichen und deswegen muss man ihnen auch den Vorwurf machen, sowie einem System, in dem es offensichtlich darum geht irrationalerweise mehr Reichtum einzustreichen als er gesellschaftlich notwendig ist.
"Wenn ich einem Hund einen saftigen Knochen vor die Nase lege brauche ich mich nicht wundern wenn er ihn sich auch holt. Umgekehrt darf ich es dem Hund aber auch nicht zum Vorwurf machen, es ist in seiner Natur."
Was ist das für eine Argumentation? Setzt du an anderer Stelle Tiere auch gleich mit Menschen. Das erinnert mich stark an die Argumentation Sheik Tadj Din al-Hilalis, der unverschleierte Frauen als unverhülltes Fleisch verglich und sie somit mitschuldig für evtl Vergewaltigungen machte (Vorsicht mit der Übersetzung sei geboten). Solche naturalistische Argumentationsweisen sind kontraproduktiv. Es ist ganz und gar nicht natürlich, dass Menschen betrügen, und ebenso wenig natürlich, dass sie ehrlich sind. Irgendwelche Naturzustände in die Diskussion einzuführen dient lediglich einer Sache: Kritik verhindern.
Der Vergleich mit dem Hund ist allein deswegen ungerecht und realitätsverzerrend, weil Hunde sich nur auf den Knochen stürzen, wenn sie Hunger haben. Die Investmentbanker sind die letzten Menschen dieser Gesellschaft, die es nötig haben, den Gewinn einzustreichen und deswegen muss man ihnen auch den Vorwurf machen, sowie einem System, in dem es offensichtlich darum geht irrationalerweise mehr Reichtum einzustreichen als er gesellschaftlich notwendig ist.
mehr gibts dazu nicht zu sagen
Leider kommt aus den Antworten in keinster Weise eine gewisse Einsicht zu Worte versus den Mrd. an Kapital die für die Korrektur herhalten mussten. Einer Korrektur wohlgemerkt welche dem Steuerzahler in so manchem Land (Island, Irland, Spanien, Griechenland, Litauen, Rumänien, Ungarn, Estland...) in naher Zukunft erst aufgebürdet wird. Die Gier und Fehlentscheidungen die dank intensivem Lobbyismus und massiver fehlgeleiteter Medien erst möglich wurde. Dies beileibe nicht erst seit letzem Jahr... Die Neoliberalen Dogmen konzetrierten sich ja von Anfang an nur auf das angeblich inherente Profitstreben des Menschen, dabei aber auserachtlassend das dies lediglich ein Teil des Menschseins ist. Trotzdem wurde zugelassen das Bilanzen, Profite, Renditen, Kapitalmärkte und deren Indikatoren als primäre Faktoren herhalten mussten um uns unser aller Wohlergehen und unsere angebliche Fortschrittlichkeit täglich vor Augen zu halten... Ebenso wurde und wird uns vorgehalten wie elemantar dies auch in all den klassisch Sozialen Bereichen ist die eine moderen Gesellschaft erst zu dem machen was sie ist. Unterwirft man aber auch diese Bereiche einer Gesellschaft den Renditen und Profiten hat das "fortschrittliche und moderne bald keine Chance mehr". Das "Recht" des Stärkeren nimmt überhand. Aufgebaut und Aufrechterhalten konnte dieser globale Unsinn dank massiven täglichen Belehrungen und deren Masslose Wiederholung in X Varianten in unseren "unabhängigen" Medien...
"Anything goes" besitzt weder im Englischen noch in irgendeiner andere Sprache und sei es altwürttembergischer Dialekt den Bedeutungshof, dass insbesondere marktförmigem Wirtschaften keinerlei Grenzen inne wohnen. Einem Unternehmer wandelt sich daher im selben Moment sein Dasein, eignet er sich wie Fischer je irreale Konnotationen an. Steht er dann solchermaßen verändert zu seinem Unternehmen, greifen wirkungsmächtig Mechanismen, denen materiell der sichere Exitus auf dem Fuß folgt.
Herrn Fischer ist in den meisten Punkten zuzustimmen. Wahrscheinlich ist es Rücksichtnahme auf sein Business, welche ihn daran hindert, den wahren Verursacher der Krise klar zu bennenen, den Staat: Ohne den vom Staat zu verantwortenden Geldüberfluß gäb es keine Blasen (wie auch?), die platzen können. Und natürlich keine Boni.
Wenn Banken klar gemacht würde, dass im Falle des Falles sie, wie jeder andere Bürger, jede GmbH oder AG (Opel, Quelle, Karstadt, ....) auch in die Insolvenz gehen müßte, dann würden Inhaber und Vorstand anders über Risiken, Entlohnung und Strategien denken, zumal auch das Umfeld ein anderes wäre.
Es fällt schwer zu verstehen, was Sie eigentlich meinen, Frau Dorothee Sehrt-Irrek. Das mag an meinem mangelnden Sprachverständnis liegen, welches nach Abitur und Studium wohl immer noch unterentwickelt zu sein scheint.
Ich glaube aber folgende Sätze verstanden zu haben: "Der Hort der Sozialen Marktwirtschaft ist Europa. Die Europäer werden nicht ihre Sicherheiten auflösen und irgendwelche Märkte überschwemmen. Europa leistet Aufbauhilfe in umliegenden Ländern"
Vielleicht konzedieren sie, dass die soziale Marktwirtschaft in vielen Ländern der EU nur eine Chimäre ist, da der staatliche Anteil dieser "Markt"wirtschaften absolut dominiert.
Wenn sie die Kredite der Banken einiger europäischer Länder an die neuen Ostländer betrachten, werden sie merken, dass wir die dortigen Märkte mit Geld überschwemmt haben und kräftig dafür büßen müssen.
Die EZB zahlt im EU-Währungsraum mit Geld, das sie selber produziert. Das sichert ihr die dauernde Liquidität (Zahlungsfähigkeit) und macht sie zur letzten Liquiditätsquelle der Geschäftsbanken und letztlich auch des Staates. Das Geld kommt also quasi aus der Steckdose, ohne damit zu implizieren, dass auch die Gütermärkte mitwachsen.
Die Menge der Güter müsste weltweit zunehmen, nimmt zwar auch geringfügig zu, die Geldmenge dagegen explodiert regelrecht. Deshalb soll kein Bürger glauben, er könnte seine Rente über Finanzanlagen dauerhaft sichern.
Letztlich kann die Volkswirtschaft nur Güter verteilen. Das scheint sich immer nicht herum gesprochen zu haben bei den Anlegern / künftigen Rentnern. Die zocken schon wieder und die kapital gedeckten Rentenversprechen werden wieder tuffer. Es ist richtig, die nächste Blase kommt bestimmt.
...erstaunlich, wie lernresistent die Menschen sind.
Da ist ein sehr kompetenter Artikel, der die Krise aus sehr gute Perspektive, fachlich kompetent und in einer Sprache, die selbst ungebildete Bürger verstehen sollten. Und was tut man? Man liest es nicht, sonder plappert reflexhaft seine alten "dummes Amerika" und Soziale Marktschafts Credos ohne zu bemerken, dass es in großen Teilen genau solcher Unsinn war, der uns in die Krise trieb.
Ja. So ist es. Gut war, dass auch die Marktwirtschaft im Grunde genommen immer der Versuch ist, die Wirklichkeit durch Versuch und Irrtum nachzubilden. Das gelingt nur im Saldo.
Wie gut das im Einzelfall gelingt, spiegelt sich in der Anzahl der KONKURS PRO JAHR WIDER. Wichtig sollte die Erkenntnis der Politiker sein, dass auch Banken ihr unternehmerisches Risiko voll tragen müssen.
Der Staat muss lediglich dafür sorgen, dass im Konkursfall die Zentralbanken die Geldversorgung der Bevölkerung sichern. Dazu müssten sie dann die Filialen der pleite gegangenen Banken als Banken i.K. betreiben dürfen. Das Bundesbankgesetz steht m.E.n. nicht entgegen (§ 3 BuBankGes).
Ja. So ist es. Gut war, dass auch die Marktwirtschaft im Grunde genommen immer der Versuch ist, die Wirklichkeit durch Versuch und Irrtum nachzubilden. Das gelingt nur im Saldo.
Wie gut das im Einzelfall gelingt, spiegelt sich in der Anzahl der KONKURS PRO JAHR WIDER. Wichtig sollte die Erkenntnis der Politiker sein, dass auch Banken ihr unternehmerisches Risiko voll tragen müssen.
Der Staat muss lediglich dafür sorgen, dass im Konkursfall die Zentralbanken die Geldversorgung der Bevölkerung sichern. Dazu müssten sie dann die Filialen der pleite gegangenen Banken als Banken i.K. betreiben dürfen. Das Bundesbankgesetz steht m.E.n. nicht entgegen (§ 3 BuBankGes).
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