Erinnerung an den Holocaust »Die Mehrheit bestimmt«
Shimon Stein über das Monopol der Erinnerungskultur, deutsche Identität und neuen Antisemitismus
DIE ZEIT: Herr Botschafter Stein, in unserer Umfrage hat eine große Mehrheit der befragten Deutschtürken gesagt, sie wüssten wenig über den Holocaust. Überrascht Sie das?
Shimon Stein: Ja, durchaus. Einerseits: Viele der Migranten sind doch in Deutschland zur Schule gegangen. Und da wissen sie wenig? Wie kann das sein? Es heißt doch immer, in den Schulen würde zu viel über den Holocaust gesprochen. Andererseits: Verstehen Sie mich nicht falsch, es wundert mich nicht, dass Immigranten aus Vietnam oder der Türkei den Holocaust nicht als ihre eigene Geschichte ansehen. Der Zuwanderer aus Anatolien bringt eine andere Biografie mit.
ZEIT: Viele Deutschtürken sagen in der ZEIT- Umfrage aber auch, es sei wichtig, sich an den Völkermord zu erinnern.
Stein: Dass sie mehr wissen wollen, könnte ein Anstoß sein für die Politik, mehr zu tun. Die türkischen Familien trifft da kein Vorwurf, für sie hat der Besuch in einem Konzentrationslager bestimmt keine Priorität. Nicht alle sind Cem Özdemir. Deshalb muss es die Aufgabe des Bildungssystems sein, die Migranten für die Erinnerungskultur zu gewinnen. Aber welche Erinnerungskultur soll es sein?
ZEIT: Kann man verlangen, dass sich die Immigranten zur besonderen politischen Verantwortung Deutschlands bekennen müssen?
Stein: Die Migranten kommen nach Deutschland. Für mich ist deshalb die Hauptfrage: Welche Erinnerungskultur will die Mehrheit der Deutschen?
ZEIT: Die Mehrheit bestimmt den Umgang mit der Erinnerung?
Stein: Absolut. Denken Sie beispielsweise an Frankreich: Es ist der Staat der Franzosen, und die Zuwanderer, die in Frankreich leben wollen, müssen sich die französische Geschichte, die laizistische Tradition zu eigen machen. Minoritäten müssen sich, wenn sie voll integriert sein wollen, an dem Ethos orientieren, dem sich die Mehrheit verpflichtet fühlt.
ZEIT: Das gilt auch für die arabischen Bürger Israels?
Stein: Ja, durchaus. Israel bleibt der Staat der Juden, mit einem jüdischen Charakter, mit der Schoah als historischer Zäsur, und die arabische Minderheit, die ein Teil des Staates ist, muss diese jüdische Geschichte zur Kenntnis nehmen.
- Datum 27.01.2010 - 15:09 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 28.01.2010 Nr. 05
- Kommentare 5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




...der Holocaust gelehrt. Als ich auf der Schule war, wurde das nie besprochen. Ich gehe gerne in Konzentrationslager, wenn ich in der Nähe bin. Dort sehe ich zwar ziemlich viele Klassen, aber selbst mitten in Deutschland sind das eher Holländer, Dänen oder Amerikaner. Auch einzelne Deutsche, die da herumlaufen sind relativ selten und sprechen meistens mit jidischem Akzent. ( Anmerkung: Bitte äußern Sie Ihre Kritik sachlich und kennzeichnen Sie ggf. Ironie. Danke. Die Redaktion/m.e. )
Wenn die Erinnerung einer Gesellschaft durch die Eliten geprägt wird, warum bin ich denn nur so vergesslich? Oder erinnern wir uns bereits an so viel Geschehen und lassen dadurch nur wenig neuariges in Form von Verständing etc. zu? Die Einen erinnern Jahr für Jahr längst vergangenen Zeiten und die Anderen können sich nicht mal an letzte Woche erinnern. Das finde ich sehr paradox. Die Konservierung von Ereignissen und Erzeugnissen sind manchmal dem Schimmel nahe. Aber vielleicht kann sich das Erinnern nicht nur um das Aufzeigen der Ursachen sondern ebenfalls um das Verzeihen des Ergebnisses drehen.
Ich glaube, in einer Gesellschaft, welche sich (manchmal) ihrer individuellen Geschichte bewusst ist, kommt es nicht darauf an wer sich erinnert, sondern welche gemeinsamen Erinnerungen für eine kollektive Zukunft förderlich sind. Einige Erinnerungsformen müssten demnach grundlegend überdacht werden.
sachlich, nüchtern und konkret. mehr davon. ein schlüsselsatz ist dieser:
"Deshalb muss sich jede Generation diesen alten Themen neu stellen: Wie wollen wir neue Formen der Erinnerung schaffen?"
ist jemand, bei dem ich mir auf Grund seiner Authentizität und Ausstrahlung gut vorstellen könnte, ihn zum Freund haben zu wollen. Ich könnte ihn mögen.
Wir würden jedoch an einigen (vermutlich kritischen) Punkten einen fürchterlichen Dissenz haben (der eine hypothetische Freundschaft gewaltig auf die Probe stellen würde).
Ich darf mit dem heikelsten Punkt anfangen: Sollte die Erinnerung als universelles Menschheitsverbrechen überdauern?
Wenn überhaupt, dann wird sie nur so eine Chance haben.
Ich kann gut nachempfinden, dass eine solche "Rekalibrierung" der Erinnerung aus der Sicht von Shimon Stein Auswirkungen auf die deutsch-israelischen Beziehungen haben könnte.
Aber seine Erfahrungen sind nicht meine Erfahrungen. Und die Trauer des jüdischen Volkes (und alles was damit zusammenhängt) ist nicht meine Trauer - und kann es nicht sein. Ich kann Mitleid empfinden. Und eine besondere Verantwortung? Nicht wirklich.
Können wir trotzdem hieraus lernen? Intellektuell? Ja, dass der Mensch zu so etwas fähig ist (und das es die Deutschen zufällig getroffen hat). Emotional? Wahrscheinlich nicht: Der Versuch, die Hölle seelisch zu verarbeiten, ist etwas für den lieben Gott (und der hat es nach der herrschenden Lehre bereits getan).
Diesen Standpunkt würde Shimon Stein nicht akzeptieren. Und ich würde ihn verstehen. Aber es ist dennoch mein Standpunkt.
Herzlichst Crest
Ich sehe folgendes Problem in der Beziehung zwischen Deutschland und Israel und ihrer gemeinsamen Erinnerungsakte.
Oder klingt es etwas platt wenn man sagt, "streiten sich 2, so freut sich der Dritte und umgekehrt, freuen sich 2. ärgert sich der Dritte"?
Gehen wir 70 Jahre oder sogar 2010 Jahre zurück, so "streiteten" sich u.a. 2 Kulturen (die Christliche und die Jüdische) über verschiedene Lebensauffassungen, derem Ende eine Katastrophe wie dem Holocaust folgte. Das dies der jüdischen Gemeinschaft bis heute emotional verhaftet bleibt ist die eine zu akzepierende Sache. Dazu ist das Christentum wohl ohnehin eines der schuldbeladensten Kulturen schlechthin. Nur kommt ein 2. Konflikt hinzu. Freunden sich diese beiden jetzt an, streitet sich eine 3.Partei (der Islam) mit beiden. Dieser Verantwortung sollte sich das Christentum und die Katholische Kirche stärker stellen. Aber entweder kommt es nicht bei mir an oder der Papst äußert sich zu leise über den heutigen Terrorismus und seine Verantwortung dem gegenüber.
So erinnern sich meiner Meinung nach, die politischen und geistlichen Eliten allzu fahrlässig über ihrer beider Vergangenheit, und schaffen es dabei nicht, ein dreisamiges Potential zu erzeugen, auf das sich aufbauen lässt.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren