Iran Honeymoon in Iran

Bericht von einer Hochzeitsreise, die tief in die Abgründe einer Diktatur führte.

Mario Kaisers Frau Gypsy vor der Mauer der ehemaligen US-Botschaft in Teheran. Die Botschaft wurde während der  Revolution 1979 gestürmt

Mario Kaisers Frau Gypsy vor der Mauer der ehemaligen US-Botschaft in Teheran. Die Botschaft wurde während der Revolution 1979 gestürmt

Wir rasten durch die Dunkelheit und sahen nicht, was vor uns lag. Mehdi reckte sich hinter dem Lenkrad und drängte die langsameren Autos aus dem Weg. Aber ein Wagen blieb stur auf der linken Spur. Mehdi hupte und drängelte, und als der Wagen sich langsam nach rechts bewegte, zwängte er sich zwischen ihn und die Leitplanke. Dann knallte es, Glas splitterte, und der Außenspiegel des anderen Wagens flog durch die Luft.

Mehdi lachte und fuhr weiter.

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Wir saßen stumm in der Stille nach dem Knall, als plötzlich ein Wagen neben uns auftauchte und hupte und blendete und uns abdrängte. Mehdi suchte nach einem Ausweg, er bremste, er beschleunigte, er scherte aus, doch der Wagen folgte uns wie ein Schatten. Mehdi wehrte sich eine Weile, dann gab er auf und stoppte. Der andere Wagen stellte sich schräg vor uns.

Es war nach Mitternacht, und wir standen auf einer dunklen Straße irgendwo in Iran. Hier endete unsere Hochzeitsreise, und unsere Reise in den anderen Iran begann. Ich instruierte Gypsy, sich nicht zu bewegen und kein Wort zu sagen. Dann schob ich die Tüte mit dem Geld tief in den Fußraum, bis sie nicht mehr zu sehen war.

Die Türen des anderen Wagens öffneten sich, und zwei Frauen stiegen aus. Die Beifahrerin keifte in ihr Telefon und ging im Kreis. Die Fahrerin ging zum Kofferraum ihres Autos, öffnete ihn und beugte sich hinein. Sie war von kräftiger Statur und trug ihr schwarzes Kopftuch uniranisch streng, sie zeigte kein Haar. Mehdi stieg aus und hob fragend die Arme. Die Fahrerin zog einen Baseballschläger aus dem Kofferraum, richtete sich auf und ging langsam auf ihn zu.

Mehdi hob die Arme ein bisschen höher und redete auf die Fahrerin ein. Sie schwieg. Sie hielt den Baseballschläger wie ein Zepter vor ihrer Brust und starrte ihn an.

Ich wusste, dass eine Hochzeitsreise mit einer amerikanischen Braut nicht ohne Komplikationen verlaufen würde in Iran, und ich war vorbereitet. Ich trug einen Zettel bei mir mit der Telefonnummer der Schweizer Botschaft in Teheran, die sich um die Amerikaner kümmert. Die Wut der Iranerinnen fehlte in meinem Notfallszenario.

Wir hatten in dem Wagen wie Ausstellungsstücke in einem iranischen Museum gesessen – vorne Mehdi und ich, zwei bärtige Männer, hinten Gypsy, eine verhüllte Frau. Und plötzlich fehlte die Figur, um die sich alles drehte in diesem Land. Der Mann, der eben noch die Hände am Steuer hatte, stand auf der Straße und suchte Schutz vor einer Frau, die ihm den Schädel einschlagen wollte.

Wir wären nicht nach Iran gefahren, wenn wir von Lagunen und verlassenen Buchten geträumt hätten. Wir wollten nicht auf Elefanten durch Indien reiten und in einer Cessna über das Okawango-Delta fliegen. Wir wollten in ein verschlossenes Land eindringen. Uns gefiel der Gedanke, ein Land zu unterlaufen, das von kalten Männern regiert wird.

Der erste Konflikt unserer Flitterwochen war in der Damenabteilung bei C&A ausgebrochen, wenige Tage vor unserer Abreise. Wir stritten über Gypsys Schuhe. Sie sahen aus wie die Schühchen einer spreizfüßigen Ballerina, schwarz und glänzend, auf die Spitzen waren Schleifen geklebt wie auf ein Geschenk. Sie hießen »Yessica«, und ich mochte sie nicht. Sie machten meine Frau klein und ließen ihre Füße aussehen wie Schwimmflossen. Ich nannte sie »Mullah-Schuhe«.

Gypsy kaufte sie für sieben Euro.

Wir standen auf der Schönhauser Allee in Berlin, und ich hatte das Gefühl, dass die Macht der Mullahs bis Prenzlauer Berg reichte. Sie hatten meine Frau umprogrammiert.

Ich kannte das nicht von ihr, diese Unterwürfigkeit. Sie war in der Bronx aufgewachsen und hatte die Furchtlosigkeit der Unterprivilegierten und die Streitlust von Simone de Beauvoir. Sie war die Tochter einer Frau, die einen Damenrevolver in ihrer Handtasche trug, mit dem hatte sie in die Decke einer Bar geschossen, in der sie ihren Mann aufgespürt hatte, auf dem Schoß eine andere. Und jetzt ließ Gypsy die Mullahs, geistige Herrscher eines ihr fremden Staates, entscheiden, wann sie Frau war und wann Unterworfene. Ich verstand das nicht. »Dir fehlt pragmatische Intelligenz«, sagte Gypsy.

Wir wussten, dass die Kleiderordnung der Islamischen Republik Iran auch in Frankfurt am Main gilt, ab dem Moment, in dem Passagiere ein Flugzeug der Iran Air betreten. Am Flugsteig bemerkten wir davon nichts. Wir saßen zwischen unbedeckten Iranerinnen, die nur auffielen, weil sie eleganter gekleidet waren als die Deutschen. Doch irgendwann veränderten sie sich. Je näher der Abflug rückte, desto mehr Frauen hüllten sich in Mäntel und banden Tücher um ihre Köpfe. Sie verschwanden langsam.

Ein paar Iranerinnen blieben unbedeckt. Sie zeigten ihr Haar, die Form ihrer Körper, und sie trugen keine Mullah-Schuhe. Sie gingen auf hohen Absätzen und störten sich nicht an den Blicken, die ihnen folgten.

Aus dem ZEITmagazin Nr. 5/2010

Aus dem ZEITmagazin Nr. 5/2010

Gypsy wagte das nicht. Sie wusste, dass sie als Amerikanerin unter besonderer Beobachtung stand. Sie legte einen schwarzen Schal auf ihr Haar und schob ihn so weit zurück, wie sie es auf Bildern aus den Straßen Teherans gesehen hatte. Sie kannte die Kleiderordnung bis ins Detail, sie hatte sie seit Wochen studiert. Manchmal stand sie abends verhüllt vor mir und fragte mich, ob sie mir noch gefalle.

Gypsy wusste, dass die Iranerinnen die Kleiderordnung klüger lesen, als die Mullahs sie schrieben. Dass sie Meisterinnen darin sind, die Regeln zu dehnen und damit zu spielen, dass die Grenze des Erlaubten auf dem Körper einer Frau fließend ist. Aber sie wusste auch, dass Späher durch die Straßen gehen und die Einhaltung der Kleiderordnung überwachen. Sie wusste, dass eine Frau nur Gesicht und Hände zeigen darf.

Leser-Kommentare
    • Mentis
    • 28.01.2010 um 13:46 Uhr

    Als Frau, die in den letzten Jahren schon mehrfach in den Iran gereist ist, hat mich dieser Artikel im sonst von mir hochgeschätzten Zeitmagazin enttäuscht. Wieder scheint es aus der Sicht von Europäern/Amerikanern nur das Thema Kleiderordnung und Verhältnis zwischen Mann und Frau zu geben. Dabei wäre es so viel wichtiger, hinter diesen Schleier zu blicken, der unseren westlichen Blick verhängt: Welche Probleme haben Frauen in diesem Land? Was machen hochqualifizierte Studentinnen mit ihrem Abschluss? Wie sieht es mit dem Sorgerecht aus? Welche Erfolge und Misserfolge haben Frauen und Frauenrechtsbewegungen bei ihrem unermüdlichen Versuch, ihre eigene Situation und die Situation der liberal gesinnten Männer zu verändern?...
    In diesem Land tun sich viele Dinge, die auch bei einer oberflächlichen Betrachtung ins Auge fallen sollten...

  1. ich find den Artikel pers... Mehr anzeigenönlich ganz furchtbar. Geschrieben von jemandem, der ja "Ach so offen" ist, zum ersten Mal in den Iran reist und auf Oberflächlichkeiten kleben bleibt und nichts versteht.Aber dann schön reißerisch seinen persönlichen Honeymoon an ein eigentlich seriöses Magazin verkauft. Furchtbar. Tut so als würde er sich interessieren ist aber nur auf sündig, schwülstige Boulevard-Style-Erlebnisse aus. Das beste finde ich ja die "mystische Nase" der Iranerinnen. Unangenehmer Typ. "Ich reiste mit einer Frau durch das Land, die sich für mich entschieden hatte, als ich ohne Geld war und ohne Versprechen. Ich musste nichts für sie bezahlen, und ich durfte herausfinden, ob ich gern mit ihr schlafe, bevor ich sie heiratete." Super, für ihn was? Kostenloser Sextest vor der Heirat... Oh, mann, der versteht gaaaaaaarnichts über den Hintergrund, kennt nicht den Alltag und versucht es noch nichtmal.... Schade, dass sowas immernoch veröffentlicht wird, nur weil es um den Iran geht. Ich dachte die Zeiten von "Nichts ohne meine Tochter" seien vorbei.

  2. … so interessant und „sensationslüstern“ sich der artikel en gros auch liest: im grunde genommen kann man ihn nur aus EINEM grund NICHT den hasen geben:

    er spiegelt unseren WESTLICHEN zeitgeist oder zumindest dessen mainstream ebenso wider und ist wohl einzig und allein aus diesem grund (zusätzlich dazu, dass man etwas über nasenpflaster im iran erfährt) aufschlussreich.

    zugegebenermaßen ist die „liste der krankheitssymptome“ im bezug auf achtung und wertschätzung der frau (doppelmoral hoch zehn und vieles andere mehr), will man dem artikel glauben schenken, im iran en gros wohl WESENTLICH länger.

    bei nüchterner betrachtung handelt es sich jedoch, zumindest der weltsicht und lebensweise des erzählers nach, um einen rein graduellen (wenn auch äusserlich BETRÄCHTLICH erscheinenden) unterschied unter jeweils veränderten vorzeichen.

    Oder hat man es bei der darstellung der westlich-amerikanischen "werte"
    („Wir hatten die üppige Türkin neben den geschiedenen Deutschen gesetzt und auf Anziehung gehofft, meine Braut hatte mit anderen Männern getanzt, wir hatten dominikanischen Rum in großen Mengen getrunken, und morgens um fünf hatte ein Schwuler in großer Verzehrung eine Frau geküsst“.)
    diesbezüglich einfach ein bisschen ironisiert auf die spitze getrieben hat … keine ahnung …

    ansonsten fehlt beiden versionen ganz wesentlich das „kleine“ stille zauberwort samt essenz, das hier wohl weitestgehend auch WENIG bis gar nichts verloren hat.

    na ja!

    • Ateo
    • 31.01.2010 um 22:27 Uhr

    Ein Artikel, der wie ich finde, Lob verdient.
    Spannend und gut zu lesen hat er mir ein Stück der iranischen Lebensart nahe gebracht.

    Der Artikel bleibt dabei selbstverständlich oberflächlich. Wie soll ein normaler Mensch auch mehr als das nach außen offensichtliche Erfahren, wenn er nur für kurze Zeit ein Land bereist, dessen Sprache er nicht spricht und das eine derart ausgeprägt andere Kultur hat?
    Und ja, er bezieht sich auf sog. westliche Werte, die wir alle mehr oder weniger als die unsrigen akzeptieren und nach denen wir leben. Werte, zu denen wir insbesondere die persönliche Freiheit zählen. Zu entscheiden was wir glauben, wen wir wie lieben und wie wir uns Kleiden, wobei
    ich hier nichts und niemanden verurteilen möchte.

    Viel mehr interessieren mich die Hintergründe, warum Frauen sich verschleiern und Alkohol verboten ist. Warum ein Mann soviel mehr Wert in diesem Land hat. Wie der Großteil der "Westler" beschränkt sich mein Wissen auf das, was die Nachrichten berichten.

    Leider schweigt sich auch der Autor darüber aus, was aber wahrscheinlich die Länge des Artikels dem zumutbarem entzogen hätte.

  3. Ich kann die negativen Reaktionen nicht verstehen. Es ist ein interessanter dokumentarischer Reisebericht von Westlern, die den Iran bereisen. Subjektivität liegt in der Natur dieser Berichtsform. Als solchen fand ich ihn höchst spannend und habe ihn gerne gelesen. Man hört liest nicht so oft Reiseberichte aus dem Iran und wenn, dann sind sie selten so gut geschrieben.

    • peer38
    • 01.02.2010 um 0:57 Uhr

    Artikel trügerischer Reisebericht wurde erstellt.
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    trügerischer Reisebericht
    Von peer38 01.02.2010, 00.43 Uhr

    Bedauerlich ist gerade das Erwecken des Eindrucks dies sei ein "guter" Reisebericht. Der Autor gibt vor die Innensicht eines Touristen zu erzählen und gibt im Grunde nur das selektiv vorgefertigte Bild des Irans im Ausland wieder. Dies ist ein klassisches Beispiel eines Menschen, der sich aus Gründen der Selbstprofilierung mit Menschen, Ländern und sogenannten Abenteuern sensationslustig schmückt. Dabei gibt er vor weltoffen zu sein( verschieden ethnische Freundinnen, erwähnt ja ganz beiläufig seinen Aufenthalt in Indien, sogar der Lebensweg seiner Frau wirkt wie ein angeheiratetes Aushängeschild seinerseits)und feiert die Globalisierung als Selbstbeweihräucherung. Hier geht es nicht um eine subjektive Perspektive auf die Welt, sondern um eine Perspektive auf sich selber, die beschriebene Welt ist hier leider nebensächlich. Er misst ihr nicht einmal den Wert zu näher hinzusehen. Er stellt sich als Draufgänger dar, der überall schon Rum getrunken hat, exotisches erlebt hat nun in seinen Flitterwochen in einem `gefährlichen` Land wie dem Iran etwas erleben will. Bedauerlich, dass sein Bild vom Iran es nicht schafft über das Bild Khomeinis hinauszugehen. Leider ist es auch hier immer leichter vorgefertigte Bilder bestätigt zu sehen als diese zu differenzieren. Ein hoch auf die Abrechnung mit der ersten Liebe

  4. mit Partnerin 2 Wochen in Iran, in deren Mitte die Wahlen fielen. Um Probleme bei der Einreise zu vermeiden, beantragten wir die Visa in Deutschland. Obwohl wir nicht verheiratet sind u sogar getrennt wohnen, bekamen wir schnell die Papiere. Die Kontrolle in Teheran ging rasch u freundlich vonstatten u an der Gepäckkontrolle wurden wir durchgewunken. Mit allem hätte ich gerechnet, nur nicht damit. Problemlos konnten wir während der gesamten Reise in einem Zimmer wohnen. Die Betten waren natürlich nicht zusammen, aber das habe ich auch in anderen Ländern so erlebt. Wir gerieten oft in Demonstrationen, konnten jedoch keinerlei Gewalt beobachten. Fotografieren und tel. ging immer problemlos, Internet auch. Abends war ich dann oft überrascht über CNN o. BBC. Die Menschen waren durchweg nett, sprachen uns an. 2 Frauen sprachen mich allein an, gaben die Hand u wir redeten min 30 Min, ohne dass jemand daran Anstoß genommen hätte. In Shiraz kam ein Mann zu uns, gab uns die Hand, sagte, er sei Koranschüler u setzte sich neben meine Partnerin, sprach mit ihr, sah sie dabei an. Derlei Erlebnisse hatten wir oft.
    Mit Erschrecken musste ich dann Heimflug die Gegenseite kennenlernen, allerdings auf deutschem Boden. Grenzschützer kontrollierten noch vor dem Aussteigen sehr intensiv die Papiere ALLER Fluggäste. Das hätte ich eher in Iran erwartet.
    Eine Frage noch an den Autor: Waren Sie schon mal in USA? Man muss sich VORHER über das Internet anmelden, bekommt die Fingerabdrücke abgenommen...

  5. Von vorne bis hinten sehr unglaubwürdige Story, die aus der Feder der intoleranten Iran-Hasserin und seinerzeit in Finanznot geratene Betty Mahmoodi stammen könnte - oder anders ausgedrückt: Anti-Iran Propaganda. Ich kenne Land und Leute sehr gut, und muß sagen, der Iran und seine Menschen sind definitiv anders.
    Der Iran hat schon genug Probleme am Hals, nicht nur innenpolitische, sondern bekanntlich auch mit dem Westen. Da muß man die dortige Gesellschaft und Kultur nicht noch schlecht reden - und so den Konflikt noch unnötig anheizen.

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