Roman von Thomas Lang Die Jugend von gestern

Thomas Lang hat seinen Pubertätsroman »Bodenlos« mit Klugheiten aller Art gedüngt

Motto: »Lest es 2x, verdammt!«. So fordert uns der Autor gleich zu Beginn des Buches auf, eine bodenlose Frechheit! Was soll das heißen? In diesem meinem Text sind so wertvolle geheime Botschaften, dass man sie erst entdecken kann, wenn man die gröberen Handlungsmodule dieser Coming-of-age-Geschichte schon kennt? Wie, glaubt der Autor, funktioniert das Gehirn eines Lesers? Das liest ja sowieso schon zweimal, wenn es das erste Mal liest. Etwas läuft in ihm vor und zurück, von der kleinsten Sinneinheit zur immer neu sich formierenden Gestalt des Ganzen, es läuft zu Hesse, Musil und Alain-Fournier, zu den berühmten Teenagergeschichten der Hochliteratur und zu den Initiationsriten der Eingeborenen in Westafrika. Es herrscht ein reger Hirnaustausch beim Lesen, wenn der Roman einen befeuert, wenn er gut ist! – Doch ist er das?, lautet die Frage nach der Lektüre von 460 Seiten pubertärer Erstarrung.

Der Roman macht einem den Einstieg nicht nur des Mottos wegen schwer. Es beginnt schon beim Titel. Der Name des Helden lautet Jan Bodenlos. Die ganze Familie, Vater, Mutter, Schwester, fünf Hunde heißen Bodenlos. Und der erste Satz des Romans lautet »Stell dir einfach vor, dass der Boden von Millionen Raketen nach oben angetrieben wird, während alles, was fällt, in Ruhe ist.« Der Jüngling von 17 Jahren steht auf dem Zehnmeterturm des heimischen Schwimmbades und sein Freund Torsten, ein Einstein-Fan mit Hang zu verschwurbelter Raum-Zeit-Philosophie, macht Druck. Was ist das für ein Gefühl auf einem solchen Turm, mit 17 Jahren? Bodenlos! Kann man bodenlos überhaupt steigern? Ja, derart, dass der Roman rückwärts erzählt wird. Uns der sichere Boden der erzählten Vergangenheit verweigert wird und wir diese Vergangenheit romantechnisch jetzt als Zukunft erleben. Nach sieben Kapiteln ist der Autor offenbar der Meinung, dass wir diese Form-Inhalt-Konjunktion verstanden haben, und erzählt wieder anders herum.

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Man könnte jetzt noch weitermachen mit der Karikatur der Ambitioniertheiten, die Thomas Langs Roman, ja seine bisherigen Bücher von Than bis Unter Paaren prägen und eben auch beschädigen. Tatsächlich strebt er einen erhöhten Dichtegrad des Textgewebes an, in dem sich Figurenporträts, Milieustudie, Zeitgeistpanorama, Medientheorie und Mediennutzung, Philosophie und existentialistische Psychologie aufs Innigste verschränken. Dass die einzelnen Elemente seiner Klugheit und des Wissens dabei nicht mehr sichtbar sein könnten, scheint dem Autor unheimlich, weshalb er sie wie Fäden oder Gelenke herausgucken lässt. So fällt er zum Beispiel immer wieder unvermittelt aus der psychologisch-intimen personalen Erzählform, die uns die Welt, wie Jan sie sieht, wahrnehmen lässt, ins auktoriale, also ins altkluge Erzählen, etwa: »Jan merkt gar nicht, wie er mit seiner Ablehnung seiner Gegenwart ihr so genau entspricht.«

Doch Thomas Lang Roman Bodenlos hat auch etwas Besonderes zu bieten, das dem Willen entspringt, sich ganz auf eine Person zu konzentrieren: auf das besondere Unglück Jans, auf Unfälle, Selbstmorde, Kommunikationsversagen; und zugleich auf das Allgemeine, auf Siouxsie and the Banshees und The Cure als Soundtrack zum Weltschmerz, auf toupiertes schwarzes Haar und Kajalstift auch für Jungenaugen, auf die nuklearen Mittelstreckenraketen nebenan und die Bonner Friedensdemo im Herbst 1981; auf Selbstverletzung als Selbstvergewisserung, auf den Krieg gegen Eltern und Lehrer, deren Verständnis ebenso schmerzt wie deren Unverständnis und so weiter.

Thomas Lang blättert das alles mit großer Sorgfalt auf, er nimmt sich Zeit, lässt die Tage und Stunden passieren. Hier, wo er altmodisch ist, ist er am besten. Dann kommt sogar großartige Prosa heraus. So ist Jan, der alles nur erleidet, der alles verschluckt und düster-soundig ausstrahlt, bei den Theaterproben in der Schule zweiter Beleuchter. Er macht, indem er selbst unsichtbar wird, seine angebetete japanische Mitschülerin Kiku sichtbar, auch für andere. Ebenso gut die Blickchoreografie im Partyraum, wo Jan unter der Bühne der Band einen Stecker sucht und durch eine Spalte im Holz Kiku beobachtet, wie sie rückwärts den Raum betritt – ihre Macke und Futter für die Philosophie des Verfehlens und Verschwindens, für die Rückwärtsphilosophie des Romans. Das mündet in einer Art Verschwinden der Welt.

Doch anders als in Thomas Glavinics Roman Das Leben der Wünsche rafft keine Welle die Welt von hinnen, sie entzieht sich schrittweise und schmerzlich. Jan, dem kommunikationsunfähigen Verehrer von Camus’ Der Fremde, der Bibel der zärtlichen Unbeteiligtheit, kommen die Begehrten reihenweise abhanden: Kiku geht nach London, die Brüder seines Freundes Torsten bringen sich um, Torsten wird darüber rüde und böse, ein Kumpel fährt sich zu Tode und schließlich, thematischer Mittelpunkt des Romans: Jans geliebte Schwester stirbt ebenfalls. Zusammen mit drei Hunden der Familie sind das viele Abgänge. Man merkt schon, es ist die Welt selbst, die sich zurücknimmt. Der Roman ist ein Negativ der Welt, schwarz-weiß und schwindend.

In einem zentralen Kapitel wird das symbolisch zugespitzt. Als Jan mit seiner Schwester An auf einer Lichtung im Wald tollt und sich eine inzestuös gefärbte Geschwisterliebe choreografisch entfaltet, machen sie Fotos, die An durch Nachlässigkeit wieder zerstört. Starkes Licht löscht die Bilder aus. So wie An im Roman ausgelöscht wird. Inzesttabu und Schuld sind so verschwistert wie Jan und An und ihre Namen Jan und darin An – das ist eine jener Übercodierungen, die sich Thomas Lang leistet.

In Wirklichkeit ist nicht die Aufforderung, den Roman 2x zu lesen das Problem, sondern die Überdüngung eines durchaus gut und klug erzählten Romans mit Techniken und Codes aller Art. Da ist kein Komma, das dich nicht sieht. Das ist ein Problem, das man nicht weglesen kann.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 28.01.2010 Nr. 05
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    • Schlagworte Roman | Literatur | Philosophie | Westafrika | London
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