Sprechen konnte sie noch, und so hat sie die Rede auf ihren toten Vater bis zum Schluss vorgetragen. Vom Kinn aufwärts war alles in Ordnung. Doch der Mensch unterhalb des Kopfes wurde anfallsartig von einem derart heftigen Zittern geschüttelt, dass die zuschauende Mutter im Publikum tief erschrocken war und die Redende bleibend verunsichert. Ein unerhörtes Ereignis, am eigenen Leibe erfahren: Was war geschehen?

Die New Yorker Schriftstellerin Siri Hustvedt hat sich in ihrem neuen Buch Die zitternde Frau dem Rätsel dieses Zitterns zugewandt. Trieb die Erinnerung an den Vater solche ernsten Spiele mit ihr? Wie war es möglich, dass sie hatte weiterreden können? Hatte sich die Redende von einem fremden Teil ihrer selbst distanziert? Hatte sich der zitternde Körper von dem souverän erzählenden Selbst unabhängig gemacht, weil dieses wenig überzeugenden Unfug erzählte? Was war überhaupt von der Überzeugungskraft einer Rede zu halten, die eine Schlotternde vorträgt? Was hielt die Körpersprache so offensichtlich der artikulierten Rede entgegen? Und warum?

Es ist die erstaunlich klare und diskrete Sachlichkeit von Hustvedts Selbsterkundung, die von Anbeginn der Erzählung die Befürchtung zerstreut, nun werde man auf intimen Schleichwegen zum fantasierten Vatermord inklusive lähmender Schuldgefühle geführt und unterwegs mit allerhand Privatem aus dem Hause Hustvedt behelligt, das einem von der kleinen Siri und einem übermächtigen Papa erzählt. Davon kann in diesem Buch, das Privates kaum preisgibt, die Rede nicht sein. Es ist, auf dem Markt der selbstbefangenen Krankheitsreporte, von einer verblüffenden Diskretion. Dass ihre Mutter einmal gesagt habe, sie sei zu empfindlich für diese Welt, dass sie ihrem Vater beim letzten Telefonat etwas Unvergessliches sagen wollte: Dies gehört zu den offensten Mitteilungen. Im Übrigen ist allem Erzählten ein Ton leiser Verwunderung unterlegt.

Auch eine andere Skepsis löst sich bald auf: Dass nämlich, bloß wegen eines prominenten Zitterns, ein sprachtheoretisches Seminar über einen hereinbrechen könnte, was ja nur naheläge, wenn eine belesene Schriftstellerin, die sowohl Tochter eines Sprach- und Literaturprofessors (Lloyd Hustvedt) ist als auch Frau eines angesehenen Schriftstellers ( Paul Auster ), obendrein über Sprache und Identität im Werk eines der großen Schriftsteller promoviert hat ( Charles Dickens ), nun rätselt, warum sie der Sprache noch mächtig ist, während der Körper zitternd klein beigibt (wegen der Übermacht des Symbolischen nämlich). Nichts davon in dieser Erzählung. Sie ist ohne theoretische Überlast so sorgfältig in der Entfaltung ihrer Motive, dass man keine Zeile verpassen will.

Und noch eine dritte Ungemütlichkeit verfliegt gleich auf den ersten Seiten des Buchs: Der Verdacht, dass nämlich die androgyne Erotik des Geistes, die in der körperlichen Schönheit dieser europäisch gebildeten Autorin spürbar ist wie in ihren Werken, schon den ganzen Stoff für die Faszination des neurologisch angesagten Gegenstandes hergeben soll: der schillernden Verhältnisse von Körper und Seele, Leib und Geist, Nerven und Psyche, Gehirn und Vernunft. Hinreichend diffus, um als Stoff für älter werdende New Yorker Intellektuelle bei ihren Dinnerparties zu taugen.

Stattdessen vermittelt Hustvedt, am Geländer von Freuds klassischen Werken und diszipliniert fragend, präzise die Geschichte und Gegenwart des medizinischen Wissens. Dieses Buch einer Autorin, die in ihrem literarischen Werk, ob in der Unsichtbaren Frau oder in der Verzauberung der Lily Dahl, Nachtseiten des Ichs vielfach erkundet hat, ist umso erstaunlicher, als es einer dicht erzählten Novelle ebenso gleicht wie einem spröden, anmerkungsreichen Forschungsbericht. Es erzählt in biografischen Episoden vom Tod des Vaters, von der Rede der Zitternden und von deren drängender Suche nach den Gründen, und es nimmt dabei wie zwangsläufig den Weg über die historische Erforschung dessen, was man wissenschaftlich und ärztlich wissen kann: Der Weg führt von der Konversionsstörung, die man seit Sigmund Freud als den körperlichen Ausdruck einer starken psychischen Erregung auffasst, über die Erscheinungsformen der Epilepsie und Migräne und die pharmakologische Behandlung von traumatischen Erinnerungen bis zu den neurologischen Krankheitsbildern durch Hirnschädigungen, die Körpergrenzen verschieben.

Nichts davon passt genau auf Hustvedts Fall, und doch lässt er sich erst vor dem Hintergrund dieser immer anders verschobenen wissenschaftlichen Wahrnehmungen einleuchtend entfalten. Wenn die Psychiatrie sich um kranken Geist kümmert, die Neurologie um kranke Gehirne, die Psychoanalyse um kranke Seelen und die Menschen heute vorzugsweise zum Neurologen gehen, dann ist es angesichts solcher Arbeitsteiligkeit und Vorliebe von Belang zu fragen, was eigentlich den Geist, das Gehirn, die Seele voneinander unterscheidet. Und von wo die Aufträge zu solchem Zittern erteilt werden.