Vampirroman "House of Night" Zahnlose Kost
Vampir-Schmöker Nr. 1 ist ein Jugendroman. Leider kein guter
Als die Heldin zum ersten Mal den Gemeinschaftsraum ihres neuen Internats betrat, wurde sie von allen angestarrt. »Ähm, wobei das nicht ganz richtig war. Sie starrten nicht wirklich mich an. Sondern das Mal auf meiner Stirn.« Denn dieses Mal zeigt an, dass sie mit besonderen Kräften ausgestattet ist. Déjà vu? Richtig, das klingt nach Harry Potter. Ist aber nicht Harry Potter, sondern Zoey Redbird. Am Vortag wurde sie, bis dato ein ganz normaler Teenager in Oklahoma, von einer unbekannten Macht zu Höherem ausersehen und zur Reifung auf ein Spezialinternat geschickt. In Zoeys Fall heißt dieses nicht Hogwarts, sondern House of Night, und die dortigen Schüler werden nicht Zauberer, sondern Vampir – denn eine gute Portion von Twilight, der millionenschweren Vampirserie von Stephenie Meyer, gehört natürlich auch dazu.
Man kann wirklich nur staunen, wie ungeniert manche Autoren ihren Erfolg nach den Rezepten anderer nachzukochen versuchen. In der Widmung bedankt sich die Autorin P. C. Cast, die schon seit einigen Jahren Liebes-Fantasy-Romane verfasst, bei ihrer Agentin, »die das magische Wort aussprach: Vampyr- Internat«. Das heißt, nicht einmal die Grundidee stammt von Cast selbst; zum Nacharbeiten des Teenager-Innenlebens und der passenden Sprache bat sie ihre Tochter Kristin um Hilfe. Ein neues Autorinnenduo und eine neue Erfolgsserie waren geboren. Seit 2007 sind schon sechs Fortsetzungsbände erschienen, die sich in den USA millionenfach verkauft haben. In Deutschland kam vor zwei Wochen der erste Band heraus, jetzt steht er in der Spiegel- Bestsellerliste auf Platz eins. Egal, wie durchsichtig die Masche ist, sie funktioniert.
Im Internet gibt es Websites, auf denen Figuren, Orte und »Fachbegriffe« der House of Night- Serie mit derselben Akribie erörtert werden wie andernorts die Fabelwesen und Zaubersprüche J. K. Rowlings. Übrigens heißen die Vampire im House of Night nicht Vampire, sondern Vampyre – ein Manierismus, dessen gewollte Originalität nur die sonstige Abkupferei unterstreicht.

Zur Verteidigung von Zoey und Konsorten lässt sich sagen, dass nicht alles nachgemacht, sondern auch vieles abgewandelt ist. Während Meyers Twilight- Serie so puritanisch weiß war, dass es fast ku-klux-klante, hat Zoey eine Cherokee-Großmutter, von der sie Rituale zur Beschwörung der Göttin lernt. Ihr bester Freund ist schwul. Wiederholt werden in House of Night Sexualpraktiken wie Blowjobs explizit angesprochen, es wird erörtert, ob sie jungen Mädchen wirklich Spaß machen; es wird auf Paris Hilton und andere Hunger-Schönheiten geschimpft. Deswegen aber zu behaupten, dass House of Night eine politische Antwort, gar eine Attacke auf Stephenie Meyers Twilight sei, wäre tollkühn. Insbesondere wenn diese Behauptung seitens des deutschen Verlags kommt, der damit wohl eher einer typischen Selbstschmeichelei der deutschen Kulturindustrie erliegt.
Diese redet sich zwar gern ein, kritischer verfasst zu sein als das amerikanische Mutterland. Tatsächlich aber lesen Millionen von Fans jenseits und diesseits des Atlantiks House of Night nicht, weil es sich von Twilight unterscheidet – sondern weil es dem ähnelt. »Wenn Sie Twilight liebten, werden Sie House of Night verschlingen!« Mit solchem Vorablob wurde die Serie in den USA beworben, und zahlreiche der vielen Hundert Leserkommentare bei Amazon lauten: »Ich bin absoluter Stephenie-Meyer-Fan, darum habe ich auch House of Night gekauft.« Ob mit Vampiren oder Vampyren – dass die Serie weitergeht, das zählt.
Die teils jugendlichen, teils erwachsenen Leser legen damit gegenüber ihren Heldinnen Bella beziehungsweise Zoey eine bemerkenswerte Untreue an den Tag; im selben Maße anhänglich wiederum sind sie dem Genre selbst, diesem Geschäft des Blutsaugens und Davon-Ablassens, der Versuchung und des Widerstehens. Am wichtigsten: eie Wandlung, die aus einer 08/15-Person ein Wesen der Dunkelheit und des Übernatürlichen macht.
Bei House of Night wird im Grunde nur eine sehr dünne Folie dieses Übernatürlichen über den ganz normalen Highschool-Alltag gelegt. Die meisten Sorgen gelten dem Jungen, auf den Zoey steht, und der coolen Clique, die natürlich von einer hübschen, aber oberflächlichen Feindin angeführt wird. Davon erzählen Cast und Cast in einer so aufdringlich teenagerhaften Sprache, dass es die Nerven sämtlicher Altersklassen strapaziert. Aber eben doch nicht zu sehr. Man kann das aushalten, man kann das lesen. Einmal akzeptiert, dass die Fortsetzung des All-Age-Vampirromans in alle Ewigkeit unvermeidlich war: Es hätte schlimmer kommen können. Enthusiastischer sagen lässt sich das nicht. Hilal Sezgin
- Datum 03.02.2010 - 07:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.01.2010 Nr. 05
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