Volksabstimmung für Ikea Kill Billy? Lieber nicht
Die Hamburger wollen mehr Ikea, ergab ein Volksbegehren
Welch ein Stoff für einen Dramaturgen! Der Hamburger Stadtteil Altona gegen Ikea, das ist: Kunst gegen Kapital, Geist gegen Geld. »Kill Billy!«, fordern die Ikea-Kritiker, frei nach Quentin Tarantino, und suchen einen Tempel der Wegwerfmöbel-Gesellschaft heim – zwecks Kissenschlacht! Am Ende siegt natürlich das Kapital, Ikea veranstaltet unter tätiger Mithilfe des Kleingewerbes ein Volksbegehren, erobert eine überwältigende Mehrheit, bald werden die letzten Protagonisten des Widerstands vertrieben sein. Vorhang.
So, oder so ähnlich, könnte man den Konflikt um die Ikea-Filiale in der Hamburger Innenstadt auf die Bühne bringen. Das Stück würde glänzend in die Debatte um Klientelparteien und ihre Finanziers passen und besonders gut nach Hamburg, wo soeben eine finanzstarke Bürgerbewegung pro Unterschrift einen Euro zahlte und für diesen Preis eine völlig neue Schulpolitik bekommt.
Nur einen Nachteil hätte diese flotte Inszenierung: Sie hätte nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Ikea gegen Altona, das ist eben nicht Kapital gegen Kunst. Sondern es ist, um zwei typische Vertreter beider Lager vorzustellen, Sladjana Matic gegen Mirco Schergert*). Sladjana Matic betreibt seit acht Jahren in der Großen Bergstraße in Hamburg-Altona das Friseurgeschäft »Komm Hair« und hat in dieser Zeit erlebt, wie die Fußgängerzone um ihren Laden verödete. Mehr als 50 Prozent Leerstand vermerkte ein städtischer Entwicklungsbericht schon vor sechs Jahren, von zwei Secondhandläden hat einer inzwischen aufgegeben, der andere verkauft Kleidung zum Kilopreis. Selbst Dönerbuden ziehen weg. »Die Straße ist tot«, sagt die Ladeninhaberin. Ohne Ikea werde sie noch maximal zwei Jahre durchhalten.
Mirco Schergert, ihr Widersacher, gehört der Ateliergemeinschaft »Schöne Kunst allen Menschen« an. Er hat zwei Studiengänge absolviert, lebt von Hartz IV, das er, weil das politisch korrekter sei, lieber »Arbeitslosengeld II« nennt, und bezahlt 65 Euro Miete im Monat für ein 20 Quadratmeter großes Atelier in dem verfallenen Betonturm eines ehemaligen Kaufhauses gegenüber von Frau Matics Friseurladen. Dort wird er ausziehen müssen, wenn Ikea dieses Bauwerk durch ein Möbelgeschäft ersetzt – ein typisches Opfer der auch von den Ikea-Gegnern beklagten »Gentrification«, der Aufwertung von Stadtteilen, die finanzschwächere Mieter vertreibt. Zwar hat das Land Herrn Schergert ein anderes Atelier zum gleichen Preis angeboten. Lieber aber würde er in Altona bleiben und weiter »Sand ins Getriebe einer turbokapitalistischen Stadtentwicklung« streuen.
Ist es verwunderlich, dass die Initiatoren des Bürgerbegehrens »Pro Ikea« die für einen Volksentscheid erforderlichen 5600 Unterschriften schneller beisammen hatten als ihre Widersacher und die fällige Abstimmung mit einer Mehrheit von 77 Prozent gewannen?
Nun klagen die Verlierer, wie Verlierer eben klagen: Die Fragestellung der Abstimmung sei »einseitig« gewesen, die Bürger seien »nicht aufgeklärt« worden. Erstaunlich an diesen Beschwerden ist, dass hier Anhänger der sogenannten direkten Demokratie derselben ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Bislang blieb es den Verteidigern der repräsentativen Demokratie überlassen, vor dem Einfluss von Populisten und kapitalstarken Interessengruppen zu warnen. Ikea kauft Volksentscheid! – wer Volksentscheide propagiert, sollte so nicht argumentieren.
In Wirklichkeit ist das eine Latrinenparole. Die Pro-Ikea-Initiative wurde in einem Reisebüro in der sterbenden Altonaer Einkaufszone ausgeheckt; dass der Möbelkonzern ihr auch nur die mindeste Unterstützung angedeihen ließ, ist eine unbewiesene Behauptung einiger ihrer Gegner. Die öffentliche Debatte dagegen erreichte, befeuert vom Gegeneinander zweier Bürgerinitiativen, eine ganz erstaunliche Qualität. An die 750 Interessierte kamen zu einer öffentlichen Anhörung; wer sich die Internetdebatte ausdruckt, benötigt, Stand vom Dienstag, 55 Blatt Papier. 43.000 Bürger stimmten schließlich ab – mehr als bei der Europawahl.
Das Ende allerdings war wohl so oder so unvermeidlich. Für Billy findet sich immer eine Mehrheit.
*) Der Name wurde von der Redaktion nachträglich geändert.
- Datum 27.01.2010 - 18:29 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.01.2010 Nr. 05
- Kommentare 10
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aber warum muss der Autor hier den Zeigefinger erheben, wenn jemand von Arbeitslosengeld II spricht, nur weil Journalisten einfach nicht in der Lage sind, dass Kind beim richtigen Namen zu nennen? Noch einmal: Hartz IV ist die Reform, ALG II die Leistung. Und nur weil die Presse es immer wieder falsch raushaut (und der Bürger dadurch auch) wird es nicht richtiger...
Demokratie bedeutet, auch eine dumme und falsche Entscheidung der Mehrheit gewaltfrei zu ertragen. Wir werden sehen. Es riecht schon wieder nach "moral majority" und "volonté generale" in Hamburg.
demokratie heißt, daß 51 menschen den anderen 49 menschen sagen wie sie zu leben haben.
sic!
... die Alternative ist, dass 49 Menschen sagen wie 51 zu leben haben. Da bevorzuge ich dann doch lieber den Mehrheitsentscheid, zumal die Entscheidungen selten derart knapp sind.
... die Alternative ist, dass 49 Menschen sagen wie 51 zu leben haben. Da bevorzuge ich dann doch lieber den Mehrheitsentscheid, zumal die Entscheidungen selten derart knapp sind.
... die Alternative ist, dass 49 Menschen sagen wie 51 zu leben haben. Da bevorzuge ich dann doch lieber den Mehrheitsentscheid, zumal die Entscheidungen selten derart knapp sind.
... der der ZEIT nicht ansteht. Erinnert sich noch jemand an die Waldschlößchenbrücke? Da gabs auch einen Volksentscheid, nur stand die ZEIT da auf der anderen Seite.
Auch ist der Bau eines Ikeas in einem Hamburger Stadtteil eine Lokalposse, die die wenigsten hier interessieren dürfte. Die Anzahl der Begehren in D nimmt zu, immer mehr Bundesländer entdecken, dass in ihnen mündige Bürger gerne mehr mitbestimmen würden:
http://www.mehr-demokrati...
Und wie immer sind da auch unsinnige und umstrittene dabei.
"gut nach Hamburg, wo soeben eine finanzstarke Bürgerbewegung pro Unterschrift einen Euro zahlte und für diesen Preis eine völlig neue Schulpolitik bekommt"
Stimmt das? Und wenn ja, warum wurde das Begehren nicht für unrechtmäßig erklärt? Bei einer Wahl ist Stimmenkauf schliesslich auch verboten.
"Nun klagen die Verlierer, wie Verlierer eben klagen: Die Fragestellung der Abstimmung sei »einseitig« gewesen, die Bürger seien »nicht aufgeklärt« worden."
Nun dieser Behauptung hätte man ja mal nachgehen können, anstatt eimerweise Häme auszuschütten. Die Volksgesetzgebung in Hamburg ist ganz sicher noch verbesserbar, wurde sie doch gerade erst gegen die extrem bornierte Hamburger CDU durchgesetzt.
ad: "gut nach Hamburg, wo soeben eine finanzstarke Bürgerbewegung pro Unterschrift einen Euro zahlte und für diesen Preis eine völlig neue Schulpolitik bekommt" Stimmt das? Und wenn ja, warum wurde das Begehren nicht für unrechtmäßig erklärt? Bei einer Wahl ist Stimmenkauf schliesslich auch verboten.
Es wahr wohl so, dass das Begehren als solches einige Sponsoren auf seiner Seite hatte; NATÜRLICH wurde (m.W.) niemand dafür bezahlt, seine Unterschrift zu leisten - sonst würde jetzt auch der Senat nicht mit der Initiative verhandeln. Sicherlich gab es auch (!) reiche Hanseaten, deren daran lag, ihre Sprößlinge möglichst frühzeitig auf die Spur zu "Leistungsträgern" zu bringen. Dann haben diese aus meiner Sicht das Richtige aus den falschen Gründen getan.
Bei ikea hieß die vorgelegte Formulierung sinngemäß "Sind Sie dafür, dass unser Stadtteil durch diese attraktive Ansiedlung belebt wird?" o.ä. Sicher suggestiv, aber der klaren Mehrheit und hohen Beteiligung werden die Gegner keine (gewaltfreien) Möglichkeiten mehr haben.
ad: "gut nach Hamburg, wo soeben eine finanzstarke Bürgerbewegung pro Unterschrift einen Euro zahlte und für diesen Preis eine völlig neue Schulpolitik bekommt" Stimmt das? Und wenn ja, warum wurde das Begehren nicht für unrechtmäßig erklärt? Bei einer Wahl ist Stimmenkauf schliesslich auch verboten.
Es wahr wohl so, dass das Begehren als solches einige Sponsoren auf seiner Seite hatte; NATÜRLICH wurde (m.W.) niemand dafür bezahlt, seine Unterschrift zu leisten - sonst würde jetzt auch der Senat nicht mit der Initiative verhandeln. Sicherlich gab es auch (!) reiche Hanseaten, deren daran lag, ihre Sprößlinge möglichst frühzeitig auf die Spur zu "Leistungsträgern" zu bringen. Dann haben diese aus meiner Sicht das Richtige aus den falschen Gründen getan.
Bei ikea hieß die vorgelegte Formulierung sinngemäß "Sind Sie dafür, dass unser Stadtteil durch diese attraktive Ansiedlung belebt wird?" o.ä. Sicher suggestiv, aber der klaren Mehrheit und hohen Beteiligung werden die Gegner keine (gewaltfreien) Möglichkeiten mehr haben.
ad: "gut nach Hamburg, wo soeben eine finanzstarke Bürgerbewegung pro Unterschrift einen Euro zahlte und für diesen Preis eine völlig neue Schulpolitik bekommt" Stimmt das? Und wenn ja, warum wurde das Begehren nicht für unrechtmäßig erklärt? Bei einer Wahl ist Stimmenkauf schliesslich auch verboten.
Es wahr wohl so, dass das Begehren als solches einige Sponsoren auf seiner Seite hatte; NATÜRLICH wurde (m.W.) niemand dafür bezahlt, seine Unterschrift zu leisten - sonst würde jetzt auch der Senat nicht mit der Initiative verhandeln. Sicherlich gab es auch (!) reiche Hanseaten, deren daran lag, ihre Sprößlinge möglichst frühzeitig auf die Spur zu "Leistungsträgern" zu bringen. Dann haben diese aus meiner Sicht das Richtige aus den falschen Gründen getan.
Bei ikea hieß die vorgelegte Formulierung sinngemäß "Sind Sie dafür, dass unser Stadtteil durch diese attraktive Ansiedlung belebt wird?" o.ä. Sicher suggestiv, aber der klaren Mehrheit und hohen Beteiligung werden die Gegner keine (gewaltfreien) Möglichkeiten mehr haben.
slatjana matic gegen Mirco Schergert* - darum geht es nicht. das ist wieder diese blöde personalisierung, die aus medien nicht rauszukriegen ist. ja, runterbrechen auf den einzelnen menschen. nur leider wird's sehr schief.
es geht darum, dass alternativen zu ikea denkbar sind, von denen slatjana matic und Mirco Schergert beide etwas hätten. und viele andere in der großen bergstraße auch. minus das verkehrsaufkommen, plus möglicherweise mehr als ca. 220 arbeitsplätze.
warum wird ikea als alternativlos dargestellt, wenn alternative nutzungskonzepte existieren? http://frappant.blogsome....
warum lese ich hier darüber nichts?
ist das so schwer, der sache mal kurz nachzugehen?
* Anm. der Redaktion: Der Name wurde nachträglich von der Redaktion geändert. (sh)
Ich bin vollkommen fassungslos, wie klischeebeladen und kenntnislos dieser Kommentar ist. Soetwas hätte ich von der Zeit nicht erwartet. Die immer wiederholte Behauptung, dass es sich bei IKEA-Gegnern um "faule Arbeitslose", "arbeitsscheues Gesindel" etc. handelt, wird dadurch nicht wahrer, dass sich ein ZEIT-Journalist dem Urteil (wenn auch in netteren Worten) anschließt.
War dieser Schreiberling überhaupt mal hier? Hat der sich mit den Sorgen derjenigen auseinandergesetzt, die an den Zufahrtsstraßen des zukünftigen IKEAs liegen. Für einige offensichtlich kaum fassbar, aber hier leben Menschen, die jeden Morgen zur Arbeit gehen - und die gerade darum um ihre Nacht"ruhe" fürchten. Hier leben Menschen, die hier gern leben, in diesem Stadtteil, an dieser Straße.
Toll, jetzt haben "uns" also die Leute aus Rissen und Othmarschen "gerettet" - die dann bald mit ihren Autos hierherkommen werden und Billyregale kaufen. Auf dass die Rissener sich dann wirklich hier nach dem IKEA-Besuch bei "Komm Hair" die Haare schneiden lassen, bei Sydow Reisen buchen und bei Funcke Stützstrümpfe kaufen. Vielleicht wird ja auch die Hoffnung der Pro-IKEA-Nachbarn wahr und "das Publikum" in der Bergstraße wird wieder wie zu "Zeiten von Karstadt" (aber warum sollten die Ottenser neben einen IKEA ziehen? Ich muss mich dem Gemisch aus Bequemlichkeit, Gewinnstreben, Nostalgie und Fremdenfeindlichkeit geschlagen geben, okay, aber solch einen Kommentar muss ich nicht ertragen. Byebye Zeit!
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