Pharmakogenetik Mehr Arzneien, Tests und Kosten

Langsam zeigt die individualisierte Medizin ihr Potenzial – aber sie bringt neue Probleme mit sich.

Jeder Patient ist anders. Egal, welche Diagnose gestellt wurde: Schaut man genau hin, so leidet jeder an einer einzigartigen Erkrankung – und müsste eine individuell auf ihn zugeschnittene Therapie erhalten. Die Pharmakogenetik zielt auf diese meist erblich bedingten Unterschiede ab.

Zwar sind 99 Prozent der DNA bei zwei nicht verwandten Personen identisch, in einem Prozent unterscheiden sie sich jedoch – und auf diesen Bruchteil des Genoms kommt es an. »Die Pharmakogenetik ist ein wesentlicher Bestandteil der personalisierten Medizin«, sagt Bärbel Hüsing vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe.

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Noch steht die Pharmakogenetik in der klinischen Anwendung am Anfang. Zwar gibt es bereits eine Handvoll etablierter Gentests. Doch sie erlauben keine hundertprozentigen Voraussagen. Besonders schwierig gestaltet sich eine Prognose und Therapiestellung bei weitverbreiteten Erkrankungen wie Bluthochdruck und Depression, bei deren Entstehung und Verlauf viele Faktoren zusammenwirken: Rauchen, Alkohol, Stress, das Geschlecht, der Lebensstil.

Was auf die Gene zurückzuführen ist, lässt sich oft nur schwer ausmachen. »Gerade wenn die pharmakogenetischen Tests nicht eindeutig anzeigen, welche Behandlung folgen soll, etwa wenn schwere Nebenwirkungen mit 30 Prozent Wahrscheinlichkeit auftreten und das Medikament voraussichtlich nur mit 60prozentiger Wahrscheinlichkeit wirkt, tritt schnell die Frage auf: Welches Ergebnis rechtfertigt welches Handeln?«, sagt Bärbel Hüsing. Diese Unschärfe könne sich »zu einem großen Problem entwickeln«.

Fast täglich werden neue Zusammenhänge zwischen Genen und Krankheiten oder Stoffwechselvorgängen entdeckt. Die Suche nach Korrelationen zwischen genetischen Mustern, Umweltfaktoren und Erkrankungen produziere eine Flut von Wahrscheinlichkeiten und vagen Vermutungen, die sich nur in Einzelfällen für den Patienten auszahlten, warnen Pessimisten. Die Daten seien ein unermesslicher Schatz, der Diagnostik und Therapie nachhaltig verbessern werde, schwärmen Fortschrittsgläubige.

Bärbel Hüsing sieht die Entwicklung nüchtern. Nach der Entdeckung möglicher Korrelationen folge der mühsamere zweite Teil der Arbeit: das Validieren der Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten. »Wo es zuverlässige, verlässliche Ergebnisse gibt, können eine Menge klinisch relevante Anwendungen entstehen«, so Hüsing.

Was aber bedeutet eine breite Etablierung personalisierter Medizin für das Gesundheitswesen? Mehr unterschiedliche Medikamente, das ist sicher. An eine »maßgeschneiderte Pille«, die nur bei einem Menschen und niemand anderem wirkt, glaubt keiner. Immer mehr Tests und Arzneien, das wird unbezahlbar. Doch zweifellos wird die Bevölkerung in viele genetische Untergruppen aufgeteilt, für die jeweils ein spezifisches Medikament besser geeignet ist als für den Rest.

Leser-Kommentare
  1. Da denkt aber einer nicht sehr tief, wenn er meint, die Verlierer seien nur eine kleine Gruppe! Das bisschen, was die Pharma-Branche in die Forschung steckt (im Vergleich etwa zur "Werbung" und "Schmierung"), dient nicht dazu, Medikamente zu entwickeln, die nach (möglichst) einmaliger Gabe den Patienten heilen (da haben nämlich die Konzerne wenig bis nichts davon), sondern in erster Linie der Optimierung der Gewinne! Die Branche nährt sich fett nicht von der Gesundheit, sondern von der (möglichst chronischen) Krankheit. Bald wird die Möglichkeit kommen, einen Menschenschlag zu gen-erieren und zu patentieren, der gegen die ansonsten tödlichen Nebenwirkungen bestimmter patentierter Mittel immun ist. Es sind ja alles freie Menschen, diese Konzerne, und der Markt regelt alles, auch das Leben und Sterben!

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