Martenstein Fußball-Lyrik
Harald Martenstein verdankt Karl-Heinz Rummenigge seine neue Lieblingslyrikerin
Vor ein paar Wochen ist Franz Beckenbauer als Präsident des FC Bayern München zurückgetreten. Sein Gefährte Karl-Heinz Rummenigge trug aus diesem Anlass, zum großen Erstaunen der Vereinskameraden, ein, wie es schien, selbst verfasstes Dankgedicht vor. Es ging so: »Ich danke Dir / ich dank Dir sehr / ich danke Dir, das fällt nicht schwer. / Ich danke Dir, dank Dir ganz doll / weiß gar nicht, was ich sagen soll. / Ich danke Dir, Du bist ein Schatz / dies sag ich Dir in diesem Satz. / Ich danke Dir, das fällt nicht schwer: / Danke, danke, danke sehr.« Als ich das gelesen habe, musste ich sofort an meinen Lieblingslyriker Robert Gernhardt denken, außerdem an den postdadaistischen Stil des berühmten Theaterregisseurs Christoph Marthaler.
Inzwischen ist herausgekommen, dass Rummenigge dieses, meiner Ansicht nach nahezu geniale, Gedicht im Internet gefunden hat, und zwar auf der Homepage der Auftragsdichterin Anette Pfeiffer-Klärle aus Rödermark. Zur Genese ihres jetzt berühmtesten Werkes gibt die Autorin zu Protokoll, sie habe es »nach ein paar Bier« verfasst. Viele literarische Werke entstehen so! Frau Pfeiffer-Klärle hat Rummenigge auf 1000 Euro Schadenersatz verklagt, er zahlt auch. Normalerweise kostet ihre Lyrik 90 Euro pro Stück, plus 20 Euro Expresszuschlag, falls das Gedicht in weniger als 48 Stunden fertig sein soll.
Auf Anette Pfeiffer-Klärles Homepage apk-gedichte.de – die Abkürzung steht für »außergewöhnlich, persönlich, kompetent« –, die ich natürlich sofort aufgesucht habe, sieht man eine brünette, pfiffig dreinschauende Person von etwa vierzig Jahren, die als erlernten Beruf »Fachinformatikerin« angibt. Bei Anette Pfeiffer-Klärle kann man sich zu jedem Anlass was dichten lassen, auch zu so speziellen Ereignissen wie »Kupferne Hochzeit« oder »20-jähriges Jubiläum« von was auch immer.
Ich habe offenbar eine neue Lieblingslyrikerin. Hier Auszüge eines Gedichtes, welches von einer Patentante zur Geburt eines lang erwarteten Babys vorgetragen wurde, möglicherweise direkt am Kindbett: »12 Jahre habt ihr es versucht, / habt bestimmt auch mal geflucht, … Am Eisprung schnell Geschlechtsverkehr, / wie oft kam Kurt vom Bauplatz her?« Frau Pfeiffer-Klärle bietet, falls Kurt oder seine Partnerin eines Tages doch die Geduld verlieren sollte, auch »Trennungsgedichte« in vier Gefühls-Variationen an, »dankbar«, »verzweifelt«, »wütend« und »verzeihend«. Die »verzeihende Trennung« geht beispielsweise so: »Danke, ich weiß, Du musstest gehn. / Tut es auch weh: Ich kann’s verstehn.« Politische Lyrik schreibt sie auch, etwa zum Weltfrauentag, wo sie sich von der oft allzu selbstmitleidigen Position des traditionellen Feminismus verabschiedet: »Noch immer gibt es heute Frauen, / die sich selber gar nichts trauen.«
Weil ich den Reim von »Geschlechtsverkehr« auf »vom Bauplatz her« für in der Geschichte der modernen Liebeslyrik beispiellos mutig halte – in Gottfried Benns Gedicht O Nacht reimt sich einmal »kleines Rammeln« auf »Donner sammeln«, Elisabeth Langgässer reimt »Knie, Schenkel« auf »verruchter Enkel«, aber was ist das schon gegen »Bauplatz«? –, habe ich besonders erwartungsfroh die »erotischen Gedichte« angeklickt. Dort steht aber nur das Folgende: »Auch erotische Aufträge habe ich schon zur großen Zufriedenheit meiner Kunden hinbekommen. … Leider konnte ich noch KEINEN einzigen Kunden davon überzeugen, ein erotisches persönliches Gedicht hier aufzuführen. Nun, das kann ich verstehen.«
Zu hören unter www.zeit.de/audio
- Datum 28.01.2010 - 09:00 Uhr
- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 28.01.2010 Nr. 05
- Kommentare 16
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Ach Martenstein ach Martenstein
lass lieber doch die Lyrik sein.
Ein Beitrag, der als Parodie eines klassischen, erhaben-erotischen Gedichts natierlich erkennbar sein soll:
Ad expositionem:
Mein Weblein, still von Mails umhegt,
Das stundenweise Früchtchen trägt,
Das still den Gedichtler in sich schließt,
Der es befragt, der es begrüßt -
Es lebe hoch!
Ad exemplum:
Der Kicker, stark und wohlgenährt,
Der ohne Ball zum Tore fährt,
Der mich beschießt und sich beahlt,
Bis er erlahmt, bis er bezahlt -
Er lebe hoch.
Oh Martenstein,
Du armes Schwein,
Wörter finden
Wörter schwinden
Woche um Woche
Neues Gekoche
Nach Themen suchen
Stets am fluchen
Das Blatt
Dein Bauplatz
Trotz Helmpflicht Gedanken
Um die sich deine Texte ranken
Wär doch bloß schon nächste Woche rum!
Oh Martenstein,
Du armes Schwein.
Sie schreiben oft manch' Ungereimtes,
mal eben schnell Zusamm'ngeschleimtes.
Doch manchmal, und das sieht man hier,
wirkt's noch bei Ihnen, das gute Bier.
an die Autoren der Kommentare Nr. 1 und 4... haben Sie den Beitrag auch wirklich gelesen oder bin ich so saublöd, dass ich nicht erkennen kann, wo Herr Martenstein eine eigene Lyrik zum Besten geben würde?
Ich weiß es nicht, aber ich folge einfach mal meiner Interpretation des Ganzen und sage: Solche Wortzusammenkleisterer wie die Frau, deren Namen ich mir nicht merken will, sollten sich nicht Dichter nennen dürfen. Wer so einen Schund für Geld anbietet und offensichtlich auch noch was davon los wird, ist in meinen Augen nicht viel mehr als ein einfallsloser Warenhändler und der Grund, wieso ihm dennoch die Waren abgenommen werden, ist einfach nur der, dass er (oder sie) im Gegensatz zu denen, die zu ihm (ihr) kommen, zufällig weiß, wie man ein Wörterbuch bedient. Mit Lyrik hat das genauso wenig zu tun wie Dieter Bohlen mit Musik.
Martenstein, ich versteh Dich sehr
auch mir fällt es manchmal schwer
ich wähl sie
und schäl sie
dann geschnippelt, kurz und klein
und inne Pfanne rein
heiße Flamme drunter
da braten sie munter
und rührend ich hoffe
es werden gute Bratkartoffe
auch beim Gedichte
gibts so seine Tücken....
Brad
"So sieht es aus das Irdische
Nach kurzer..." ...ZEIT!
"Das sind die blendenden Irrwische
Der..." ZEIT..."...lichkeit!"
Nicht von der, der der,
die da schreibt für Rummenigge,
sondern: Hört, hört, hört her:
von Kempners fleiß'ger Fridderigge!
Sie war beileib' ein Verse-Klempner,
doch sorg't sie immer, immer,immer
für under Seelenwohl,
die Friderike Kempner.
@:Menschengleicher: Die Nemesis, sie waltet ... Anonymer Bube du!
"So sieht es aus das Irdische
Nach kurzer..." ...ZEIT!
"Das sind die blendenden Irrwische
Der..." ZEIT..."...lichkeit!"
Nicht von der, der der,
die da schreibt für Rummenigge,
sondern: Hört, hört, hört her:
von Kempners fleiß'ger Fridderigge!
Sie war beileib' ein Verse-Klempner,
doch sorg't sie immer,immer,immer
für unser aller Seelenwohl ohn' Gewimmer
die Frideririderiderike Kempner.
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