Gesundheitspolitik Acht Euro
Philipp Röslers Reformideen sind richtig. Aber ihm fehlen die Verbündeten
© Andreas Rentz/Getty Images

Muss den Unmut über die Zusatzbeiträge der Krankenkassen umwandeln in Zustimmung für die umstrittene Kopfpauschale: Gesundheitsminister Philipp Rösler auf der Regierungsbank im Bundestag
Schon in wenigen Tagen beginnt im deutschen Gesundheitswesen ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Zehn Millionen gesetzlich Krankenversicherte werden Post von ihrer Kasse bekommen. Inhalt: Die Aufforderung, ab sofort zusätzlich zum ohnehin fälligen Krankenversicherungsbeitrag noch eine Zwangsabgabe von acht Euro pro Monat zu überweisen.
Beschwerden aller Art seien bitte an den Gesetzgeber zu richten, wird die eine oder andere Krankenkasse auf Nachfrage mitteilen. Und bei hartnäckigem Widerstand ihrer Kunden werden die Kassen womöglich Inkassobüros und Gerichtsvollzieher in Marsch setzen. Die Kosten dafür dürften in vielen Fällen deutlich über den eingetriebenen Beträgen liegen.
So weit, so absurd. Was für Millionen Bürger ärgerlich ist, bedeutet für den neuen FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler allerdings auch eine Chance. Die Zusatzbeiträge haben Union und SPD in der vergangenen Legislaturperiode gemeinsam auf den Weg gebracht. Je größer der Ärger, desto plausibler wird es erscheinen, dass Rösler ebenfalls Änderungen bei der Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung plant. Auch er will eine Prämie einführen, eine höhere sogar, die allerdings nur mit einem automatischen Ausgleich für Geringverdiener kommen soll. Rösler muss deshalb das Kunststück gelingen, den absehbaren Unmut über die sogenannte kleine Prämie in Zustimmung für eine neue Einheitsprämie zu verwandeln. Viel hängt dabei davon ab, ob man ihm glaubt, dass die ungeliebten Zusatzabgaben ein Erbe schwarz-roter Reformer und keineswegs der Testlauf für seine Großreform sind. Sonst hat er schon verloren, bevor er mit dem Reformieren richtig beginnen kann.
Rösler hat nicht viele Verbündete bei seinem Großprojekt. Finanzminister Wolfgang Schäuble will den Haushalt konsolidieren, nicht Milliarden für eine sozialpolitische Großreform mit ungewissem Ausgang bereitstellen. Röslers FDP-Parteivorsitzender Guido Westerwelle und die meisten anderen einflussreichen Liberalen werden im Zweifel Steuersenkungen wichtiger finden als eine unpopuläre Gesundheitsprämie. Immerhin will die Kanzlerin das Gleiche wie ihr Gesundheitsminister. Aber ob Angela Merkel nach ihren verheerenden Erfahrungen im Wahlkampf 2005 und bei der Gesundheitsreform des Jahres 2006 noch einmal mit aller Macht für die Prämie kämpft, ist reichlich ungewiss.
So bleibt Rösler eigentlich nur der Glaube an die Kraft des Arguments. Denn in einem Punkt hat er recht: Das bestehende System ist ungerechter als ein Prämienmodell, bei dem alle Bürger eine Einheitsprämie zahlen, der Ausgleich zwischen Arm und Reich über das Steuersystem hergestellt wird und Geringverdiener einen Ausgleich erhalten. Unser bestehendes Solidarsystem wird unsolidarisch finanziert.
Einkommen aus Kapital werden bei der Berechnung der Sozialbeiträge nicht mitgerechnet, Privatversicherte zahlen gar nichts ein, und Gutverdienende tragen, in Prozent ihres Einkommens gerechnet, viel weniger bei als Geringverdiener. Und warum soll nicht mal ein FDP-Minister die Umverteilung in der Sozialversicherung gerechter machen, nachdem die sozialdemokratischen Reformen die Systeme an vielen Stellen effizienter gemacht haben?
Allerdings ist der politische Aufwand, ein gutes Prämiensystem auf den Weg zu bringen, gewaltig. Und das ist ein gravierender Einwand gegen Röslers Reformideen. Die Deutschen sind mit ihrem Gesundheitssystem im Großen und Ganzen ziemlich zufrieden, sie sehen, dass die Versorgung besser ist als in vielen anderen Industrieländern. Sie interessieren sich, wenn überhaupt, eher für Wartezeiten in Arztpraxen oder dafür, ob das Krankenhaus in der Nachbarschaft schließen muss. Es gibt keinen großen Leidensdruck, und längst nicht bei allen Bürgern ist die Einsicht da, dass eine Reform nötig ist, damit die Versorgung in Zukunft so gut wie heute bleibt.
Nicht einmal Röslers eigene Partei ist richtig begeistert von dem Ziel einer Gesundheitsprämie. Die CSU ist dafür ohnehin nicht zu gewinnen. Und die Opposition hofft schon darauf, mit einer großen Gesundheitsdebatte ihr soziales Profil wieder schärfen zu können. Die geplante Reform wird also viel Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit verbrauchen. Und die könnten dann für andere, noch wichtigere Ziele der Gesundheitspolitik fehlen: für den Ausbau der Prävention, die Kostendämpfung, die Reform der Pflege. Das wäre ein zu hoher Preis. Vermutlich ist auch Philipp Rösler ziemlich mulmig angesichts des Abenteuers, das am 1. Februar beginnt.
- Datum 01.02.2010 - 07:38 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.01.2010 Nr. 05
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Einkommen aus Kapital werden bei der Berechnung der Sozialbeiträge nicht mitgerechnet, Privatversicherte zahlen gar nichts ein, und Gutverdienende tragen, in Prozent ihres Einkommens gerechnet, viel weniger bei als Geringverdiener. Und warum soll nicht mal ein FDP-Minister die Umverteilung in der Sozialversicherung gerechter machen, nachdem die sozialdemokratischen Reformen die Systeme an vielen Stellen effizienter gemacht haben?
Und das soll eine Kopfpauschale leisten. Da lachen doch diee Hühner.Für wie dumm hält man uns.
"Für wie dumm hält man uns?"
Die Autorin (die wohl auch im Genuss eines groesseren Rabattes als FDP-Mitglied ist) behauptet ja nicht nur, Besserverdienende wuerden bei der Kopfpraemie MEHR einzahlen als bisher, sondern verschweigt auch geflissentlich, dass es vor allem darum geht, den Arbeitgeberanteil zu senken.
Stattdessen spricht sie von "sozialpolitische Großreform".
Da fordere ich doch lieber gleich einen Prospekt bei der Parteizentrale an : da gibt es wenigstens noch bunte Bilder.
"Für wie dumm hält man uns?"
Die Autorin (die wohl auch im Genuss eines groesseren Rabattes als FDP-Mitglied ist) behauptet ja nicht nur, Besserverdienende wuerden bei der Kopfpraemie MEHR einzahlen als bisher, sondern verschweigt auch geflissentlich, dass es vor allem darum geht, den Arbeitgeberanteil zu senken.
Stattdessen spricht sie von "sozialpolitische Großreform".
Da fordere ich doch lieber gleich einen Prospekt bei der Parteizentrale an : da gibt es wenigstens noch bunte Bilder.
Es ist im Grunde ganz einfach, die Beträge zu den Krankenkassen werden einfach abhängig vom gesamten Einkommen gleich geregelt. Eine steuerliche Abzugsfähigkeit der Beiträge sollte ausgeschlossen sein.
Was hier versucht wird, ist die Zerstörung der sozialen Marktwirtschaft mit paritätischer Leistung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
Wenn dann noch richtiger Wettbewerb zwischen den Krankenkassen erlaubt wird, z.B. durch Beiträge und Zusatzleistungen, dann lassen sich auch die Gesamtkosten senken. Zur Zeit haben weder Krankenkassen, noch der Rest der "Gesundheitsindustrie" wirklichen Druck, Kosten zu senken. Der Beitragszahler oder Steuerzahler gleicht es ja aus.
gemachten Vorschläge kann ich uneingeschränkt zustimmen.
Die Beiträge für die Krankenkasse vom Einkommen abhängig machen ist besser, als die Beiträge für "besonders Gutverdiener" zu senken (per Kopfpauschale) und den Ausgleich für die "ganz schlecht Verdiener" aus dem Steuertopf vorzunehmen. Die Konservativen sind doch sonst gegen die Gleichmacherei: Kopfpauschale = Kommunismus.
Der Sinn einer Versicherung ist der Ausgleich zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen. Deshalb Versicherung. Den Gerechtigkeitsausgleich macht man über das Steuersystem, man "steuert" damit. Was denken Sie denn wer den Steuerausgleich finanziert, die obersten 10%, die 90% der Steuern zahlen, oder die untersten 90%, die 10% der Steuern zahlen. Überlegen Sie mal, fast 50 Millionen Deutsche zahlen überhaupt keine Einkommenssteuer!
Der Sinn einer Versicherung ist der Ausgleich zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen. Deshalb Versicherung. Den Gerechtigkeitsausgleich macht man über das Steuersystem, man "steuert" damit. Was denken Sie denn wer den Steuerausgleich finanziert, die obersten 10%, die 90% der Steuern zahlen, oder die untersten 90%, die 10% der Steuern zahlen. Überlegen Sie mal, fast 50 Millionen Deutsche zahlen überhaupt keine Einkommenssteuer!
Zitat: „Und warum soll nicht mal ein FDP-Minister die Umverteilung in der Sozialversicherung gerechter machen, nachdem die sozialdemokratischen Reformen die Systeme an vielen Stellen effizienter gemacht haben?“
1. Wo bitte sollen sozialdemokratische Reformen die Systeme „effizienter“ gemacht haben? Die SPD hat den Gesundheitsfonds mitentschieden (was nun, ganz wie vorhergesehen und vorher kritisiert, in von der Autorin beklagter Bürokratie endet). Und aus rot-grüner Zeit sind mir keine Regelungen mit positivem Effekt bekannt, wenn man nicht die sog. Praxisgebühr als solche bezeichnen möchte.
2. Weshalb soll ausgerechnet die Kopfpauschale gerechter sein? Der angebliche „automatische Ausgleich für Geringverdiener“ wird nicht einmal ansatzweise dargestellt. Ein steuerlicher Ausgleich kann es wohl kaum sein, denn Geringverdiener zahlen im wesentlichen indirekte Steuern, d.h. Verbrauchssteuern, und nur wenig bis gar keine Einkommenssteuer?
Die sogen. "Kopfpauschale" (bzw. "Gesundheitsprämie") wurde immer nur in Bezug auf die gesetzlich Krankenversicherten diskutiert, eine "gerechte" Beteiligung von z.B. Privatversicherten, Beamten etc. war nie in der Diskussion. Im Gegenteil, aus Gründen der Gleichbehandlung stünden den Kindern von Privatversicherten dann Leistungen aus dem Gesundheitsfond zu, ohne dass deren Eltern Zahlungen an die GKV richten.
Die Einbeziehung aller Bürger in eine dann allgemeine Krankenversicherung (mit allerdings einkommensabhängig unterschiedlichen Beiträgen) wurde nur von der SPD unter dem Stichwort "Bürgerversicherung" diskutiert.
Der Sinn einer Versicherung ist der Ausgleich zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen. Deshalb Versicherung. Den Gerechtigkeitsausgleich macht man über das Steuersystem, man "steuert" damit. Was denken Sie denn wer den Steuerausgleich finanziert, die obersten 10%, die 90% der Steuern zahlen, oder die untersten 90%, die 10% der Steuern zahlen. Überlegen Sie mal, fast 50 Millionen Deutsche zahlen überhaupt keine Einkommenssteuer!
"Der Sinn einer Versicherung ist der Ausgleich zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen."
Ich habe nichts gegen eine Finanzierung auf Basis der Einkommensteuer, obwohl ich dann mehr zahlen muss.
"Der Sinn einer Versicherung ist der Ausgleich zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen. Deshalb Versicherung."
Es heisst also Versicherung, weil es ein Ausgleich ist : ok, ueberzeugt.
Aber noch toller ist das, was Sie als Sinn einer Versicherung bezeichnen : ich dachte immer, man versichert sich gegen ein das Eintreten eines "Ungluecks", um "sicher" zu sein, wenn ein Schaden entsteht.
Ist der Sinn Ihrer Haftpflichversicherung tatsaechlich, dass ein Ausgleich geschaffen wird zwischen denen, denen Sie einen Schaden zufuegen und den anderen, die Ihnen entkommen?
"Der Sinn einer Versicherung ist der Ausgleich zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen."
Ich habe nichts gegen eine Finanzierung auf Basis der Einkommensteuer, obwohl ich dann mehr zahlen muss.
"Der Sinn einer Versicherung ist der Ausgleich zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen. Deshalb Versicherung."
Es heisst also Versicherung, weil es ein Ausgleich ist : ok, ueberzeugt.
Aber noch toller ist das, was Sie als Sinn einer Versicherung bezeichnen : ich dachte immer, man versichert sich gegen ein das Eintreten eines "Ungluecks", um "sicher" zu sein, wenn ein Schaden entsteht.
Ist der Sinn Ihrer Haftpflichversicherung tatsaechlich, dass ein Ausgleich geschaffen wird zwischen denen, denen Sie einen Schaden zufuegen und den anderen, die Ihnen entkommen?
egal in welcher Richtung, weil sie ungerecht ist. Sondern weil Interessenvertreter dahinter stehen und stark an einem Strang ziehen. Ist es gerecht, wenn z.B. für leichteste Formfehler in Kaufangeboten im Onlinehandel mit Horrorrechnungen von RAs sanktioniert werden dürfen? Wenn Rentner bei Kaffeefahrten abgezockt und betrogen werden dürfen? Wenn Schrott-Immobilien zu Wucherpreisen an Mann und Frau verkauft werden können, die dadurch ruiniert werden? Wenn die Firma DHL Pakete zerstören kann und sich um eine Bezahlung des Schadens regelmäßig drückt, trotz bezahlter Versicherung? Wenn Versicherungen die Begleichung von Schäden verweigern oder kürzen und die Betroffenen durch alle Gerichtsinstanzen hetzen um sie so zu ruinieren? Wenn Leute in Gefängnissen gemobbt oder gefoltert werden, ohne dass sie es an die Öffentlichkeit bringen können? Wenn Regierungsvertreter schwören, die Interessen des Volkes wahrzunehmen aber sich Vorteile für einzelne Hotels per Spende bezahlen lassen? Es gibt soviel offensichtliches Unrecht, das niemanden juckt, für das niemand eintritt und mögliche Opfer auch weiterhin mit Freude ausgenommen werden dürfen. Und das ein Kid wie Rössler von Gerechtigkeit spricht oder dafür kämpft ist doch wohl die absurdeste Vorstellung die möglich ist. Im übrigen halte ich den Artikel für die immer wieder auftauchenen Trotzaktionen, anscheinend ein Prinzip im Journalismus: Wo alle draufhauen - das wird verteidigt. Aufschrei der Leserschaft ist dabei vorprogrammiert.
weil sie zu mehr Gerechtigkeit führen sollte, meine ich natürlich...
weil sie zu mehr Gerechtigkeit führen sollte, meine ich natürlich...
weil sie zu mehr Gerechtigkeit führen sollte, meine ich natürlich...
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