ZEITmagazin: Frau Waltz , Sie hatten vor zwei Jahren einen Zusammenbruch. Wie kam es dazu?

Sasha Waltz: Es geht zurück auf die Zeit, als ich künstlerische Leiterin an der Schaubühne Berlin war. Es war ein großes Erbe, der Erwartungsdruck war immens. Und wir sind auch weiterhin viel getourt, was sehr, sehr anstrengend war, da ich meinen kleinen Sohn dabeihatte.

ZEITmagazin: Sie haben aber trotzdem gut funktioniert?

Waltz: Ich habe alles bewältigt mit ungebrochener Energie. Obwohl ich oft krank war, habe ich mich nie hingelegt, sondern weitergearbeitet. Mir lief ständig die Nase, die Augen tränten. Ich dachte, es sei eine Grippe. Erst im Nachhinein habe ich realisiert, dass das bereits erste Anzeichen waren.

ZEITmagazin: 2005 endete Ihr Vertrag mit der Schaubühne. Wurde die Belastung nicht geringer?

Waltz: Nein. 2006 gründete mein Mann Jochen Sandig das Radialsystem V – ein neues Haus, aus dem Nichts kreiert. Absoluter Wahnsinn! Ich choreografierte auch zwei Opern und hatte 2007 eine riesige Tournee durch Japan . Außerdem war seit der Geburt meiner Tochter die Belastung noch größer geworden. Mich plagte ein schlechtes Gewissen, in Japan bekam ich regelrechte Panikattacken. Ich hatte Angst um meine Kinder, Angst vor dem Fliegen, Angst in engen Räumen, auch Angst im Theater. Danach inszenierte ich trotzdem Romeo und Juliette an der Pariser Oper. Ich merkte zwar, dass ich nicht mehr konnte. Aber es fiel mir schwer, Nein zu sagen.

ZEITmagazin: Dann folgte der Zusammenbruch? 

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Waltz: In Paris arbeitete ich wie im Rausch, aber mit letzter Kraft. Ich hatte Schwindelanfälle und Nervenschmerzen, erst im Bein, dann im ganzen Körper. Wieder in Berlin, brach ich auf einer Probe weinend zusammen. Trotzdem übernahm ich auch noch einen Workshop. Ich konnte kaum mehr still sitzen, rannte durch die Stadt, war unfähig, mal durchzuatmen. Ich war außer mir, war nicht mehr in meinem Körper. Dann wollte ich wieder selbst tanzen, in meinem ersten Stück, das ich zurück ins Repertoire holte. Doch vor der ersten Probe wurde ich krank, fühlte mich sehr schwach. Aber ich ging trotzdem zur Probe, und dort war plötzlich meine ganze linke Seite weg, wie gelähmt. Ich hatte kein Gefühl mehr im Körper und rief nur noch verzweifelt um Hilfe.

ZEITmagazin: Sie wurden ins Krankenhaus gebracht?

Waltz: Ja, aber es wurde nichts gefunden. Bis heute weiß niemand, was es war. Die Ärzte sagten, ich solle eine Kur machen. Ich war dann allein in den Bergen und anschließend bei meiner Tante, die mich pflegte. Aber noch immer hatte ich panische Ängste, konnte kaum laufen, kaum schlafen und essen. Mein Mann hat mich dann zurück nach Berlin gebracht, denn ich wollte unbedingt das Stück tanzen.

 

ZEITmagazin: Das klingt ja verrückt!

Waltz: Es war ein wahnsinniger Kraftaufwand, aber das Tanzen hat mich wieder geerdet, hat mir die Kontrolle über meinen Körper zurückgegeben. Doch nach zwei Aufführungen konnte ich endgültig nicht mehr. Danach lag ich drei Monate im Bett, kaum fähig, mit jemandem zu reden. Ich habe fast nur gelesen. Später habe ich dann ganz viel Aufmerksamkeit auf meinen Körper gerichtet. So ging es langsam wieder aufwärts.

ZEITmagazin: Was haben Sie aus dieser Erfahrung gelernt?

Waltz: Dass ich auf die Warnsignale in meinem Körper achten muss. Und dass ich nicht über alles die Kontrolle haben kann, weshalb ich mein Repertoire an Repetitoren abgab. Ich habe auch sehr viel mehr Energie in die Familie gesteckt, um diese Ängste loszuwerden. Ich habe eine Therapie gemacht, habe angefangen zu meditieren und versuche, mehr Zeit für mich zu finden. Ich bin dabei zu lernen, Nein zu sagen. Aber ganz konsequent bin ich noch nicht. Jetzt habe ich wieder zwei Riesenprojekte übernommen. 

ZEITmagazin: Warum haben Sie immer das Äußerste von sich gefordert? Aus Ehrgeiz?

Waltz: Ich mag es, mit großen Gruppen zu arbeiten, das ist ein Talent von mir. So wurde aus der Tänzerin die Choreografin, künstlerische Leiterin, Unternehmerin. Es war wie ein Busch, der immer größer wurde, mir über den Kopf wuchs, den ich längst hätte beschneiden sollen. Aber Ehrgeiz war es nicht. Mein Mann sagt immer: Wenn du nur ehrgeiziger wärst…

ZEITmagazin: Er fordert mehr von Ihnen?

Waltz: Eigentlich ja. Das ist ein Konflikt. Mein Mann hat eine unbändige Energie, noch mehr als ich. Wir kennen beide unsere Grenzen nicht. Ich habe immer versucht, Nein zu sagen, es aber nicht geschafft. Erst mit der Krankheit haben es dann alle begriffen. Die Krankheit war mein einziger Ausweg. Sie war meine Rettung.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl