Wagners "Rienzi" in Berlin Achsenbruch des Bösen

Die Geschichte eines Volkstribunen: Der Regisseur Philipp Stölzl inszeniert Wagners "Rienzi" in Berlin knapp am "Dritten Reich" vorbei. von Volker Hagedorn

"Führerbunker", ächzt der Nachbar im Parkett, als der Vorhang aufgeht, "oh nee…", und er ächzt bis zur Pause, danach ist sein Platz frei. Es ist aber weder ein Bunker noch der Führer, den es da zu sehen gibt; es ist ein bisschen komplizierter und sogar ein bisschen komisch. Wir hören Richard Wagners wunderbare Rienzi-Ouvertüre, Eröffnungsmusik der NSDAP-Reichsparteitage wie auch Erkennungsmusik von Spiegel-TV, und blicken mit einer Gestalt, von der zuerst nur eine Hand über den Rand des Chefsessels ragt, auf ein gewaltiges Panoramafenster: beschneite Alpen Marke Obersalzberg. Nur ist Hitlers Hochsitz hier eine imperiale Staatskanzlei, die Bergwelt flimmert wie eine Videoinstallation der Achtziger, und der Mann im Sessel, weiß uniformiert, ist fett wie Göring und wendig wie ein Affe. Er schlägt Rad und tändelt wie Chaplins großer Diktator mit dem Erdball, der irgendwann ins Fenster rutscht.

Vielleicht regen sich während der jüngsten Premiere der Deutschen Oper gerade deswegen so viele auf, weil die Regie sie hinter den Linien der vertrauten Klischees erwischt, die sie gleichwohl anspielt. Die Affinität Hitlers zu Wagner ist so wohlbekannt wie der nationalsozialistische Missbrauch der Wagnerschen Musikdramen, der indessen keineswegs nur einem Missverständnis folgte. Man hat es sich fast schon bequem eingerichtet mit Wagner als Hitlers "bestimmendem Lehrmeister“ (Joachim Fest) und mit einer Achse des Bösen, die sich spätestens 1906 zu drehen beginnt: Da erlebt der 17-jährige Oberösterreicher in Linz eine Produktion des Rienzi, nach der er sich zum Volkstribunen berufen fühlt. So wie der Römer Rienzi will er werden, ein charismatischer Führer, der ein heruntergekommenes Volk zu neuer Stärke "emporführt“, wie es im einschlägigen Jargon heißt. So weit, so schauerlich, so einfach.

Anzeige

Aber so einfach macht es Philipp Stölzl sich und uns eben nicht, auch wenn er später der Sogkraft des Vertrauten zu erliegen droht. Der 42-Jährige, vom Sprechtheaterausstatter über Musikvideos und Filme zum Musiktheaterregisseur geworden, setzt am Klischee an, um es zu zerlegen bis hinein in Dimensionen, von denen wir uns nicht so bequem distanzieren können wie von einem historisch so klar umrissenen wie umgerissenen Bösmenschen. Der "Führer" da ist eine ambivalente Gestalt, den Bewegungen nach eindeutig durchtrainiert, aber clownesk aufgepolstert noch über jenen Leibesumfang hinaus, den er als Vorwegdouble des real singenden Heldentenors Rienzi braucht. Nicht unsympathisch, wie ertappt er reagiert, als eine Ordonnanz mit Kaffeetablett seine Turnereien unterbricht. Und seltsam, wie Wagners Ouvertüre dazu wirkt.

Was das Orchester der Deutschen Oper spielt, hört der Einsame aus einem Grammofon, mitdirigierend. Der dunkle Klang ist größer als die pompös düstere Kanzlei, er wirkt wie ein 19. Jahrhundert als Schoß eines 20. Jahrhunderts. Das geht an diesem Abend über die simple Wagner-Hitler-Abfolge auch deswegen hinaus, weil Rienzi noch gar keine richtige Wagner-Oper ist (der Komponist schrieb sie mit 26, später war sie ihm "sehr unangenehm"), sondern eine grand opéra auf den Spuren Giacomo Meyerbeers. Groß angelegte Tableaus, in denen zwischen Massenszenen und psychologisch wenig differenzierten Privatkonflikten hin und her geschnitten wird. Mit dem Einsatz homogener Massen (der beim späteren Wagner eigentlich nur noch auf der Meistersinger-Festwiese wichtig ist) hat die Oper des 19. Jahrhunderts manch totalitäre Politikinszenierung vorweggenommen.

Man könnte also auch eine Linie von Meyerbeer zu Mussolini ziehen, was bei einem römischen Volkstribun nicht abwegig ist. Seinen ersten librettokonformen Auftritt hat Rienzi inmitten einer Truppe von Schwarzhemden vor einer Kulisse, die der imperialen Strenge des Macht-(T)Raums völlig entgegengesetzt ist: Schräg ineinander gekantete Metropolis-Versatzstücke lassen an Futuristen wie Boccioni denken, und das Volk Roms könnte von George Grosz gemalt sein.

Belcanto-Redundanz verbindet sich verblüffend gut mit Massenmedien

Die halb karikierenden, halb tristen Masken dieser Menschen verweisen auf die Deformationen, die ein Erster Weltkrieg hinterließ. Man trägt Zwanziger-Jahre-Klamotten von verzweifelter Buntheit. Darunter aber liegt als tiefere Schicht schon das schwarz-weiße Outfit der Diktatur. Auch die Widersacher des emporgekommenen Rienzi müssen es später tragen; sie wirken daher nicht wie der arrogante Adel des Originals, eher wie die Verschwörer um Stauffenberg.

Da sind die futuristischen Schrägen längst verschwunden, da bewegt sich Stölzl näher ans "Dritte Reich" heran. Rienzi hält Reden, die in der Wochenschau Das neue Rom übertragen werden, und da verbinden sich späte Belcanto-Redundanz und frühe Massenmedien verblüffend perfekt. Torsten Kerl ist nämlich nicht nur ein Tenor mit ebenso viel Strahlkraft wie Eloquenz, er ist auch ein Darsteller, der bis ins letzte Mundwinkelzucken die mimische Demagogie studiert hat – in Großaufnahme zeigt ihn ein Propagandafilm, dem auch marschierende Jugend und megalomane Kuppelbauten à la Speer nicht fehlen. Das Donnern, das Säuseln, das "Sei mein!" und das "Erzittre!", die Träne des Mitleids im Auge, das eben noch herrisch blitzte: Wie sich diese suggestiven Versatzstücke mit den Gesangsversatzstücken verbinden, die Wagner aus dem Fundus seiner Zeit holt – das lässt sehr tief in beide Quellen blicken. Und beleuchtet die Musik genauer, als es dem Orchester selbst gelingt.

Leserkommentare
  1. 1. Mut

    Da scheint - glaubt man dem Rezensenten - wirklich einer den Mut zum eingreifenden Denken auf dem Theater zu haben. Dass Führerbunker und Heldenträume Gegenwart und Zukunft nachhaltig verdunkeln, ist eigentlich angesichts der Heroen von Gottesstaaten und Bank-Un-Wesen so wenig originell wie die neototalitären Phantasien der "Linken", die dem Einzelnen Erlösung von der Verantwortung versprechen, wenn er sich nur kollektiver Fürsorge anvertraut. Dass man's historisch-musikalisch aufklärt, ist leider auch schon wieder fast eine Heldentat.

    • opina
    • 28. Januar 2010 5:48 Uhr

    Nachdem ich der Rienzi-Ouvertüre bei Youtube gelauscht hatte (die Aufführung habe ich nicht gesehen) und mir dann die Kommentare dazu durchlas, stieß ich auf diese Reaktion eines spanischen Fans:
    "Wagners Musik ist so überwältigend und von einer so mitreißenden Energie, dass mich die hier zu lesenden stereotypen Verweise auf Hitler traurig machen. Es sind die vorgefertigten Antworten einer Welt, die keine wahre Kultur mehr hervorbringt, keinen Bezug mehr zu ihren Kulturgütern hat und sich damit zufrieden gibt, diesen ihren Stempel aufzudrücken."
    Stimmt.

    Rienzi, ein von Wagner unerwarteter Riesenerfolg bei der Uraufführung - nicht in Deutschland, sondern in Paris, wurde von ihm dennoch schnell wieder ad acta gelegt,
    denn sein Stil sollte ja noch ein anderer werden.

    Wenn Hitler in diesem Volkstribun sein Vorbild sah, dann faszinierte ihn vermutlich die Manipulierbarkeit der Masse in einer gegebenen Situation.
    Einige Züge Rienzis hat er wohlweislich nicht kopiert: z.B. dass man Feinden, die einem nach dem Leben trachten, u.U. auch verzeihen kann. Hitler eliminierte nur. Rienzi wurde zur tragischen Gestalt, weil die von ihm Erhörten (Adriano) und Begnadeten (die Nobili)ihm in den Rücken fielen und einen neuen Krieg heraufbeschworen, für den ihn das Volk (seine ' hohe Braut') und die Kirche (der er sich beugte) verfluchten...Das wusste der Föhrer zu umgehen.
    http://www.physcip.uni-st...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Traum oder harte Realität? Beyoncé in ihrem Dokumentarfilm "Life Is But A Dream"

    Die fleißigen Königinnen

    Beyoncé, Lana Del Rey und Taylor Swift sind die erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Sie zeigen uns, was es bedeutet, heute eine Frau zu sein. Wollen wir ihnen glauben?

    • PeterLicht zeigt sich nicht. Nur auf der Bühne sehen die Leute sein Gesicht.

      Tod, ach der Langweiler!

      Leben, Wahrheit, Zukunft, Freiheit, Liebe: Alles beginnt zu schillern. PeterLicht renoviert in seinem Buch und Live-Album "Lob der Realität" die Kapitalismuskritik.

      • Man mag's kaum glauben: Prince Rogers Nelson ist 56 Jahre alt.

        Freiheit allen Körpersäften!

        Nach jahrelangem Unabhängigkeitskampf veröffentlicht Prince gleich zwei Alben beim Warner-Konzern. Wer einmal Popkönig war, gibt sich eben ungern mit weniger zufrieden.

        • Die Inszenierungen des Regisseurs Calixto Bieito sind den Gegnern des Regietheaters ein plastisches Feindbild. Hier eine Szene aus der Händel-Oper "Der Triumph von Zeit und Enttäuschung" 2011 in Stuttgart

          Jeder Rollkoffer bringt uns weiter

          Geht das schon wieder los? Ein Musikwissenschaftler geißelt, was er für Regietheater in der Oper hält. Dabei ist jede noch so moderne Inszenierung besser als Stillstand.

          Service