Bürgercafé Wird Wirt

Ex-Minister Wolfgang Tiefensee hat ein Café eröffnet und will dort die Herzen der Leipziger zurückerobern

Und dies soll nun Wolfgang Tiefensees Durchbruch sein: ein kleines Loch in der Wand, diese neu geschaffene Durchreiche – groß genug, um Latte Macchiato und Milchkännchen zu überstellen. Im tiefensee , erklärt Tiefensee, muss er den Kaffee nicht selbst kochen, das besorgen die Profis vom Szene- café nebenan auf Bestellung. Was dem Chef Zeit verschafft, sich ums Wesentliche zu kümmern: die Gäste. Wolfgang Tiefensee, seit Oktober Bundesverkehrsminister a.D., hat einen neuen Minijob. Er ist mit 55 Jahren Betreiber eines Lokals geworden, das seinen Namen trägt, in roter Schrift auf Altbauwand. Es liegt in der Zentralstraße 1, Ecke Gottschedstraße, unweit des Rathauses.

Gastfreundlichkeit ist im tiefensee Strategie: Der SPD-Politiker will die Leipziger Volksseele zurückerobern. »Auch jene ansprechen, die von Politik nicht viel halten«, sagt er. Das tiefensee ist eine Melange aus Wahlkreisbüro und Bürgercafé. Und soll helfen, den Groll zu überwinden, den die Leipziger seit einiger Zeit hegen gegen diesen Mann, der nach seiner Wiederwahl als Oberbürgermeister nach Berlin ging, um am großen Rad zu drehen. »Die Menschen waren gekränkt«, sagt Tiefensee. Sie sind es noch immer.

Anzeige

Sein einst wichtigstes Pfund, die Gunst seiner Stadt, hat Tiefensee verspielt: Nur über die SPD-Landesliste gelang ihm 2009 der Einzug in den Bundestag. Das Direktmandat für den Leipziger Süden verfehlte er klar, mit 23 Prozent abgeschlagen auf Platz drei. Tiefensee grämt das bis heute. Die Menschen nähmen ihm den City-Tunnel übel – obwohl der ein Landesprojekt sei. Tunnel-Ablehnung freilich hätte sich anders angehört als das, was der Sozialdemokrat stets verlautbarte. Dass er überdies als Bundesminister keine glänzende Figur machte, hat man in der Heimatstadt natürlich zur Kenntnis genommen. 

Der Hobby-Cellist spielt nicht mehr auf der großen Bühne. Im Bundestag ist er Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Technologie. Er will sich dort für die Förderung von Elektroautos einsetzen. Er ist nach wie vor einer der Ost-Beauftragten seiner Partei – als Vorsitzender ihres Forums Ostdeutschland und als SPD-Vorstandsmitglied. Er galt einmal als politischer Senkrechtstarter.

Auf dem Weg zurück nach oben steigt Tiefensee am Eröffnungsabend seines Lokals auf einen Wasserkasten: Während seiner Rede überragt er so jeden. Regelmäßig, sagt er, werde das tiefensee Veranstaltungen bieten, zum Auftakt spricht am 16. Februar Brigadegeneral a.D. Harald Fugger zur Afghanistan-Frage.

Das Café – weiße Wände, schlichte Möbel – hat Annette Bender, Tiefensees neue Partnerin, mit eingerichtet. »Meine Liebste«, sagt er. Ob so viel Harmonie auch die Leipziger versöhnt? Im Überschwang formuliert eine Dame im Café die Forderung: Sachsen brauche einen SPD-Ministerpräsidenten! Tiefensee überhört dies vorerst. 

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 28.01.2010 Nr. 05
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Autoren abonnieren RSS-Feed
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Ostdeutschland | Bundestag | Sachsen | Berlin
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service