Personenrätsel Lebensgeschichte
»Warum gerade ich?«, fragte er sich im Rückblick auf sein langes Leben. Was machte gerade ihn zum »Protagonisten eines außergewöhnlichen Lebens«?
Als er viel zu früh zur Welt kam, standen die Aussichten dafür äußerst schlecht. Sein Vater hatte schon einen Schuhkarton als Sarg für das kaum drei Pfund schwere Kind besorgt. Die Mutter gab nicht auf. Sie war geschäftlich an einem fremden Ort, aber sie fand eine Wahrsagerin, die ihr die Sorge um die Überlebenschance dieses jüngsten ihrer neun Kinder nahm. Er werde nicht nur groß und stark, sondern »die ganze Welt bereisen, neben Königen gehen, reich und berühmt werden«. Fantastischer konnte eine Prophezeiung nicht sein: Die Familie lebte halb primitiv auf einer kleinen Insel, auf der die Zivilisation noch nicht angekommen war, und »besaß nicht einmal einen Pisspott«.
Später sollte er die Insel als seine eigentliche Schule bezeichnen, wo er in der Auseinandersetzung mit der Natur seine Kräfte erprobt und gelernt habe, sehr genau zu beobachten. Kaum konnte er laufen, wurden ihm Aufgaben übertragen. Eine reguläre Schule besuchte er nur sporadisch. Mit zwölf Jahren begann er zu arbeiten. Mit 13 steuerte er nach eigener Einschätzung auf eine Verbrecherkarriere zu. Nachdem er mit 15 eine Nacht im Gefängnis verbracht hatte, schickte ihn der Vater in der Überzeugung, nichts mehr für ihn tun zu können, zu seinem ältesten Bruder. Acht Jahre sollten seine Eltern nichts mehr von ihm hören. Seinen ersten größeren Verdienst investierte er in eine Fahrkarte, um möglichst weit fortzukommen. Allein in der überwältigenden modernen Metropole, hangelte er sich von Job zu Job, schlief in öffentlichen Toiletten, machte sich älter, um in der Armee dem Winter zu entkommen, und simulierte Wahnsinn, um wieder entlassen zu werden.
Ein Zufall brachte die Wende: Er stieß auf eine Anzeige, die eine ihm unbekannte Art des Geldverdienens bot. Er bewarb sich, wurde aber hochkant rausgeworfen mit der Empfehlung, Tellerwäscher zu werden. Genau das war er die meiste Zeit gewesen, und ihm dämmerte, dass er in den Augen anderer zu mehr nicht taugte. Das ließ sein Selbstwertgefühl nicht zu. Er würde es sich und der Welt zeigen! In Arbeitspausen nahm er eine Zeitung und lernte lesen. Um seine Ausbildung zu finanzieren, arbeitete er als Hausmeister einer Schule. Dank seines hartnäckigen Glaubens an sich konnte er schließlich die Arbeit tun, die »zeigte, wer ich war«. In ihr brachte er Wertvorstellungen zum Ausdruck, die seine schwer arbeitenden Eltern ihm vorgelebt hatten. Er verkörperte Menschen, die gegen alle Widerstände ihre Würde bewahren und etwas erreichen in der Welt. Wichtiger als kommerzieller Erfolg war ihm Integrität. Um keine Kompromisse eingehen zu müssen, arbeitete er lieber in seinem kleinen Lokal. Als Personifikation dieser Integrität wurde er weltberühmt – und die Prophezeiung erfüllte sich. Wer ist's?
Lösung aus Nr. 4:
Die Musikerin, Schauspielerin und Songwriterin Marianne Faithfull wurde 1946 in London geboren. Ihr Vater war ein britischer Major, ihre Mutter eine Enkelin von Leopold von Sacher-Masoch. 1964 begann Marianne Faithfull ihre Karriere mit dem Song »As tears go by«, komponiert von Keith Richards und Mick Jagger, mit dem sie damals liiert war. Nach der Trennung wurde sie Heroinabhängig, 1979 gelang ihr mit dem Album »Broken English« ein Comeback. Nachdem sie 1985 endgültig die Sucht besiegt hatte, veröffentlichte sie mehrere CDs (zuletzt 2008: »Easy Come, Easy Go«), ging auf Konzerttournee und feierte auch als Filmschauspielerin Erfolge, so 2007 in »Irina Palm« auf der Berlinale. Marianne Faithfull lebt heute in Paris
- Datum 25.01.2010 - 14:14 Uhr
- Serie Lebensgeschichte
- Quelle ZEITmagazin, 28.01.2010 Nr. 05
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