Anton Tschechow Das geheime Nest
Eine Randbemerkung zu Anton Tschechows 150. Geburtstag
© picture alliance / dpa

Der russische Schriftsteller Anton Pawlowitsch Tschechow im Jahr 1889
In Anton Tschechows Erzählung Schwere Naturen (1886) geht ein junger Mann in finsterer Laune durch die Straßen. Da begegnet ihm eine Gutsbesitzerin, die er kennt. Der junge Mann, so schreibt Tschechow, »verbeugte sich und lächelte übers ganze Gesicht. Und sofort wurde ihm bewusst, dass dieses Lächeln überhaupt nicht zu seiner düsteren Stimmung passte. Wo kam es her, wenn doch in seinem Inneren sich nichts regte als Ärger und Verdruss? Und er dachte, wahrscheinlich habe die Natur selbst dem Menschen diese Fähigkeit zu lügen verliehen, damit er in schweren Momenten seelischer Spannung das Geheimnis des eigenen Nestes hüte, so wie es die Wildente und der Fuchs tun.«
In einer anderen Erzählung Tschechows, Die Dame mit dem Hündchen , heißt es über den Helden: »Er hatte zwei Leben: eines, das offen zutage lag, (...) ein Leben voll bedingter Wahrheit und voll bedingten Betrugs, in allem dem Leben seiner Freunde und Bekannten ähnlich, und das andere – das heimlich verlief.« Alles Wahrhaftige, Notwendige und Interessante, so Tschechow, ereigne sich im heimlichen Teil des Lebens.
Am 29. Januar feiern wir Tschechows 150. Geburtstag, und bei dieser Gelegenheit fragen wir uns, was aus dem »Geheimnis des eigenen Nestes« wurde, welches das Thema dieses genialen Menschenkenners ist. Das Geheimnis, das man mit ins Grab nimmt, ist als literarisches Motiv und als Lebensproblem verschwunden. Um den Gedanken ans eigene Grab zu vertreiben, zerstört man am besten zuerst alle persönlichen Geheimnisse.
Das Nest ist geplündert. Die Nistplätze wurden zusammengelegt zu einem Zentralnest, einem Weltgelege. Wir haben es aufgegeben, unsere Geheimnisse zu hüten, das tun die Rechner der Banken und Ämter, das tun Facebook und Google für uns. Wer sich ins Netz begibt, erlebt einen Kosmos aufgedeckter Geheimnisse. Wer weit genug geht, zu den Swinger- und Tauschsex-Seiten, findet all die Ehebrecher, Fremdgänger, Verräter, die einst, schreckhaft und isoliert, die Literatur und die bürgerliche Welt bevölkerten, und er findet sie in einer Stimmung furchtloser Offenheit und trostlos verbündeter Erwartung.
Das Wesen des Menschen bei Tschechow war es, sein Geheimnis zu hüten – als den Kern seiner Existenz. Wurde das Geheimnis verraten, so ging der Mensch zugrunde. Das Wesen des modernen Menschen ist es, sein Geheimnis zu teilen, zu lüften, aufzulösen – als die Fessel seiner Existenz. Wir haben das Geheimnis in Kommission gegeben. Es ist nicht mehr unseres, es ist anderswo. Wer Tschechow liest, erfährt, dass das auch ein Verlust sein könnte: das Ende einer persönlichen Freiheit.
- Datum 29.01.2010 - 13:49 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.01.2010 Nr. 05
- Kommentare 8
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"Alles Wahrhaftige, Notwendige und Interessante, so Tschechow, ereigne sich im heimlichen Teil des Lebens". Diese Aussage kann ich in dieser Form nicht akzeptieren.
Ansonsten eine sehr interessante und gelungene "Randbemerkung".
möchten Sie Ihre Aussage stützen und Tschechow widerlegen? Grenzt es nicht schon an Anmaßung kümmerlichen Ausmaßes, Tschechow mit einem plumpen "Diese Aussage kann ich in dieser Form nicht akzeptieren" zu kommentieren? Solche Gedankengänge sollten ausformoliert oder im "eigenen Nest" belassen werden.
"Tschechow widerlegen...?", dieses Sakrileg zu begehen war natürlich nicht meine Absicht (wozu die Aufregung?).
Ich bezweifle allerdings, dass er selbst den von mir kritisierten Satz so unterschrieben hätte. Dann wäre nämlich der "äußere" Teil unseres Lebens zwangsläufig un-wahr, un-notwendig und un-interessant, woran ich nicht glaube. Ich hoffe nämlich immer noch , dass ein Teil der im Innenraum des Nests gelebten Wahrheit gelegentlich nach außen dringt und unser tägliches Leben nicht nur verlogen und belanglos ist.
Deshalb werde ich mir auch weiterhin erlauben, meine kümmerlichen,plumpen und anmaßenden Infragesstellungen "aus dem Nest zu lassen". Mfg Colomba
"Tschechow widerlegen...?", dieses Sakrileg zu begehen war natürlich nicht meine Absicht (wozu die Aufregung?).
Ich bezweifle allerdings, dass er selbst den von mir kritisierten Satz so unterschrieben hätte. Dann wäre nämlich der "äußere" Teil unseres Lebens zwangsläufig un-wahr, un-notwendig und un-interessant, woran ich nicht glaube. Ich hoffe nämlich immer noch , dass ein Teil der im Innenraum des Nests gelebten Wahrheit gelegentlich nach außen dringt und unser tägliches Leben nicht nur verlogen und belanglos ist.
Deshalb werde ich mir auch weiterhin erlauben, meine kümmerlichen,plumpen und anmaßenden Infragesstellungen "aus dem Nest zu lassen". Mfg Colomba
das ist unerhört.
Zum Motiv des gehüteten 'Geheimnisses des eigenen Nestes' fand ich eine Illustration, die der polnische Maler und Zeichner Wieslaw Walkuski anlässlich einer Aufführung von Tschechows 'Die Möwe' als Theaterplakat kreierte ...
m.E. eine treffende bildliche Nachempfindung des verborgenen 'anderen' Seins, einschl. Befreiungssehnsucht - ein Vogel startet zu unbekannten Horizonten.
http://www.walkuski.link2...
"Tschechow widerlegen...?", dieses Sakrileg zu begehen war natürlich nicht meine Absicht (wozu die Aufregung?).
Ich bezweifle allerdings, dass er selbst den von mir kritisierten Satz so unterschrieben hätte. Dann wäre nämlich der "äußere" Teil unseres Lebens zwangsläufig un-wahr, un-notwendig und un-interessant, woran ich nicht glaube. Ich hoffe nämlich immer noch , dass ein Teil der im Innenraum des Nests gelebten Wahrheit gelegentlich nach außen dringt und unser tägliches Leben nicht nur verlogen und belanglos ist.
Deshalb werde ich mir auch weiterhin erlauben, meine kümmerlichen,plumpen und anmaßenden Infragesstellungen "aus dem Nest zu lassen". Mfg Colomba
Im zweiten Teil des Kapitels „Späte Gedanken“ spricht C. G. Jung in seinem Buch Erinnerungen Träume Gedanken von der Notwendigkeit eines persönlichen Geheimnisses so z. B. für die Bewusstwerdung sowie ethische Entscheidungen, die nicht vom gesellschaftlich gängigen Moralkodex abgedeckt bzw. abgesichert sind.
Interessanter Artikel. Wie viele Jahre nun vergangen sind an welchen Tschechows Erzählungen noch aktuell waren und wie sich dessen Geschichten so vollkommen im Sinn verändert und unserer Zeit angepasst haben. Verrückt.
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