Stadtporträt Budapest Stadt der Geschichte
Budapest wirkt wie eine Kopie Wiens und spiegelt Unfreiheit, Hoffnung und Enttäuschungen seiner Menschen wider.
Wer das erste Mal nach Budapest kommt, wird mit Überraschung feststellen, dass hier offenbar eine Kopie Wiens vorliegt – die weiten Boulevards und die engen Gassen, die tiefen Schatten und die Massigkeit der Gebäude, die Kaffeehäuser mit ihren traurigen Kellnern und die Kellerlokale mit ihren kakanischen Speisekarten, die in Häuserfronten verschwindenden Kirchen und, natürlich, der unvermeidliche Jugendstil.
Die Zusammenführung Ungarns und Österreichs in der Doppelmonarchie hat sich bis ins Detail des Lebens und des Stadtbilds niedergeschlagen. Und wer noch genauer hinschaut, wird auch feststellen, dass fast alles, den Jugendstil ausgenommen, tatsächlich hundert bis zweihundert Jahre später als das Wiener Original entstanden ist. Hier hat eine rabiate kulturelle Überformung stattgefunden, ein einzigartiges historisches Lehrstück.
Es ist auch sonst viel kopiert und importiert worden in Budapest, beispielsweise das neugotische Parlamentsgebäude, das den Londoner Houses of Parliament nachgebildet wurde, und zwar in der abermals einzigartigen Hoffnung, dass mit der architektonischen auch die politische Aneignung des englischen Vorbilds gelänge: der Demokratie nämlich, die dann doch nicht kam.
Ein Rundgang durch Budapest ist ein Rundgang durch die Unfreiheit, die wilden Hoffnungen und die bitteren Enttäuschungen Mitteleuropas – und ein Lehrstück, wie eng alles zusammenhängt, man schaue nur, wie auch Budapest, nicht anders als Prag, eine »Burg« hat, von der alles beherrscht wurde. Wer einen ungarischen Freund hat, kann sich auch aus den Zeitungen übersetzen lassen, wie der Nationalismus und der Antisemitismus wieder im Umlauf sind und der wühlende Schmerz über die weiten Gebiete, die Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg geraubt wurden. In Budapest drängt alles Historische ans Licht, selbst das im Sozialismus vorübergehend Unsichtbare, im Guten wie leider auch im sehr Bösen.
- Datum 31.01.2010 - 16:07 Uhr
- Serie Stadtporträt
- Quelle DIE ZEIT, 28.01.2010 Nr. 05
- Kommentare 18
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Manches in diesem Artikel mag richtig erscheinen, das gerade in Budapest vieles den Bauten in Wien ähnelt.
Aber trotzdem versprüht diese Stadt ihren eigenen Charme.
Leider sind durch den historischen Umbruch in den Jahren 89/90 viele Dinge auf der Strecke geblieben.
Das Land wurde zuzusagen verkauft. Erst wurden viele ungarische Betriebe an westliche Firmen verkauft und danach auf Raten zerstört bzw. die Produktion stillgelegt.
Ich darf da nur an die Schwermaschienenbau der Firma "GANZ" erinnern, dessen Schienenverkehrsprodukte weltweit einen guten Ruf genossen.
Fazit: Das Land stand vor dem Bankrott und die Situation der Industrie gestaltet sich ebenfalls schwierig, dies wirkt sich unter anderem auch bei der Erhaltung wichtiger monumentaler Bauwerke aus, weil einfach das Geld fehlt.
bin ich seit 1988 immer wieder gerne da. Das einzige, was ich bedaure, ist, in meinem Alter nicht mehr die Sprache lernen zu können.
Hi,
was bin ich froh, das es noch eine Menge Leute gibt, die genau so empfinden wie ich.Ich dachte beim Lesen des Artikels mir geht das Messer in der Tasche auf.Ich lebe nun schon seit 38 Jahren in Ungarn, verfolge auch interessiert die (u.a. deutschen) Berichte über Ungarn im internet, aber soviel Schwachsinn hab ich schon lange nicht gelesen.
Der unbedarfte Leser ist nun sicherlich der Meinung es gibt weiter nix wie Nationalismus und Antisemitismus in Ungarn.
Ich finde es schon ganz schön übel, alle Ungarn in einen Topf zu werfen.
Schade um die Zeit!
bin ich seit 1988 immer wieder gerne da. Das einzige, was ich bedaure, ist, in meinem Alter nicht mehr die Sprache lernen zu können.
Hi,
was bin ich froh, das es noch eine Menge Leute gibt, die genau so empfinden wie ich.Ich dachte beim Lesen des Artikels mir geht das Messer in der Tasche auf.Ich lebe nun schon seit 38 Jahren in Ungarn, verfolge auch interessiert die (u.a. deutschen) Berichte über Ungarn im internet, aber soviel Schwachsinn hab ich schon lange nicht gelesen.
Der unbedarfte Leser ist nun sicherlich der Meinung es gibt weiter nix wie Nationalismus und Antisemitismus in Ungarn.
Ich finde es schon ganz schön übel, alle Ungarn in einen Topf zu werfen.
Schade um die Zeit!
bin ich seit 1988 immer wieder gerne da. Das einzige, was ich bedaure, ist, in meinem Alter nicht mehr die Sprache lernen zu können.
Sorry, das Budapest eine Kopie Wiens sei, kann ich kaum nachvollziehen. Budapest hat beiderseits der Donau zwei nahezu gleichberechtigte Stadthälften, Wien nicht mal einen Fluss (die Donau fließt eher BEI Wien vorbei). Die Buda'er Burg erinnert eher an den Prager Hradschin als an die Wiener Hofburg. Zur Ringstraße gibt es kein Pendant in Budapest, insbesondere nicht im Erszebet/Ferenc/usw. körut. Aber selbst die Barock- und Gründerzeitbauten beider Städte haben untereinander kaum mehr Ähnlichkeit als mit den vergleichbaren Gebäuden anderer europäischer Metropolen.
[...]
Moderiert. Beleidigende Kritik ist inakzeptabel. Bei weiteren Kritikpunkten schreiben Sie an: community@zeit.de
Herr Jessen, nach Budapest fahren mussten Sie für dieses ärgerliche Reportagen-Fragment sicherlich nicht. Für diese halbe Din-A-4-Seite voller negativer Plattitüden und einseitigem westeuropäischen Schubladendenken! Dass Sie ohne Vorkenntnisse an Budapest herangehen, muss gar kein Nachteil sein, aber dann sollten Sie an die Stadt, ihre vielschichtige Vergangenheit und die heutigen Probleme auch mit einer unvoreingenommenen Offenheit herantreten, die Ihnen auch den besonderen Charme, die Eigenheiten und Sorgen Ungarns persönlich näherbringen könnte.
Wer einen wirklich guten ungarischen Freund hat, lässt sich nicht nur aus ungarischen Zeitungen vorlesen, was man auch in deutschsprachigen Medien längst lesen kann, sondern lässt sich mit dessen Hilfe in solche Winkel Ungarns und dessen Gesellschaft führen, in denen eine eigenständige, wertvolle Recherche erst ihren Lauf nehmen könnte.
Ich lebe seit sechs Jahren in Budapest, einer der schönsten und atmosphärisch reichsten Städte Europas. Immer wieder lese ich gerne, was deutsche Publikationen über Budapest anmerken zu müssen meinen. Aber so etwas wie dieses sogenannte "Porträt" ist mir lange nicht untergekommen. Das ist der ZEIT wahrhaftig unwürdig. Der Vergleich mit Wien hinkt, der Artikel zeugt nicht nur von fehlendem Wissen, ofensichtlich ist er auch von Ignoranz geprägt gegenüber der Lebendigkeit dieser Metropole. Da muss man wohl schon etwas genauer hinschauen, Herr Jessen!
Dieser Artikel ist dermaßen plump.
Selbst in einer Schülerzeitung findet man niveauvollere Artikel..
Also wirklich beim besten Willen, wie kann man Wien mit Budapest vergleichen! Nur ein grantiger Wiener kann das! Sicher gibt es in Wien das ein oder ander architektonische Highlight, aber als Gesamtanlage kann das so verschmäht am Kanal gelegene Wien mit dem majestischem Budapest nicht mithalten.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren