In sämtlichen U-Bahnen sitzen Lesende mit dicken Büchern, in Buchhandlungen blicken einem die steinernen Gesichter von den Umschlägen entgegen, in Kneipen fachsimpeln Fans, welcher der drei spannenden Bände Verblendung, Verdammnis und Vergebung der allerspannendste sei. Doch was genau macht einen Krimi "spannend", und worin liegt wohl der spezielle Charme des Autors Stieg Larsson, der sich mit dieser Trilogie von gewaltgesättigten und gesellschaftskritischen Kriminalromanen an die Spitze der auf diesem Gebiet ohnehin führenden skandinavischen Autoren gesetzt hat? Selbst hat der schwedische Journalist den Erfolg nicht mehr miterlebt; 1954 geboren, ist er bereits 2004 an einem Herzinfarkt gestorben. Auf zehn Bände war die Serie ursprünglich angelegt, drei davon sind, sämtlich postum, erschienen. Ein vierter soll noch im Computer des Verstorbenen ruhen, doch sein weiteres Schicksal ist ungewiss, weil Larssons langjährige, mit ihm aber nicht verheiratete Lebenspartnerin seinen Laptop besitzt, während Larssons Vater und Bruder laut Gesetz Inhaber der Rechte (und auch Erben des Millionenvermögens) sind.

Wie der Blick des gegen Rechtsradikalismus engagierten Journalisten ist auch der von Krimiautor Larsson politisch. Seine Helden sind eigenwillig und stark, und das bis an die Grenze zur Überlebensgröße: er, Mikael Blomkvist, ein integrer und mutiger Enthüllungsjournalist im besten Alter, der die Rolle des Amateurdetektivs wider Willen übernimmt. Sie, eine junge Frau namens Lisbeth Salander, 1,50 groß, 40 Kilo, mit vielen Piercings, leicht auffälligem Sozialverhalten und einer genialen Begabung als Computerhackerin. Gemeinsam überführen die beiden betrügerische Wirtschaftsbosse, einen Ring von Mädchenhändlern und eine Familie, in der Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind, kämpfen mit dem Organisierten Verbrechen, hauen, schießen und stechen, müssen sich ihrer Haut wiederholt im blutigen Nahkampf erwehren, erpressen und entlarven korrupte Geheimdienstler und Polizisten. Es gibt praktisch nichts an Unehrlichkeit und Sadismus, was es nicht gibt bei Stieg Larsson, und dieser erzählt davon nüchtern, ausführlich, fast pedantisch auf insgesamt zweieinhalbtausend Seiten.

Egal, welches Verbrechen jeweils im Mittelpunkt steht, alle drei Romane von Stieg Larsson haben einen gemeinsamen Kern von Themen: Sexualität, auch sexuelle Gewalt, und Geschlechtlichkeit. Auf der lichten Seite steht bei Larsson die Vision einer freien Sexualität, wie er sie seinen Protagonisten gern angedeihen lässt. Die Zauberformel heißt hier "unkomplizierter Sex", und Blomkvist und Salander haben ihn oft, manchmal miteinander, meist aber mit wechselnden Partnern. Salander hat in den letzten zehn Jahren 50 verschiedene Sexualpartner beiderlei Geschlechts gehabt; Blomkvists Dauergeliebte ist mit einem Mann verheiratet, der seinerseits bisexuell ist. Eifersucht kennt dieses Dreiergespann selbstredend nicht. Das klingt alles ein wenig nach spätpubertärer Angeberei, oder nach längst entzauberten Ideologien.

Dann wieder zeigt die Sexualität bei Larsson ihre dunkle Seite, die weder voyeuristisch inszeniert noch je beschönigt wird. Pornografie und Kinderpornografie, Prostitution und Mädchenhandel, Folter und Vergewaltigung. Im Grunde handelt es sich hier um die ersten radikalfeministischen Kriminalromane aus männlicher Feder. Wobei allerdings auch dieser Feminismus, wie schon der Traum der freien Liebe, ein Echo aus früheren Jahrzehnten zu sein scheint; sehr grausam sind hier die Männer, und potenziell alle. Hart muss dagegen die Frau sein, und zur brutalen Gegenwehr bereit. Es ist dieser Zug, der Lisbeth Salander manchmal unsympathisch und sogar unglaubwürdig werden lässt, während man bei Blomkvist nicht ganz versteht, warum ihm offenbar keine widerstehen kann. Obwohl Sexualität das verbindende Thema der Trilogie ist, ist es gleichzeitig das, was am unverständlichsten, am papierensten bleibt.

In der Verfilmung, deren zweiter Teil (Verdammnis) gerade in die Kinos kommt, verhält es sich mit der Überzeugungskraft der Figuren und auch ihrer Geschlechtlichkeit etwas anders. Und nicht immer besser. Die Salander der Bücher ist selbstbewusst, wehrhaft; die Salander im Film hingegen, gespielt von Noomi Rapace, staunt mit halb geöffneten Lippen, reißt die dunkelbraunen Augen auf, flattert mit den Lidern. Doch an anderer Stelle hat der Film seine Stärken und ergänzt die Bücher trotz der gestrafften Handlung um etwas, wovon Larsson ihnen immer zu wenig mitgegeben hat: Gefühle. Alltag. Menschlichkeit. Wenn ein junger Reporter erschossen wird, weint dessen Kollegin. Zwischendurch nervt eine Kaffeemaschine, ein Verdächtiger hat eine irritierende Schwäche für Blumen. Jemand glotzt einer Joggerin hinterher. Als Blomkvist (Michael Nyqvist) das Video einer Vergewaltigung ansehen muss, wird ihm elend. Nachdem er zwei Leichen gefunden hat, umarmen er und seine Schwester sich. Erst der Film lässt einen ahnen, warum sich Frauen für ihn erwärmen, denn erst der Film macht aus dem Alleskönner und -richtigmacher Blomkvist einen Menschen aus Fleisch und Blut.

Womit allerdings immer noch nicht geklärt ist, was genau Larssons Bücher so "spannend" macht und begehrter als ihre zahlreichen Konkurrenten. Die basale Theorie des Kriminalromans lautete jedenfalls schon immer, dass dieser das Bedürfnis des Lesers nach moralischer Ordnung und Stabilität gerade in turbulenten Zeiten befriedige. Falls dies stimmt, bestünde die Spannung in der Kluft zwischen Chaos und Ordnung und dem geschickten Arrangieren des Übergangs von einem zum anderen. Millionen von Larsson-Fans läsen dessen Bücher vielleicht, gerade weil Salanders und Blomkvists Kampf gegen das allgegenwärtige Böse über weite Strecken so aussichtslos scheint. Und weil am Ende trotzdem jenes etwas pubertäre, aber eben auch unzensierte politische Träumen belohnt wird, das aus der 1,50 Meter kleinen Frau eine Selbstverteidigungsmaschine, aus einem Durchschnittsmann einen Kämpfer, Retter und Geliebten und aus dem Journalismus eine unbefleckte Waffe im Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit werden lässt.