Stimmt's? Naturkatastrophe

"Können Tiere Erdbeben vorhersagen?", fragt Volker Umpfenbach aus München

1975 sollen Tiere ein Erdbeben in China vorhergesagt haben: Schilderungen zufolge verfielen Hühner in heillose Panik, Hunde bellten Tag und Nacht, und Ratten verließen am helllichten Tag ihre Schlupfwinkel

1975 sollen Tiere ein Erdbeben in China vorhergesagt haben: Schilderungen zufolge verfielen Hühner in heillose Panik, Hunde bellten Tag und Nacht, und Ratten verließen am helllichten Tag ihre Schlupfwinkel

Hier lautet das wichtigste Stichwort: selektive Wahrnehmung. Nach einem katastrophalen Ereignis finden sich immer Zeitgenossen, die vorher etwas bemerkt haben wollen. Und so gibt es seit der Antike Berichte von Tieren, die sich vor Erdbeben auffällig verhalten haben.

Kaum jemand fragt: Wie viele Tiere waren hingegen unauffällig? Und wie oft haben Tiere verrücktgespielt, ohne dass nachher etwas Schlimmes geschehen ist?

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Bekannt ist der Fall der chinesischen Stadt Haicheng, die 1975 aufgrund von »Tierwarnungen« evakuiert wurde. Tatsächlich traf ein paar Tage später ein verheerendes Beben die Millionenstadt. Allerdings stellte sich heraus, dass dieser Erschütterung eine Reihe von Vorbeben vorausgegangen waren – vielleicht hatten Tiere diese ja gespürt.

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Nur sind Vorbeben äußerst selten. In den meisten Fällen können Tiere mit ihren feinen Sinnen allenfalls Sekunden vor der großen Erschütterung sogenannte P-Wellen spüren, die sich schneller als die tödlichen SWellen ausbreiten. (Beim Tsunami 2004 war die Vorwarnzeit wesentlich länger, weil die Wasserwellen Minuten nach der seismischen Erschütterung eintrafen.)

Der britische Forscher Rupert Sheldrake, bekannt durch Bücher über allerlei übersinnliche Fähigkeiten von Haustieren, hat einen guten Vorschlag gemacht: Im Internet solle man Berichte über auffälliges Tierverhalten zentral sammeln. Dann kann man nach einer Naturkatastrophe überprüfen, ob in der betroffenen Region bereits vorher häufiger Auffälligkeiten beobachtet worden sind. So ließen sich Geschichten über warnende Tiere zumindest statistisch bewerten. Nachträglich gemeldete Prognosen belegen hingegen gar nichts. 

Die Adressen für »Stimmt’s?«-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg, oder stimmts@zeit.de

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • PGMN
    • 01.02.2010 um 17:23 Uhr

    Nur zum letzten Absatz wäre eine Anmerkung zu machen:

    Sheldrakes Vorschlag ist nicht gut, denn alles, was mit einer solchen Anekdotensammlung wissenschaftlich erreicht werden könnte, wäre eine Menge Anekdoten zu sammeln. Es gibt einen guten Grund, warum Anekdoten nicht als wissenschaftliche Nachweise zugelassen werden, und die selektive Wahrnehmung, wie im Artikel erläutert, ist eine davon.
    Notwendig wäre eine Reihe kontrollierter Versuche. Beispielsweise könnte man Tiere in durchgehend Videoüberwachten Gehegen in erdbebengefährdeten Regionen halten und deren Verhalten vor einem Beben mittels der Aufnahmen, sobald es stattfand, auswerten. Dies verglichen mit einer Kontrollgruppe und möglicherweise einer, die künstlichen Erschütterungen ausgesetzt wird, sollte aussagekräftige Ergebnisse liefern.

    (Vielleicht wurde dies auch schon getan, was ich nicht weiß, ich bin kein Biologe.)

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    Ich bin nun wahrlich kein Freund von Sheldrake, aber dieser Vorschlag ergibt einen Sinn. Nämlich dann, wenn man nicht auf die einzelnen Anekdoten schaut, sondern auf ihre statistische Häufung. Man könnte dann rückwirkend schauen, ob es vor einer Naturkatastrophe eine Häufung solcher Berichte gegeben hat. Zugegeben, das funktioniert nur, wenn die Datenbasis ziemlich groß ist.

    Ich bin nun wahrlich kein Freund von Sheldrake, aber dieser Vorschlag ergibt einen Sinn. Nämlich dann, wenn man nicht auf die einzelnen Anekdoten schaut, sondern auf ihre statistische Häufung. Man könnte dann rückwirkend schauen, ob es vor einer Naturkatastrophe eine Häufung solcher Berichte gegeben hat. Zugegeben, das funktioniert nur, wenn die Datenbasis ziemlich groß ist.

  1. Ich bin mit ihnen einig, wie Anekdoten wissenschaftlich zu bewerten sind. Sheldrake's Vorschlag würde aber das Interesse und die Mitwirkung in der Öffentlichkeit fördern. Eine breite Diskussion der gesammelten Ergebnisse wäre die zwangsläufige Folge. Eine Chance für die Wissenschaft, Notwendigkeit und Nutzen eines methodischem Vorgehens zu erläutern.

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    • PGMN
    • 01.02.2010 um 21:49 Uhr

    Ich bin ja bei der Behauptung "übersinnlicher" Fähigkeiten immer eher skeptisch. Ich hielte so etwas daher für problematisch, da, so eine Einschätzung dieser Anekdotensammlung möglicherweise Öl auf den Feuern einer ganzen Menge antiwissenschaftlicher Scharlatane in allen Bereichen der Scharlatanerie, vom Wünschelrutengänger über den Homöopathen bis zum "Elektrosensitiven", wäre. Wenn das "Übersinnliche" im Spiel ist, sollte man es entweder richtig machen, oder überhaupt nicht. Aber vielleicht ist das nur Paranoia auf meiner Seite

    Beste Grüße

    PGMN

    • PGMN
    • 01.02.2010 um 21:49 Uhr

    Ich bin ja bei der Behauptung "übersinnlicher" Fähigkeiten immer eher skeptisch. Ich hielte so etwas daher für problematisch, da, so eine Einschätzung dieser Anekdotensammlung möglicherweise Öl auf den Feuern einer ganzen Menge antiwissenschaftlicher Scharlatane in allen Bereichen der Scharlatanerie, vom Wünschelrutengänger über den Homöopathen bis zum "Elektrosensitiven", wäre. Wenn das "Übersinnliche" im Spiel ist, sollte man es entweder richtig machen, oder überhaupt nicht. Aber vielleicht ist das nur Paranoia auf meiner Seite

    Beste Grüße

    PGMN

    • PGMN
    • 01.02.2010 um 21:49 Uhr
    3. Naja

    Ich bin ja bei der Behauptung "übersinnlicher" Fähigkeiten immer eher skeptisch. Ich hielte so etwas daher für problematisch, da, so eine Einschätzung dieser Anekdotensammlung möglicherweise Öl auf den Feuern einer ganzen Menge antiwissenschaftlicher Scharlatane in allen Bereichen der Scharlatanerie, vom Wünschelrutengänger über den Homöopathen bis zum "Elektrosensitiven", wäre. Wenn das "Übersinnliche" im Spiel ist, sollte man es entweder richtig machen, oder überhaupt nicht. Aber vielleicht ist das nur Paranoia auf meiner Seite

    Beste Grüße

    PGMN

    Antwort auf "Anekdoten"
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    Von der wissenschaftlichen Seite betrachtet, gibt es für viele "kolportierte" Beobachtungen keine wissenschaftliche Erklärung. Dass in diesem Fall die Erklärung in anderen Sphären gesucht wird, lässt sich kaum vermeiden, insbesondere, wenn die Naturwissenschaft einen universellen Anspruch erhebt, liegt auf der Hand. Man muss also Naturwissenschaftler, wenn man nicht meint, dass schon alles gelöst ist, offen für ungeklärte Fragen sein und bleiben.
    Aus der anderen Seite möchte ich aber auch auf manche Unzulänglichkeiten unserer Messungen im Vergleich zur Natur hinweisen. Ich denke daran, dass die belebte Natur Sensoren entwickelt hat, die die Sensitivität unserer Messgeräte deutlich übersteigen. Man denke nur an Hormone, die in unglaublicher Verdünnung wirken, an den Geruchssinn, oder auch an Insekten, die in der Sandwüste mit ihren Beinen Schwingungen (im Nanobereich) wahrnehmen und lokalisieren können, die von ihren Beuteinsekten im Sand verursacht werden. Es kann also auch daran liegen, dass Wissenschaftler derart minimale Effekte nicht messen können, ja vielleicht ignorieren und dadurch auch manche Beobachtungen nicht für möglich halten.
    Vielleicht sensibilisieren da auch Beobachtungssammlungen von Amateuren.

    Einen schönen Abend

    Von der wissenschaftlichen Seite betrachtet, gibt es für viele "kolportierte" Beobachtungen keine wissenschaftliche Erklärung. Dass in diesem Fall die Erklärung in anderen Sphären gesucht wird, lässt sich kaum vermeiden, insbesondere, wenn die Naturwissenschaft einen universellen Anspruch erhebt, liegt auf der Hand. Man muss also Naturwissenschaftler, wenn man nicht meint, dass schon alles gelöst ist, offen für ungeklärte Fragen sein und bleiben.
    Aus der anderen Seite möchte ich aber auch auf manche Unzulänglichkeiten unserer Messungen im Vergleich zur Natur hinweisen. Ich denke daran, dass die belebte Natur Sensoren entwickelt hat, die die Sensitivität unserer Messgeräte deutlich übersteigen. Man denke nur an Hormone, die in unglaublicher Verdünnung wirken, an den Geruchssinn, oder auch an Insekten, die in der Sandwüste mit ihren Beinen Schwingungen (im Nanobereich) wahrnehmen und lokalisieren können, die von ihren Beuteinsekten im Sand verursacht werden. Es kann also auch daran liegen, dass Wissenschaftler derart minimale Effekte nicht messen können, ja vielleicht ignorieren und dadurch auch manche Beobachtungen nicht für möglich halten.
    Vielleicht sensibilisieren da auch Beobachtungssammlungen von Amateuren.

    Einen schönen Abend

  2. Von der wissenschaftlichen Seite betrachtet, gibt es für viele "kolportierte" Beobachtungen keine wissenschaftliche Erklärung. Dass in diesem Fall die Erklärung in anderen Sphären gesucht wird, lässt sich kaum vermeiden, insbesondere, wenn die Naturwissenschaft einen universellen Anspruch erhebt, liegt auf der Hand. Man muss also Naturwissenschaftler, wenn man nicht meint, dass schon alles gelöst ist, offen für ungeklärte Fragen sein und bleiben.
    Aus der anderen Seite möchte ich aber auch auf manche Unzulänglichkeiten unserer Messungen im Vergleich zur Natur hinweisen. Ich denke daran, dass die belebte Natur Sensoren entwickelt hat, die die Sensitivität unserer Messgeräte deutlich übersteigen. Man denke nur an Hormone, die in unglaublicher Verdünnung wirken, an den Geruchssinn, oder auch an Insekten, die in der Sandwüste mit ihren Beinen Schwingungen (im Nanobereich) wahrnehmen und lokalisieren können, die von ihren Beuteinsekten im Sand verursacht werden. Es kann also auch daran liegen, dass Wissenschaftler derart minimale Effekte nicht messen können, ja vielleicht ignorieren und dadurch auch manche Beobachtungen nicht für möglich halten.
    Vielleicht sensibilisieren da auch Beobachtungssammlungen von Amateuren.

    Einen schönen Abend

    Antwort auf "Naja"
  3. Ich bin nun wahrlich kein Freund von Sheldrake, aber dieser Vorschlag ergibt einen Sinn. Nämlich dann, wenn man nicht auf die einzelnen Anekdoten schaut, sondern auf ihre statistische Häufung. Man könnte dann rückwirkend schauen, ob es vor einer Naturkatastrophe eine Häufung solcher Berichte gegeben hat. Zugegeben, das funktioniert nur, wenn die Datenbasis ziemlich groß ist.

    Antwort auf "Sehr guter Artikel"
  4. Um genau zu sein, sind es nicht die S-Wellen, die tödlich und zerstörerisch sind, sondern die Oberflächenwellen. Diese unterscheiden sich noch in Love- und Rayleighwellen und richten, da sie wirklich auf der Oberfläche laufen, verheerende Schäden an. Die S-Wellen sind, genau wie die P-Wellen, "Bodywaves", Körperwellen also, die durch das innere der Erde gehen.

    Grüße vom geophysikalischen Institut Münster,
    Einer von Vielen.

    • pekka
    • 15.03.2010 um 12:44 Uhr

    Tsunami 2004: Die Tiere kriegen vorher was mit und sagen sich: da kommt was, müssen schnell weg hier.
    Die Krone der Schöpfung dagegen: Guck mal, da kommt ne Welle, müssen wir schnell hin und Fotos machen.

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