Eröffnung des Suhrkamp Verlags Auf blauem Teppich

Gefühltes Allerlei von der Suhrkamp-Einzugsparty in Berlin

Prima Kumpel: Klaus Wowereit und Ulla Unseld-Berkéwicz

Prima Kumpel: Klaus Wowereit und Ulla Unseld-Berkéwicz

Wenn man in einer Beziehung ganz am Anfang steht und den anderen oder die andere noch nicht wirklich kennt, dann sagt man sich gerne: Es fühlt sich richtig an. Am Dienstag hat der Suhrkamp Verlag seine Pforten in Berlin-Prenzlauer Berg feierlich eröffnet. Und vom ersten Moment an hatte man diesen Eindruck: Es fühlt sich richtig an.

Eine Befürchtung lässt sich sogleich zerstreuen: Es war ja die Sorge geäußert worden, der Suhrkamp Verlag könnte im kulturell überreichen Berlin als ein Player unter vielen untergehen. Davon kann nicht die Rede sein. Der gesellschaftliche Auftrieb an diesem stechend klaren Dienstagmittag (nur Suhrkamp kann es wagen, einigermaßen asketisch mittags einzuladen und trotzdem volles Haus zu haben!) war gewaltig. Ein langer blauer Teppich führte von der Pappelallee durch die Toreinfahrt in den Hinterhof, wo für die Begrüßungsreden ein Zelt aufgeschlagen war. Und wenn dieser Teppich auch nicht rot war, so zwängten sich doch zu seinen Seiten Scharen von Fotografen, als handle es sich hier um eine vorgezogene Berlinale-Party. Tatsächlich wollte kaum ein Suhrkamp-Autor darauf verzichten, seinen Verlag am neuen Standort zu begrüßen. Aber auch die Politik gab sich die Ehre: Altbundespräsident Richard von Weizsäcker kam und Staatsminister Bernd Neumann, Wolfgang Thierse und Bernhard Vogel, Gregor Gysi und Heiner Geißler, Christina Weiss und natürlich Klaus Wowereit.

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Eines der Herzstücke der Suhrkamp-Folklore ist die Begrüßungsarie: Bei allen Feierlichkeiten werden immer sämtliche anwesenden Autoren von der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz namentlich begrüßt. Schon klar, auch andere Verlage pflegen ihre Autoren zu begrüßen, aber da ist die Liste eben nie so lang und glänzend, dass es für eine echte Arie reicht. Wobei Arie das falsche Wort ist, wenn man dabei an verspielte Koloraturen denkt: Die Suhrkamp-Arie ist von schlichter Pompösität. Mit jedem Namen bedeutet sie: Die Autoren sind die Monumente, denen unsere Ehrfurcht gilt.

Die Verlegerin ist gelöst wie selten. Sie trägt ein schwarzes Kostüm und einen schwarzen Hut, aber es wirkt nicht streng, eher verspielt-draufgängerisch. Über diesen Umzug habe man mehr gestritten als über den der Bundesregierung von Bonn nach Berlin, sagt sie. Und mit einer gewissen Boshaftigkeit fügt sie hinzu, Suhrkamp werde ja als volkseigen empfunden. Doch ihre gute Laune signalisiert: »Ich habe Oberwasser.«

Und tatsächlich kann man im Gewimmel Martin Walser entdecken. Hatten die beiden sich nicht fürchterlich überworfen wegen Tod eines Kritikers? Fast sieht es so aus, als sei die Familie damit wieder vollständig. (Aber Walser, der den Zwist in dem Maße sucht, wie er ihn seelisch unerträglich findet, scheint ohnehin auf Versöhnungstour: Im Februar trifft er sich gar für eine Veranstaltung mit Frank Schirrmacher…)

Während Bernd Neumann, Hermann Hesse zitierend, versichert, dass auch diesem Anfang ganz gewiss ein Zauber innewohne, beugt sich Peter Handke mit strengem Blick zu seinem Sitznachbarn Rainald Goetz hinunter, als fände er es befremdlich, dass hier ein Herr spreche, den er gar nicht kenne. Hans Magnus Enzensberger gibt die Sphinx: Mit lässiger Pilotenbrille, unter der er feinsinnig hervorlächelt.

Dann bewegt sich die Festgesellschaft durch die Verlagsräume. Alles sehr offen und hell. Dieses ehemalige Finanzamt ist ja nur ein Provisorium, bis das Repräsentativhaus im Nicolaiviertel bezugsfertig ist. Aber schon jetzt ist allen klar, dass es sich genau hier richtig anfühlt…

451. Das ist die Zimmernummer der Chefin. Die Sonne strahlt herein. In der Mitte ein gediegener Tisch (er strahlt kolonialen Charme aus, und es wird gewispert, er stamme aus dem Außenamt). An der Wand ein Bild von Siegfried Unseld und drei weitere Porträts, von der eine Clique jüngerer Kulturjournalisten beschämt einräumen muss, die Abgebildeten nicht identifizieren zu können. Da hat man es mit einem anderen Deko-Element (vielleicht das einzige zu Ostentative in dieser geschmackvollen Suhrkamp-Understatement-Kultur) schon einfacher: Auf einem Stehpult liegt ein braunes Briefcouvert. Als Absender steht handschriftlich: Anselm Kiefer. Adressat: Ulla Berkéwicz. Daneben aufgeschlagen ein großer Papierbogen: »Liebe Ulla, alles Gute für den Umzug, ich kann nicht nach Berlin kommen. Leider. Dein Anselm«. Dazu einige gezeichnete Schnörkel und Formen, für die Literaturkritiker zum Glück nicht zuständig sind. Dass das Couvert allerdings einen Stempel trägt mit dem Datum »22. Febr. 2010«, verleiht diesem nur scheinbaren Ready-made eine ästhetizistische Exzentrik.

 
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