Ich habe einen Traum "Eines Tages wache ich auf und habe kein Alter"
Die französische Schriftstellerin und Feministin Benoîte Groult, die am 31. Januar ihren 90. Geburtstag feiert, wurde bekannt mit ihrem Liebesroman "Salz auf unserer Haut". Voriges Jahr erschien ihre Autobiografie "Meine Befreiung".
Es kommt vor, dass ich mitten am Tag auf meinem Sofa sitze und träume. Eines Morgens wache ich auf und habe kein Alter. Ich bin weder 89 noch 60, noch 40 oder 25. Weder jung noch alt. Ich vergesse meine Klapprigkeiten, spüre meinen Körper gar nicht. Ich erinnere mich an die Lieben meines Lebens – und kann sie noch einmal durchleben.
Ich öffne das Fenster meines Hauses in der Bretagne, draußen ist es herrlich still. Unten am Ufer wartet mein Boot auf mich. Paul, mein Ehemann, ist bei mir. Wir schlendern ans Meer, starten den Motor und schaukeln sanft auf dem Wasser. Paul steuert, er kennt alle gefährlichen Felsen. Er ist der Kapitän, und ich bin seine Matrosin. Sobald ich einen Ort entdecke, an dem wir ankern können, brauche ich ihn nur schweigend anzuschauen: Er fährt sofort langsamer. Wir sind Gefährten. Ich werfe die Köder und die 40 Meter langen Netze aus. Sie bleiben über Nacht im Wasser. Früh am nächsten Morgen ziehe ich sie heraus. Sie sind schwer, aber das schaffe ich. Ich bin ja alterslos. Unsere Beute überrascht uns jedes Mal. Seebarben, Schollen oder Steinbutte, es ist wie eine Lotterie. Anschließend säubere ich das Netz und entgräte den Fisch. Paul kocht seine Crevettensuppe. Wir servieren sie der Familie, Freunden oder Nachbarn zum Mittag.
Abends rufe ich Kurt an. Meinen amerikanischen Piloten. In meinem Roman Salz auf unserer Haut ist er der bretonische Fischer. Kurt war stolz, darin die Hauptrolle zu spielen.
Ich sage ihm, dass ich ihn besuchen werde. Er erwartet mich am Flughafen in New York. Wie immer sieht er umwerfend aus: muskulös, braun gebrannt, so amerikanisch wie Gregory Peck. Er führt mich noch einmal aus. Wie damals ins Hotel Crillon in Paris. Wir trinken Whisky, rauchen Zigarren. Dalida singt, und er fordert mich zum Tanz auf. Mit Kurt bin ich immer 18 Jahre alt. Wir bleiben drei Tage lang im Hotelzimmer, er liebt mich wie ein Gott, ich bin seine Königin von Saba. Hinterher möchte er unbedingt Disneyland besichtigen. Wie ein kleiner Junge begeistert er sich für all diese Mickys und Minnies. Mich langweilen sie zu Tode. Nach spätestens zehn Tagen sehne ich mich nach Paris zurück. Nach meiner Kultur, meiner Sprache. Und nach Paul. Er weiß von Kurt. Er schweigt. Wir täuschen uns nicht gegenseitig. Unser Pakt erlaubt uns solche diskreten Leidenschaften. Das menschliche Wesen ist untreu. In meinem Traum gibt es weder Schmerz noch Eifersucht. Sonst wäre es ein großer Albtraum. Nach einer Weile öffne ich die Augen. Ich höre meine Schultern knacken und meine Knie meckern. Drei Minuten, dann weiß ich, dass ich alt bin. Meine beiden Männer sind verschwunden. Ich werde nie wieder ein Rendezvous haben.
Aufgezeichnet von Maxi Leinkauf
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- Datum 27.01.2010 - 18:43 Uhr
- Serie Ich habe einen Traum
- Quelle ZEITmagazin, 28.01.2010 Nr. 05
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Das ist genau das, was wir nach unserem Tod erleben können, wenn wir uns danach ausrichten. Viel Glück, Madame!
Kerle51:
Was meinen Sie damit? Nach dem Tod sieht man all jene, die einem im Leben wichtig waren, wieder! Das ist meine feste Ueberzeugung.
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