2006: Ein Entwurf des IPCC-Berichts besagt, dass bis zum Jahr 2035 oder früher die Gletscher im Himalaya mit großer Wahrscheinlichkeit verschwunden sein sollen © Prakash Mathema/AFP/Getty Images

1996 veröffentlicht der russische Hydrologe V. M. Kotliakow einen Aufsatz, in dem er eine Hochrechnung präsentiert: Bis zum Jahr 2350 könnten die weltweit 500.000 Quadratkilometer Gletscherfläche auf 100.000 Quadratkilometer zusammenschrumpfen. In Kotliakows Aufsatz taucht damit zum ersten Mal eine Jahreszahl auf, die – nach einem Zahlendreher – vermutlich zum Ursprung des »Gletscherfehlers« wird.

Am 5. Juni 1999 berichtet das populärwissenschaftliche Magazin New Scientist vorab über eine Studie des indischen Glaziologen Syed Iqbal Hasnain. Dabei zitiert das Magazin Hasnain mit der Aussage, die Eiskappen im zentralen und östlichen Himalaya könnten bis zum Jahr 2035 abschmelzen. Hasnain nennt diese Zahl heute »spekulativ«, bestreitet gar, sie dem Reporter gegenüber überhaupt genannt zu haben.

Im Juli 1999 stellt Hasnain als Vertreter der Working Group on Himalayan Glaciology (WGHG) seine Studie der International Commission for Snow and Ice (ICSI) vor. Darin ist tatsächlich vom Verschwinden der Himalayagletscher »in den nächsten Jahrzehnten« die Rede, allerdings taucht weder die Zahl 2350 noch die Zahl 2035 auf.

Im Juni 2005 veröffentlicht die Umweltschutzorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) einen 81-seitigen Bericht über die Auswirkungen der Gletscherschmelze im Himalaya. Darin wird die 2035er-Prognose zitiert. Als Quelle wird die WGHG-Studie genannt, im nächsten Absatz der New Scientist.

Ende 2006 liest der Gletscherforscher Georg Kaser im Entwurf des neuen IPCC-Berichts der Arbeitsgruppe 2: »Die Wahrscheinlichkeit, dass sie [die Gletscher im Himalaya] bis zum Jahr 2035 oder früher verschwinden (...), ist sehr hoch. Die Gesamtfläche wird wahrscheinlich von momentan 500.000 auf 100.000 Quadratkilometer bis zum Jahr 2035 schrumpfen (WWF, 2005).« Das müsse falsch sein, teilt Kaser seinen Kollegen aus der Arbeitsgruppe 2 mit.

Am 6. April 2007 stellt der Weltklimarat in Brüssel den Bericht der Arbeitsgruppe 2 (Impacts, Adaption and Vulnerability) vor. Der Gletscherfehler steht noch im Dokument.

Im November 2009 veröffentlicht der Glaziologe Vijay Kumar Raina für das indische Umweltministerium Messungen von Himalayagletschern aus dem All und vor Ort. Dabei widerspricht er vehement der 2035er-Prognose. Die Wissenschaftszeitschrift Science berichtet. Der IPCC-Vorsitzende Rachendra Pachauri bemängelt, es handele sich um keine begutachtete Veröffentlichung. Hasnain, mittlerweile Forscher am Energy and Resources Institute (TERI) in Neu-Delhi, schimpft, die Regierung zeige ein »Vogel-Strauß-Verhalten angesichts der drohenden Apokalypse«.

Am 9. Januar 2010 kritisiert Rachendra Pachauri, der auch Generaldirektor des TERI ist, die Untersuchungen des indischen Umweltministeriums als »Voodoo-Wissenschaft«.

Am 15. Januar 2010 gibt das TERI eine neue Kooperation für die Erforschung der Gletscherschmelze im Himalaya bekannt, die dem Institut eine halbe Million US-Dollar einbringt. Beteiligt sind Island, die Ohio State University und die Carnegie Corporation. Die Kooperation wird von Pachauri und Hasnain gemeinsam vorgestellt.

»Vielleicht um den 16. oder 17. Januar herum« sei ihm der Gletscherfehler bewusst geworden, sagt Pachauri wenig später einem Journalisten von BBC News.

Am 20. Januar veröffentlicht das IPCC-Sekretariat in Genf eine Stellungnahme: »Kürzlich« habe man von »dürftig untermauerten Schätzungen« in einem Absatz des 938 Seiten langen Beitrags der Arbeitsgruppe 2 erfahren. Hier seien IPCC-Standards »nicht richtig angewendet« worden.