Bericht Weltklimarat IPCC Eiskalt geirrt
Seite 2/2:

Der IPCC ist ständig versucht, selbst Politik zu machen

Später allerdings korrigierte Muir-Wood seine Aussage, 2008 schrieb er, dafür gebe es »keine ausreichenden Belege« – im Klimabericht steht es noch immer anders. Der belgische IPCC-Autor Jean-Pascal van Ypersele kündigte nun eine Überprüfung an. Wahrscheinlich wird die Korrektur dann auf der Website ipcc.ch in den digitalen Errata verzeichnet.

Es bleibt die Frage im Raum stehen: Wie viele Fehler werden noch entdeckt? Die Gletscherpanne verlangt daher nach einer gründlichen Aufarbeitung. Denn die Analyse zeigt, dass die Schwachstellen sowohl aus der Architektur als auch aus der praktischen Arbeit des Expertengremiums resultieren.

Immerhin arbeiten an den IPCC-Berichten 2000 Autoren und Gutachter, jeder von ihnen ein fehlbarer Mensch. Dennoch werden die drei Teilbände des aktuellen »vierten Sachstandsberichts« ( IPCC Fourth Assessment Report: Climate Change 2007 ) in den Medien gern als »Klima-Bibel« bezeichnet. »Man hat uns einen fast päpstlichen Status der Unfehlbarkeit zugesprochen, dann kam noch der Friedensnobelpreis, da lag die Messlatte besonders hoch«, sagt Ottmar Edenhofer vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. »Jetzt zeigt sich, dass auch der IPCC Fehler macht.« Wie könnte es auch anders sein? »Irren ist menschlich, doch das Problem liegt tiefer«, urteilt Mojib Latif vom IFM-Geomar in Kiel.* »Man muss diskutieren: Welches Material kommt in den IPCC-Bericht rein und welches nicht?«

Der IPCC ist ständig versucht, selbst Politik zu machen

Dies ist der erste Schwachpunkt: Für die IPCC-Reports werden eben nicht nur Aufsätze aus Fachzeitschriften verwendet, die der Begutachtung durch Experten (peer review) standgehalten haben; Eingang findet auch inhaltliche B-Ware. Denn viele interessante Daten liegen nur als »graue Literatur« vor – in Form von Veröffentlichungen von Ministerien oder der Weltbank, des UN-Umweltprogramms oder der Internationalen Energieagentur. Der Bericht des World Wide Fund, der den Gletscherfehler enthielt, hätte allerdings unabhängig von der Quelle für Misstrauen sorgen müssen, findet Georg Kaser: »Die Schwachstelle des Ganzen war sicher der Mangel an Interesse der Fachleute.«

Das führt zum zweiten strukturellen Problem: Die drei Arbeitsgruppen ( working groups , kurz WG) des IPCC pflegen verschiedene Arbeitsweisen. »Wie das alte Gallien«, spottete der Economist, bestehe der IPCC aus ganz unterschiedlichen Stämmen mit je eigenen Bräuchen und Ritualen. »In der Working Group 1 wäre so etwas nicht passiert«, sagt Guy Brasseur, Direktor des Hamburger Climate Service Center und IPCC-Autor. Die Arbeitsgruppen erstellen unabhängig voneinander drei Sachstandsberichte ( assessment reports ).

Die erste Gruppe beschreibt die naturwissenschaftlichen Grundlagen. Die zweite kümmert sich um die Verwundbarkeit konkreter Weltgegenden, die dritte um Möglichkeiten zur Eindämmung der globalen Erwärmung. Weil sie die möglichen Folgen des Klimawandels konkret für die einzelnen Weltregionen darstellen soll, agiert die sozialwissenschaftlich geprägte WG2 nahezu ausschließlich auf politisch umstrittenem Terrain voller regionaler Konflikte und Interessen. Da mag die Versuchung nachvollziehbar erscheinen, selbst Partei zu ergreifen.

So wird Murari Lal, der in der WG2 für das Asien-Kapitel verantwortlich zeichnet, von der Mail on Sunday mit einer verblüffenden Bemerkung zur fehlerhaften 2035er-Prognose zitiert: »Es hatte mit den Ländern der Region und ihrer Wasserversorgung zu tun. Wir dachten, wenn wir das hervorheben können, wird das Politiker zu konkreten Maßnahmen ermuntern« – unvereinbar mit dem Objektivitätsgebot der Wissenschaft. Auf Nachfrage widersprach Lal dieser Darstellung zwar. Aber auch der Glaziologe Kaser hat beobachtet, dass Kollegen aus der WG2 »wohl sehr verliebt in diese dramatische Aussage« waren. »Lal wird ganz bestimmt nicht wieder Arbeitsgruppenleiter«, urteilt Hans von Storch. »Der hat nicht verstanden, wozu der IPCC da ist.«

Die UN haben den Weltklimarat einst eingesetzt, um in diesem umstrittenen Feld die Fakten zu sichten und damit den Regierungen der 150 IPCC-Mitgliedsstaaten eine solide, rationale Basis für politische Entscheidungen zu liefern. Gerade weil damit so viele unterschiedliche politische Interessen verknüpft sind, ist das wichtigste Kapital des IPCC seine Neutralität und Glaubwürdigkeit. Die Klimaforscher werden alles tun müssen, um diese zu schützen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

*Anm. d. Red.: Der Klimaforscher Mojib Latif aus Kiel hat an den IPCC-Berichten der Jahre 2001 und 2007 mitgearbeitet. In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels stand, er sei kein IPCC-Autor. Das ist falsch, wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

 
Leser-Kommentare
  1. In der Tat ist ist das Mandat des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) dahingehend konkretisiert, dass die Arbeit policy-neutral zu halten sei (siehe http://www1.ipcc.ch/about...).
    Dass einzelne Wissenschaftler - wie auch zuvor bei den Vorkommnissen an der East Anglia University (UK) während der UNFCCC-Vertragsstaatenkonferenz in Kopenhagen - die Grenzen dieses Mandats nicht richtig einschätzen oder gar bewußt missachten, ändert nichts daran, dass die überwiegende Mehrheit des IPCC wissenschaftlich einwandfreie Arbeit geleistet hat. Dennoch ist es richtig, nach Fehlerursachen zu suchen, um derartige Fehler künftig möglichst ausschließen zu können.
    Wenn die jüngsten Ereignisse zum Anlass genommen werden, den Sinn der Klimapolitik an sich in Frage zu stellen, da ja die Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis jetzt zweifelhaft sei, dann führt das zu weit. Ob die Gletscher des Himalaya bei realistischen Emissionsannahmen für die Folgejahre wirklich bereits in 2035 abgetaut sein werden (wie im 4. Sachstandsbericht des IPCC fälschlicherweise behauptet) oder erst 2o Jahre später, ist nicht relevant für die zwingende Notwendigkeit einer wirksamen Klimapolitik auf Internationaler Ebene.
    Wir haben in Kopenhagen ein Jahr verloren. Hoffen wir, dass es in Mexiko zu einer Einigung kommt.

    • xpol
    • 27.01.2010 um 13:01 Uhr

    ... finde ich diese Fehler im Bericht.

    Es gibt Unmengen unsystematisch gesammelter sich widersprechender Daten, die in keinen nachvollziehbaren Zusammenhang zu bringen sind.

    Selbst Rajendra Pachauri spricht nicht mehr von Klimaerwärmung (Interview vdi-nachrichten, soweit ich erinnere), sondern nur noch von "Veränderung", die sich irgendwie negativ insbesondere auf Entwicklungsländer auswirke ... - wie stark und warum auch immer.

    Es gibt keinen wissenschaftlichen Hintergrund, deshalb fällt die Plausibilitätsprüfung schwer und selbst offensichtlicher Unfug schlüpft mal durch - der Rest dürfte kaum fundierter sein.

    • ngw16
    • 27.01.2010 um 13:12 Uhr

    Ich frage mich, wieso Herr Kaser es dann 3 Jahre lang nicht zu Wege brachte, den Fehler korrigieren zu lassen?

    Und für das IPCC kommt jede Wahrheit über ihre Schlampereien/Lügen zur Unzeit.
    Nur wirkt Kritik nun anders als zuvor, wo man diese als "Voodoo-Science" abbügeln konnte.

    @2: Die Himalayaglescher werden auch nicht im Jahr 2055 abgeschmolzen sein.
    Die ursprüngliche Spekulation lautete auf das Jahr 2350, und selbst dieses wird von Gletscherexperten als unwahrscheinlich angesehen.

  2. 5. hmm

    @2 "Wenn die jüngsten Ereignisse zum Anlass genommen werden, den Sinn der Klimapolitik an sich in Frage zu stellen, da ja die Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis jetzt zweifelhaft sei, dann führt das zu weit." -> lachhaft, gerade jetzt sollte man genau und kritisch Nachprüfen was und vor allem wieso dort alles manipuliert wurde und wer davon profitiert hat (Klimalügner Gore z.b.) all die Geschichten über Menschengemachte Klimaerwärmung ist allergrößter Schwachsinn und ein riesiger Skandal, aber es ist einfacher der Lüge weiter tapfer zu glauben als sich selbst mal einzugestehen, dass man betrogen wurde, nicht wahr edrion25? dazu lesen Sie bitte den Kommentar 4 der Ihre naive Behauptungmit den "20 Jahre später" ad absurdum führt...

    Interessant ist zudem wie die sog. "Qualitätspresse" in diese Sache und andere Dinge verwickelt ist, da es nun schon nach der Irakkrieglüge, und den zweifelhaften 9/11-Terror, Vogelgrippe, Schweinegrippe usw. die nächste Panikmache voll mitzuverantworten hat und es kommen bestimmt noch mehr Lügengeschichten aus der Druckpresse so sicher wie 1 1=2 ist... Ich persönlich tippe bald auf die "Gentechnik ist gesund"-Lüge. Nicht nur die Glaubwürdigkeit des IPCC ist dahin auch die der Qualitätspresse...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich tippe eher auf Iran hat die Bombe. Dann kommt das TINA Gefasel und so weiter... der Rest ist bekannt.

    Ich tippe eher auf Iran hat die Bombe. Dann kommt das TINA Gefasel und so weiter... der Rest ist bekannt.

  3. Der nächste Flop wird bereits diskutiert. Es geht um einen behaupteten Zusammenhang von Globaler Erwärmung und Desaster-Schäden durch Hurricanes.

    Hier wurde durch das IPCC tüchtig getrickst und mit einem Graph ein Zusammenhang konstruiert, der lt. Pielke jr. einem der bekanntesten US- Hurricane-Forscher, überhaupt nicht besteht, und weder in der peer-to-peer noch der Grauen Litertur vorhanden war,

    Man muss immerhin wissen, dass ein möglicher Zusammenhang von größter Bedeutung für die Versicherungsbranche ist. Die kalkuliert ihre Prämien aufgrund möglicher Schäden und ist deshalb nach eigenen Aussagen hochzufrieden mit den Aussagen des IPCC.

    Pielke Jr., einer der bekanntesten US Hurricane Forscher

    Hot on tue Trail of Th IPCC Mystery Graph
    Zitat

    "Hypothesis: The IPCC created a graph that did not exist in the peer reviewed literature or in the grey literature to suggest a relationship between increasing temperatures and rising disaster costs."

    http://rogerpielkejr.blog...

  4. Ich tippe eher auf Iran hat die Bombe. Dann kommt das TINA Gefasel und so weiter... der Rest ist bekannt.

    Antwort auf "hmm"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    leider muss ich meckern und meine Kritik hat nicht mal was mit dem Inhalt Ihres Kommentars zu tun. Mir haben einfach die Augen weh getan.

    Wenn Sie Ihre allseitige Bildung mittels sowieso schon gängiger fremdsprachiger Redewendungen belegen wollen, dann informieren Sie sich doch bitte bitte über die Schreibweise...:

    "d ́ accord"

    kommt aus dem Französischen und hat etwas mit "Übereinstimmen" - wie bei einem Akkord zu tun - und nichts mit einem Kern (engl. core) oder sowas.

    leider muss ich meckern und meine Kritik hat nicht mal was mit dem Inhalt Ihres Kommentars zu tun. Mir haben einfach die Augen weh getan.

    Wenn Sie Ihre allseitige Bildung mittels sowieso schon gängiger fremdsprachiger Redewendungen belegen wollen, dann informieren Sie sich doch bitte bitte über die Schreibweise...:

    "d ́ accord"

    kommt aus dem Französischen und hat etwas mit "Übereinstimmen" - wie bei einem Akkord zu tun - und nichts mit einem Kern (engl. core) oder sowas.

  5. Eine Grundproblematik der gesamten Klimaveränderungsdiskussion sind die verkehrten Positionen: Im allgemeinen sind die Katastrophen-Warner die Pseudowissenschaftler, und die Wissenschaft sagt "Be quiet". Bei der Klimaveränderung ist es halt umgekehrt: Die Wissenschaftler warnen, und die Gegenwelt sagt "Be silent" - und einige Wissenschaftler werden als Reaktion selbst zu Pseudowissenschaftlern. Das ist sehr menschlich, aber ein böses Disaster!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service