Ach, ich bin ermüdet, zornig eher nicht" – so endet das Gedicht In der Tiefe des 1966 geborenen Dirk von Petersdorff. Es ist kein Widerspruch, dass diese Verse in Petersdorffs Band mit dem Titel Wie es weitergeht erschienen sind. Denn am Ausgang des 20. Jahrhunderts galten Melancholie und Ironie als angemessenes Fortbewegungsmittel – und Müdigkeit als Souveränität. Aber: So geht es, buchstäblich, nicht weiter.

In der Kunst wie in der Musik, am Theater wie in der Literatur wird zurzeit wehmütig an die Kraft und den radikalen neuen Formwillen der ästhetischen Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert – und zugleich die Verzagtheit der westlichen Gegenwartskultur beklagt. Muß Kunst wehtun? heißt eine geplante Tagung der Evangelischen Akademie in Tutzing, die die expressionistische Aufbruchsbewegung des Blauen Reiters mit dem ausbleibenden Aufbruch heute kurzschließen will – daher das irritierte Fragezeichen.

Die oben gezeigte Anzeige des Modehauses Louis Vuitton, deren Kampagnenmotive sehr oft mit feiner Sensorik die unterschwelligen gesellschaftlichen Verschiebungen erspüren, zeigt die junge Regisseurin Sofia Coppola (Lost in Translation), die voll inniger Bewunderung zu ihrem Vater, dem Regisseur Francis Ford Coppola, aufblickt (Der Pate). Mit der Sonne scheint hier auch gleich der Generationenkonflikt in einem warmen, diffusen Konsenslicht unterzugehen. So wenig Zorn war nie. Die Söhne und Töchter betten sich bequem zu Füßen der stolzen Patriarchen, denen darüber die Brust so schwillt, dass sie gleich den zweiten Hemdknopf öffnen müssen. Nach demselben Modell bringt das "Rolex Mentor and Protégé"-Programm für jeweils ein Jahr kulturelle Heldenfiguren wie David Hockney, Martin Scorsese, Mario Vargas Llosa oder Robert Wilson mit sogenannten Meisterschülern zusammen, damit diese, wie Rolex schreibt, "in der kreativen Zusammenarbeit mit ihrem Mentor lernen und wachsen".

Das klingt, als könnte heute jeder nur maximal so groß werden wie sein Mentor. Die perfekte Imitatio ist also die unsichtbare Wachstumsgrenze der Gegenwartskultur. Das beherzigen die Schauspielerin Heike Makatsch, die das Leben von Hildegard Knef nachspielt, sowie Jessica Schwarz und Yvonne Catterfeld, die in zwei großen Filmprojekten darum wetteifern, wer Romy Schneider ähnlicher sieht.

Irritiert fragt man sich, was aus jener "Einflussangst" geworden ist, die laut Harold Blooms großer Studie von 1973 dazu führt, dass sich jeder kulturell schöpferische Mensch instinktiv von seinen Vorbildern lösen will. Bloom verglich dies mit dem Freudschen Ödipuskomplex und behauptete, dass sich die Bedeutung etwa eines Gedichtes an der Kraft messen ließe, mit der es ein Vorgängergedicht verdrängen kann (womit Bloom natürlich auch wiederum selbst Vatermord verübte an den strukturalistischen und diskurstheoretischen Versuchen, die Vaterinstanz aufzulösen). 

 

Noch in den sechziger und siebziger Jahren war es, genau wie Bloom beschreibt, für die großen deutschen Lyriker nach 1945, also Hans Magnus Enzensberger, Peter Rühmkorf und Robert Gernhardt, notwendig, den Übervater Gottfried Benn eigenhändig durch Spottgedichte aus dem Weg zu räumen, um überhaupt Raum zu haben für die eigene lyrische Stimme. Heute stattdessen: Lyrik "in memoriam x", Poeme "in der Tradition von y" oder als "Reverenz an z".

Hundert Jahre nach Sigmund Freuds Totem und Tabu scheint eine kulturelle Grundkonstante in Vergessenheit geraten zu sein: dass nämlich die Kulturgeschichte mit der Ermordung des tyrannischen Vaters der Urhorde durch die Söhne ihren Anfang nimmt. An die Stelle der bisherigen Ahnenreihe war mit Freud also das Ethos und Pathos des Neubeginns und der Erneuerung getreten. Kehrt mit Francis Ford und Sofia Coppola nun die Ahnenreihe als Deutungsmuster zurück?

Die Entwicklung der abendländischen Kultur belegt, dass wirkliches Wachstum immer aus dem Dreiklang von Adaption, Simulation und Überwindung entstand. Aus dem Manierismus erwuchs das Barock. Aus dem Historismus das Bauhaus. Wenn die Protegés nie hätten besser werden wollen als ihre Mentoren, dann würden wir immer noch Höhlenwände mit rennenden Mammuts bemalen. Mit hysterischen, spätpubertären Manifesten rempelten etwa die Expressionisten, die Futuristen und die Surrealisten am Anfang des 20. Jahrhunderts die kulturellen Platzhirsche von der Bühne.

Und 1953 nahm sich der junge Amerikaner Robert Rauschenberg eine teure Originalzeichnung des seinerzeit maßgeblichen abstrakten Expressionisten, des 50-jährigen Willem de Kooning, um sie in dreiwöchiger Arbeit komplett wegzuradieren. Dann stellte er das weiße Blatt als Erased de Kooning unter seinem Namen aus. Das war symbolisch der perfekte Vatermord. Doch wenn heute der hochbegabte Maler Jonathan Meese (Jahrgang 1970) nach seinem Verhältnis zu Andy Warhol gefragt wird, der die Kunstdiskurse weit über seinen Tod hinaus definiert so wie einst de Kooning, da antwortet er: "Warhol ist kein Problem." Genau darin liegt das Problem.

 

Wolfgang Tillmans (Jahrgang 1968), der vielleicht größte fotografische Bild-Erfinder seiner Generation, sieht in dem Siegeszug der Popkultur die Ursache für die Unmöglichkeit des Vatermordes: "Ich bin vielleicht der letzte Jahrgang, in dem die Eltern mit Popkultur noch überhaupt nichts zu tun hatten. Ich hatte keine Eltern, die jung sein wollten. Dadurch hatte man von vorneherein immer die Möglichkeit, sich abzusetzen." In dem gerade im Suhrkamp-Verlag erschienenen Sammelband Vaterlosigkeit (Herausgegeben von Dieter Thomä) entwickelt Heinz Bude Thesen über die "endgültige Transformation von 68 in Pop".

Präzise benennt er jene "spannungslose Entspanntheit" im Verhältnis zwischen den 68er-Eltern und deren Kindern, von der das Foto aus der Louis-Vuitton-Werbekampagne Zeugnis ablegt: "Man teilt die gleichen Popikonen und nutzt die gleichen Fahrradwege. Wenn die Kinder im Generationenverhältnis an etwas leiden, dann an der unmöglichen Rebellion." Aber allzu stark scheint das Leiden noch nicht zu sein: Lieber stellen die Nachgeborenen Fotos ihrer Eltern aus den sechziger und siebziger Jahren auf der Website www.myparentswereawesome.com ein – das war vom Initiator zwar eigentlich ironisch gemeint, doch die Zielgruppe wollte sich gar nicht lustig machen über die Stilverirrungen ihrer Eltern, sondern lieber deren Coolness preisen. "Draußen", sagt René Pollesch, "tobt der Konsens."

Dasselbe Prinzip greift auch drinnen: im Kulturbetrieb. Die großen Ausnahmefiguren der zweiten Hälfte der 20.Jahrhunderts sind sakrosankt. Wo ist der Wille, wo die Wut, Grass, Walser, Enzensberger, Baselitz, Richter, Polke, Zadek, Stein, Fassbinder, Henze, Stockhausen überwinden zu wollen? Soll es wirklich einzig bei Daniel Kehlmanns Attacke gegen die eintönigen Spaghetti-Werfereien des Regietheaters und Neo Rauchs schöner Kampfansage "Abstrakt malen kann jeder" bleiben, soll der angry young man zu einer nostalgischen Figur des vergangenen Jahrhunderts werden?

 

Der Kampf mit der Tradition ist in Wahrheit nicht nur für die Jüngeren, sondern auch für die Älteren essenziell: Denn beide Seiten werden dadurch gezwungen, ihre Waffen, ihre Argumente und ihre Ästhetik zu schärfen. Bleibt diese Herausforderung aus, dann kommt es zu einer Übersprungshandlung wie bei Georg Baselitz: So sehr wurde er, der einstige Rebell, von der nächsten Künstlergeneration bewundernd umarmt, dass er keine andere Chance zum ästhetischen Vorankommen sah, als sich an seinem eigenen skandalträchtigen Frühwerk zu reiben und die alten Bilder noch einmal zu malen. Und als Francis Ford Coppola in zu vielen Interviews von seiner Tochter als "Pate" angehimmelt wurde, drehte er anschließend den Film Jugend ohne Jugend.

Es scheint also erstmals zu dem verstörenden Zustand gekommen zu sein, dass die Väter und Mütter vor der Liebe ihrer Töchter und Söhne flüchten müssen. So gelangen ab den sechziger Jahren Peter Zadek in Bochum und Bremen und Peter Stein mit der Berliner Schaubühne der ästhetische Vatermord am alten deutschen Gründgens-Theater und die Erfindung einer neuen Regiesprache. Steins späterer Nachfolger Thomas Ostermeier jedoch klagt, dass Zadek "schlecht" über die neue Schaubühne spreche – obwohl er, Ostermeier, doch seine Arbeit "bewundere". Und dasselbe mit Stein. Der sei, so Ostermeier, einmal sogar durch einen Hinterausgang geflüchtet, weil er wusste, dass Ostermeier auf ihn wartete: "Ich wollte wissen, was er, der Gründer der Schaubühne, uns zu sagen hat, die dieses Haus jetzt leiten."

Wollte Ostermeier wirklich nur wissen, was Stein dazu zu sagen hat? Oder ersehnte er nicht eher den Brückenschlag zwischen den Generationen, der heute als der wahre Ritterschlag missverstanden wird? Heiner Müller rief seiner Branche in einem seiner letzten Interviews beschwörend zu: "Ohne Vatermord passiert doch überhaupt nichts am Theater." Um dann hinzuzufügen: "Nicht nur am Theater." Also, auf geht’s.

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