Staatsoper Wien Der neue Herr am Ring
Nichts scheint Dominique Meyer, dem künftigen Direktor der Staatsoper, die Ruhe rauben zu können. Auch nicht sein Debüt beim Opernball. Er plant indes die sanfte Erneuerung des Nationalheiligtums.
Premiere für den neuen Herrn am Ring: Wenn am 11. Februar pünktlich um 20.45 Uhr die üblichen Verdächtigen der Wiener Gesellschaft über die Feststiege der Staatsoper stolzieren, betritt Dominique Meyer Neuland. Es ist das erste Mal, dass der Mann, der künftig die Geschicke der Staatsbühne zu verantworten hat, leibhaftig erleben wird, welchen kolossalen Trubel ein Opernball in Österreich zu entfesseln weiß.
Ein gutes Dutzend Fernsehteams, dazu eine Legion von Klatschreportern und Paparazzi umschwänzeln dann rauschende Roben und Staatsschärpen. Es ist die Nacht der Nächte im hochherrschaftlichen Veranstaltungskalender, und die Medien des Landes kennen viele Tage lang scheinbar kein anderes Thema. Alles Walzer! »Ja, und welche Rolle spiele ich dabei?«, fragt Dominique Meyer amüsiert. Nein, auch nicht im Fernsehen habe er sich bisher an dem nationalen Großereignis ergötzt.
Er sitzt in einem Restaurant in der Avenue Georges V, zäh schiebt sich der Pariser Großstadtverkehr an der verglasten Veranda des Speiseraumes vorbei. Ein unauffälliger Herr im feinen Zwirn, er spricht leise, wenig von sich und umso mehr von Musik, von Orchestern, Dirigenten und Sangeskünstlern, denen seine ganze Leidenschaft gilt. Es ist ihm hier, fernab des Flairs von Wien, nicht ganz verständlich, dass er künftig auch Zirkusdirektor sein soll, in der größten Manege, welche die Walzermetropole kennt. Wenn er von der Staatsoper schwärmt, dann so: »Wissen Sie, wenn Sie in der Loge im 2. Rang sitzen und die acht Celli das Vorspiel der Meistersinger beginnen, dann gibt es doch nichts Schöneres auf der Welt. Das muss man doch genießen.«
Nur einen Steinwurf entfernt von seinem Stammlokal, befindet sich das Théâtre des Champs-Élysées, das Meyer seit zehn Jahren leitet. Der 54-jährige Intendant blickt frohgemut an der kühlen, eleganten Fassade hoch. Es ist früher Nachmittag. Drinnen auf der Bühne stimmt der Konzertmeister ein Cembalo, für den Abend wird die römische Diva Cecilia Bartoli erwartet, die mit einem Zyklus barocker Kastratenarien, den sie selbst zusammengestellt hat, auftreten wird. Alle 1988 Plätze des Theaters sind restlos ausverkauft. Der Gastgeber strahlt. »Da werden heute wieder unglaublich viele Leute hier mit ihren ›Karten gesucht‹-Täfelchen stehen«, prophezeit er. Nur solchen Großereignissen gilt letztlich sein Interesse.
So wie an gut 1700 Abenden zuvor, so wird er auch an diesem Abend die Solistin vom Künstlerzimmer abholen und auf die Bühne begleiten. Dann wird er rasch zu seinem Direktorensitz – 1. Rang links, 1. Reihe, Sitz 43 – eilen und gleich nach Ende der Vorstellung die Diva wieder von der Bühne abholen und in ihre Garderobe geleiten. Dieser Service an seinen Gästen ist für den Hausherrn Pflicht. Ein wenig sieht er sich wohl als Haushofmeister, der im Dienst eines Imperiums der Stimmen und Klänge steht. Er ist der Ermöglicher des Erlebnisses Musik, der seine ganze Begeisterungsfähigkeit und Leidenschaft gilt. »Das ist eine Krankheit«, sagt Meyer, »die man nicht heilen kann und auch nicht heilen soll.«
Seit gut zweieinhalb Jahren pendelt der künftige Staatsoperndirektor nun zwischen Wien und Paris. Die Morgenmaschine der Air France bringt ihn an seine neue Wirkungsstätte und meist tags darauf die erste Flugverbindung der AUA zurück an die Seine. Dazwischen liegen elf, zwölf, an manchen Tagen auch 17 Termine, der letzte noch nach Mitternacht. Oft mehrmals die Woche. »Es ist ungeheuer viel Arbeit«, ächzt Meyer. Eine Opernsaison verlange jahrelange Vorplanung. 2013 beispielsweise müssen die 200. Geburtstage sowohl von Giuseppe Verdi als auch von Richard Wagner begangen werden. »Ich bin zwar kein Freund solcher Anlässe, aber es wäre ein Fehler, in Wien nicht Wagner und Verdi feiern zu wollen«, meint der neue Mann: »Wir haben deshalb schon vor zwei Jahren damit begonnen, die besten Sänger zu verpflichten.«
Mittlerweile sitzen drei feste Mitarbeiter in seinem Wiener Büro im Hanuschhof, einem Gebäude der Bundestheaterverwaltung, das zwischen Oper und Burggarten liegt. Im Haus am Ring selbst habe sich schlicht kein Platz für seine Vorbereitungsintendanz gefunden. Ioan Holender, sein Vorgänger, habe ihm »die Schlüssel des Theaters in die Hand gedrückt und gesagt: ›Jetzt mach, was du willst!‹«
Mit Dominique Meyer wird zweifellos ein neuer Stil an der Staatsoper einziehen. Vorgänger Holender ist ein geschäftiger Selbstdarsteller, der stets die Öffentlichkeit suchte und zu allem und jedem gerne wortgewaltig Stellung bezog. Er erfüllte perfekt das Rollenbild, für das einst Gustav Mahler, auch er ein sehr selbstbewusster Regent an der damaligen Hofoper, die schlichten Worte fand: Der Wiener Operndirektor sei »ein Gott der südlichen Zonen«.
»Ja, ja, ich weiß, der Direktor der Staatsoper soll ein sehr mächtiger Mann sein – so what ?«, schmunzelt Meyer. Er sei gewarnt worden, von allen Seiten. »Ich kenne alle die Geschichten, die man über Wien erzählt«, sagt er. Keine scheint ihn zu beeindrucken. Weder das Intrigenlatein noch die Eifersüchteleien oder das Karussell der Mutmaßungen, das täglich von einem neuen Gerücht vorangetrieben wird. Die ruhige Pariser Arbeitsatmosphäre gehört bald der Vergangenheit an, in Wien wird Dominique Meyer nicht bloß Theaterprinzipal, sondern ein öffentliches Thema sein. »Auch ein Spielzeug, das kann man schon so sagen«, ergänzt er: »Vielleicht wird es nicht gut gehen, dann war es eben Schicksal.« Vorläufig weiß er sich jedoch gut aufgenommen in dem Haus mit tausend Mitarbeitern. Alles laufe nach Plan.
Der deklarierte Barockliebhaber hat sich keine radikalen Kurskorrekturen vorgenommen. Die Veränderungen sollen schleichend, gewissermaßen durch die Hintertür Eingang in den Musentempel finden. Verschlissene Repertoireproduktionen sollen behutsam aufgemöbelt werden. Selbst so alte Schlachtrösser wie die Produktionen von Tosca oder La Bohème , die seit 50 Jahren über die Rampe gejagt werden, will Meyer nicht ins Ausgedinge schicken. Er möchte sie lediglich auffrischen: »Es muss eben sauber aussehen.«
Zwei bis vier zusätzliche Premieren sollen vielmehr dazu beitragen, den Repertoirebetrieb zu verjüngen und zu erweitern. Fest eingeplant sind Neuinszenierungen von Don Giovanni (anvisierte Premiere: 11. Dezember 2010), La nozze di Figaro und Così fan tutte . Letztere allein schon deshalb, weil jede Aufführung der ursprünglich für das Theater an der Wien konzipierten Inszenierung wegen der fehlenden Drehbühne einen Riesenaufwand für die Staatsoper bedeutet, der das Haus einen halben Tag lang blockiert. »Mir ist schon bewusst«, sagt Meyer, »dass diese drei Da-Ponte-Opern in Wien immer etwas ganz Spezielles sein müssen.« Es steht aber auch weniger vertrauter Ohrenschmaus auf den Planungslisten. Meyer will einen Zyklus mit Bühnenwerken des tschechischen Komponisten Leoš Janácek (gedacht ist an Katja Kabanowa , Das schlaue Füchslein und Aus einem Totenhaus ) realisieren, dessen Œuvre er im Staatsopern-Repertoire schmerzlich vermisst. Ebenso vorgesehen ist die nur wenig bekannte Oper Cardillac von Paul Hindemith, ein Schauerstück um einen dem Wahnsinn verfallenen Juwelier, deren Uraufführung 1926 in Dresden ziemlich durchgefallen war. Über einen Mangel an Optionen muss der Erneuerer jedenfalls nicht klagen. »Es gibt ja Gott sei Dank viele Stücke, die man in Wien noch nicht gespielt hat«, meint er.
Mehr als ein Werk und seine Inszenierung geben in Wien allerdings goldene Kehlen den Ausschlag. Ein Staatsoperndirektor steht und fällt mit den Stars, die in seinem Haus ihre Arien schmettern. »Alle, die das Wiener Publikum begeistern, werden kommen«, versichert Meyer. Auch der amerikanische Tenor Neil Shicoff, lange Zeit ein umjubelter Publikumsliebling am Ring, wird als Eléazar in La Juive neuerlich seine strahlende Stimme auf der Staatsopernbühne ertönen lassen – eine Rückkehr, der nicht nur die Musikkritiker ihre Aufmerksamkeit schenken dürften.
Es war eine durchaus delikate Mission, den vergrollten Sänger wieder nach Wien zu locken. An jenem Mittwoch im Juni 2007, an dem Kulturministerin Claudia Schmied der staunenden Öffentlichkeit verkündete, sie habe sich für den damals in Wien kaum bekannten Dominique Meyer als neuen Direktor des Nationalheiligtums entschieden, war Shicoff bereits am Vormittag aus Zürich in Wien eingeflogen; die Boulevardzeitungen hatten tags zuvor bereits gemeldet, der Sangesstar werde den Prestigeposten ergattern, seine Ernennung schien reine Formsache zu sein. Schließlich hatte der damalige Bundeskanzler Alfred Gusenbauer seinem Busenfreund die Position versprochen und schien wild entschlossen, seinen Günstling durchzuboxen. Der fiel nun aus allen Wolken. Meyer ließ einige Wochen verstreichen, bevor er über gemeinsame Freunde Kontakt zu dem Rivalen wider Willen suchte. Wenige Monate später waren die beiden handelseins. »Er ist nach wie vor ein Stammgast an der Staatsoper«, sagt Meyer. »Wir befinden uns ja nicht im Krieg.«
Zu dem Zeitpunkt, zu dem der gefeierte Tenor noch der vermeintlichen Inthronisierung harrte, befand sich Dominique Meyer in seinem Theater in Paris, wo ihn komplizierte Proben mit dem Dirigenten Bernard Haitink voll in Anspruch nahmen. »Es war merkwürdig, sehr merkwürdig«, erinnert er sich. Fast pausenlos trafen über Mobiltelefon die jüngsten Entwicklungen aus Wien ein. Zu Mittag war Schmied ins Kanzleramt gerufen worden, zwei Stunden später wartete der Filmregisseur Michael Haneke vergeblich im Audienzsaal am Minorittenplatz darauf, dass ihm die Ministerin ein Ehrenkreuz verleihen würde. Es sollte noch eine Stunde dauern, bis die Entscheidung gefallen war. Selbst der stets gelassene Überraschungsdirektor gesteht, von der nervösen Dramatik hinter den Regierungskulissen angesteckt worden zu sein, obwohl seine Bewerbung ursprünglich gar keiner eigenen Idee folgte.
Am 17. März 2006, Meyer hat das Datum abrufbereit im Kopf, gastierten die Wiener Philharmoniker unter Christian Thielemann mit der achten Sinfonie von Anton Bruckner im Théâtre des Champs-Élysées. Wenige Stunden vor dem Konzert überraschten Ensemblemitglieder den Direktor mit dem Vorschlag, sich für den bald vakanten Posten in Wien zu interessieren. Das Hausorchester der Staatsoper würde seine Kandidatur sehr befürworten – was wohl der eben erst zur Kulturministerin avancierten Exbankerin als gewichtige Entscheidungshilfe diente. Mit Meyer und dem aus Oberösterreich stammenden Dirigenten Franz Welser-Möst als neuem Generalmusikdirektor hatte sie jedenfalls ein neues Führungsduo gefunden, mit dem sie nicht nur ihre Eigenständigkeit signalisieren konnte, sondern dem Haus am Rang, in dem zwischen Orchestergraben und Direktion stets eine gewisse Spannung herrscht, einen unaufgeregten Machtwechsel garantierte.
Mit Dominique Meyer, einem Meister leiser Töne, zieht ein Mann in die Staatsoperndirektion ein, der eine schillernde Karriere hinter sich hat, die ihn über viele Zufälle nach Wien geführt hat. Dass der Enkel eines Bauern aus dem südelsässischen Thann eines Tages als Musikmanager seine Erfüllung finden sollte, lag jenseits aller Vorstellungskraft des jungen Mannes. Nur um nicht den elterlichen Hof übernehmen zu müssen, hatte sein Vater, der Erste aus dem Dorf, der ein Gymnasium abgeschlossen hatte, eine Laufbahn bei der französischen Armee eingeschlagen, wo er sich bis zum Militärattaché an der Botschaft in Bonn hochdiente. Dank dieser Jugendjahre spricht Meyer perfekt Deutsch. Musik war in der Offiziersfamilie Meyer allerdings kein Thema.
Bei einem Ferienaufenthalt entdeckte der Mittelschüler bei einer Tante einige Schallplatten. Neugierig legte er eine davon auf: Es waren die Violinsonaten von Bach, nicht gerade ein leichter Einstieg in die Welt der Klassik. Der Junge war dennoch entflammt: »Manchmal gibt es keine andere Chance, bei mir stand am Anfang Bach.« Doch der neuen Begeisterung konnte er erst als Student in Paris frönen. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder zog er Abend für Abend zu Konzertbesuchen los. Die erste Oper seines Lebens, Parsifal mit Horst Stein am Pult, bestaunte er im Palais Garnier auf einem Platz am 4. Rang, von dem aus er fast nichts von der Bühne sehen konnte. »Das war ein Schock«, erinnert sich Meyer. »Ich hatte den Kopf in den Orchestergraben versenkt und war gepackt. Am Ende hatte ich vier Töne im Kopf und suchte den fünften. So begann die Leidenschaft.«
Kaum hatte er sein Wirtschaftsstudium absolviert, zwang ihn der frühe Tod des Vaters, anstatt die angestrebte akademische Karriere einzuschlagen, einen Job im Industrieministerium anzunehmen. Eines Tages führte er den neuen Kulturminister Jacques Lang durch ein CD-Presswerk, an dessen Ansiedlung er beteiligt war. Lang suchte gerade einen Wirtschaftsfachmann, und der Musik-Enthusiast wechselte als Referent für Film und Medien in das Kabinett des schillernden Politikers. Dort (und später auch als Kulturberater von Ministerpräsident Pierre Bérégovoy) bereitete er bahnbrechende Gesetzesinitiativen vor. »Es ging um konkrete Dinge, es war eine großartige Zeit«, sagt Meyer. Die französische Filmförderung wurde auf ein neues Fundament gestellt, die Staatshaftung bei großen Kunstausstellungen eingeführt, um den Versicherungsaufwand leistbar zu halten, der französisch-deutsche Kultursender Arte ins Leben gerufen: Überall, wo die Pariser Kulturpolitiker Neuland betraten, saß Meyer mit an den Schalthebeln. »Und«, fügt er lächelnd hinzu, »ich habe vier Kulturbudgets verhandelt.«
Sein Meisterstück liefert er allerdings 1989 ab. Der Bau des neuen Pariser Opernhauses an der Place de la Bastille, eines der Prestigeprojekte von Präsident François Mitterrand, droht im Chaos zu versinken. Meyer wird als Krisenfeuerwehr abkommandiert. Er hat sechs Monate Zeit, gebietet über eine Mannschaft von 1800 Mitarbeitern. Es gibt keinen Spielplan, der Musikdirektor Daniel Barenboim hat gerade nach einem Riesenkrach wütend die Stadt verlassen. »Das war eine sehr lustige Periode«, erzählt Meyer heute.
Zur Eröffnung am Nationalfeiertag, dem 14. Juli, hat Mitterrand 34 Staats- und Regierungschefs eingeladen, Bush senior, Kohl, Thatcher werden erwartet. Allein die Sicherheitsauflagen sind ein Albtraum. Das Haus ist allerdings noch immer eine Großbaustelle, an eine Opernaufführung ist nicht zu denken. Hastig organisiert der Generalbevollmächtigte Meyer ein Staraufgebot für ein Konzert mit französischen Arien, das der amerikanische Regisseur Robert Wilson in Szene setzt. Die Generalprobe ist ein Desaster. Alle fünf Minuten fällt der Strom aus einem anderen Grund aus. »Da hieß es kleben, kleben, kleben.« Irgendwie, wie genau, weiß Meyer heute nicht mehr zu sagen, bringt er die Galavorstellung tadellos über die Bühne. Keiner der illustren Gäste merkt etwas von den Improvisationskunststücken.
»Merkwürdig, in solchen Situationen bleibe ich ganz kühl«, sinniert Meyer.
»Was kann Sie aus der Fassung bringen?«
»Ich weiß nicht«, sagt der neue Staatsopernchef und legt den Kopf zur Seite. »Manchmal werde ich nervös, wenn Kleinigkeiten nicht stimmen. Wenn Leute unhöflich sind. Einen Fehler kann ich akzeptieren, nicht aber, wenn man lügt und versucht, Dinge zu hintertreiben. Weil dann kann man gemeinsam auch keine Lösung mehr finden. Verschlagenheit, das ist mir zuwider.«
Willkommen in Wien!
- Datum 05.02.2010 - 16:33 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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