Staatsoper Wien Der neue Herr am Ring
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»Am Ende hatte ich vier Töne im Kopf und suchte den fünften. So begann es«

Bei einem Ferienaufenthalt entdeckte der Mittelschüler bei einer Tante einige Schallplatten. Neugierig legte er eine davon auf: Es waren die Violinsonaten von Bach, nicht gerade ein leichter Einstieg in die Welt der Klassik. Der Junge war dennoch entflammt: »Manchmal gibt es keine andere Chance, bei mir stand am Anfang Bach.« Doch der neuen Begeisterung konnte er erst als Student in Paris frönen. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder zog er Abend für Abend zu Konzertbesuchen los. Die erste Oper seines Lebens, Parsifal mit Horst Stein am Pult, bestaunte er im Palais Garnier auf einem Platz am 4. Rang, von dem aus er fast nichts von der Bühne sehen konnte. »Das war ein Schock«, erinnert sich Meyer. »Ich hatte den Kopf in den Orchestergraben versenkt und war gepackt. Am Ende hatte ich vier Töne im Kopf und suchte den fünften. So begann die Leidenschaft.«

Kaum hatte er sein Wirtschaftsstudium absolviert, zwang ihn der frühe Tod des Vaters, anstatt die angestrebte akademische Karriere einzuschlagen, einen Job im Industrieministerium anzunehmen. Eines Tages führte er den neuen Kulturminister Jacques Lang durch ein CD-Presswerk, an dessen Ansiedlung er beteiligt war. Lang suchte gerade einen Wirtschaftsfachmann, und der Musik-Enthusiast wechselte als Referent für Film und Medien in das Kabinett des schillernden Politikers. Dort (und später auch als Kulturberater von Ministerpräsident Pierre Bérégovoy) bereitete er bahnbrechende Gesetzesinitiativen vor. »Es ging um konkrete Dinge, es war eine großartige Zeit«, sagt Meyer. Die französische Filmförderung wurde auf ein neues Fundament gestellt, die Staatshaftung bei großen Kunstausstellungen eingeführt, um den Versicherungsaufwand leistbar zu halten, der französisch-deutsche Kultursender Arte ins Leben gerufen: Überall, wo die Pariser Kulturpolitiker Neuland betraten, saß Meyer mit an den Schalthebeln. »Und«, fügt er lächelnd hinzu, »ich habe vier Kulturbudgets verhandelt.«

Sein Meisterstück liefert er allerdings 1989 ab. Der Bau des neuen Pariser Opernhauses an der Place de la Bastille, eines der Prestigeprojekte von Präsident François Mitterrand, droht im Chaos zu versinken. Meyer wird als Krisenfeuerwehr abkommandiert. Er hat sechs Monate Zeit, gebietet über eine Mannschaft von 1800 Mitarbeitern. Es gibt keinen Spielplan, der Musikdirektor Daniel Barenboim hat gerade nach einem Riesenkrach wütend die Stadt verlassen. »Das war eine sehr lustige Periode«, erzählt Meyer heute.

Zur Eröffnung am Nationalfeiertag, dem 14. Juli, hat Mitterrand 34 Staats- und Regierungschefs eingeladen, Bush senior, Kohl, Thatcher werden erwartet. Allein die Sicherheitsauflagen sind ein Albtraum. Das Haus ist allerdings noch immer eine Großbaustelle, an eine Opernaufführung ist nicht zu denken. Hastig organisiert der Generalbevollmächtigte Meyer ein Staraufgebot für ein Konzert mit französischen Arien, das der amerikanische Regisseur Robert Wilson in Szene setzt. Die Generalprobe ist ein Desaster. Alle fünf Minuten fällt der Strom aus einem anderen Grund aus. »Da hieß es kleben, kleben, kleben.« Irgendwie, wie genau, weiß Meyer heute nicht mehr zu sagen, bringt er die Galavorstellung tadellos über die Bühne. Keiner der illustren Gäste merkt etwas von den Improvisationskunststücken.

»Merkwürdig, in solchen Situationen bleibe ich ganz kühl«, sinniert Meyer.

»Was kann Sie aus der Fassung bringen?«

»Ich weiß nicht«, sagt der neue Staatsopernchef und legt den Kopf zur Seite. »Manchmal werde ich nervös, wenn Kleinigkeiten nicht stimmen. Wenn Leute unhöflich sind. Einen Fehler kann ich akzeptieren, nicht aber, wenn man lügt und versucht, Dinge zu hintertreiben. Weil dann kann man gemeinsam auch keine Lösung mehr finden. Verschlagenheit, das ist mir zuwider.«

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