Wiener Staatsoper Im Räderwerk der Opernmaschine

Die Wiener Staatsoper gilt als Weihetempel für die besten Interpreten der Welt. Seit über 140 Jahren wird im Haus am Ring große Bühnenkunst zelebriert. Doch abseits des Rampenlichts werken jene, die das Getriebe am Laufen halten. Ein Abend in der Belcanto-Fabrik

Langsam dreht Sepp Reicher seine beinahe aufgerauchte Zigarette zwischen den Fingerspitzen. Dann atmet er tief durch, streicht mit der flachen Hand über die Stirn und versucht die Müdigkeit zu vertreiben. Der Bühnenarbeiter – grauer Schnauzbart, schwarzes T-Shirt, kleiner Schmerbauch über dem Bund der blauen Arbeitshose – kauert auf der Eckbank in einem kahlen Raucherzimmer, irgendwo tief im Inneren der Staatsoper. Es ist kurz nach 22 Uhr. Auf einem Monitor flimmert das Bild der Opernbühne: Mozarts Don Giovanni, zweiter Aufzug, der Frauenheld singt sich nach drei Stunden amouröser Kabalen der Höllenfahrt entgegen. In den Nebenrollen: Tüll, Reifrock und Kniebundhose – das dramma giocos o von 1786, sehr konservativ interpretiert.

Nichts, was Sepp kritisieren würde. Er hat andere Sorgen. »Des is a Riesen -Giovanni«, seufzt der 52-Jährige in breitem Wienerisch, während er aus den Augenwinkeln das Geschehen auf dem Monitor verfolgt. »Viele Umbauten, ka Pause zum Verschnaufen, immer was los.« 55 Techniker hören heute auf das Kommando des Vorarbeiters, gerade hat er über Funk die Anweisung für den letzten Umbau des Abends bekommen. Rasch tötet Sepp die Zigarette aus, sperrt die Tür zu dem Kabuff ab, eilt durch einen grell beleuchteten Gang – und verschwindet im Bauch einer gewaltigen, geschäftig surrenden Maschine. Eine Mammuthöhle, in der grelle Scheinwerferkegel das diffuse Licht durchdringen. Metall blitzt auf. Ein Irrgarten aus Kabeln, Seilzügen, Kulissenelementen und Monitoren. Chorsängerinnen trippeln durch den Parcours, Komparsen warten auf ihren Auftritt, die Sängerin der Donna Elvira tastet sich gerade schweißüberströmt über eine Alutreppe aus dem Rampenlicht. An ihr vorbei schleppen ein paar Arbeiter fluchend eine renitente Balustrade von der Szene.

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Die Hinterbühne der Staatsoper füllt eine kakofone Geräuschkulisse: Anweisungen werden geflüstert, Zurufe gezischelt, aus dem Orchestergraben entzückt der gewandte Klangkörper der Philharmoniker. Nichts von der Hektik dringt über die Rampe nach vorn in den Zuschauerraum, in dem über 2200 Besuchern das große Opernerlebnis geboten werden soll. Auf den besseren Plätzen zahlt das Publikum selbst an diesem Routineabend bis zu 136 Euro für das exklusive Vergnügen. An einem der ersten Opernhäuser darf man, was Sänger, Orchester, Dirigenten betrifft, nur das Beste und Allerbeste erwarten. 605.000 Zuseher bei 347 Aufführungen vermerkt der aktuelle Geschäftsbericht. Auslastung: 97,5 Prozent. Ein Spitzenwert, der gern herangezogen wird, um den enormen finanziellen Aufwand kleinzureden. Knapp 51,5 Millionen Euro erhält das Haus im laufenden Jahr an staatlicher Subvention. Jeder Platz, ob leer oder nicht, ist mit 65 Euro gefördert. Nichts als Geldverschwendung für jene, die mit Klangpracht und elitärem Prunk nichts anzufangen wissen. Ein Klacks für alle aficionados, die frohlocken, wenn der Tenor mühelos ein hohes C erklimmt. Bravissimo!

Was diese Belcanto-Fabrik jedoch am Laufen hält, was an Planung, Organisation, Arbeit in jeder Produktion steckt, wie die Räder dieses Kulturbetriebs (allein eine knappe Tausendschaft arbeitet in dem Haus an der Ringstraße) ineinandergreifen – all das muss im Hintergrund verborgen bleiben. Dahin wären sonst Magie und Zauber. Peter Kozak würde keinen dieser Begriffe verwenden. »Ich darf mich von dem Pomp nicht mitreißen lassen, sondern muss einfach schauen, dass diese Fabrik funktioniert«, sagt der Technische Leiter des Hauses.

Der wahre Direktor des Hauses residiert in einem unscheinbaren Büro

Kozak sitzt im zweiten Stock des Operngebäudes, im Direktoriumstrakt, in einem mit Aktenstapeln, Plänen und bunten Büroordnern vollgeräumten Büro. Kein Vorhof der Macht. Dennoch hat ihn der scheidende Impresario Ioan Holender einmal als den wahren Staatsoperndirektor bezeichnet. Kozak – braunes Cordsakko, offener Hemdkragen, kurz geschnittene Locken – lächelt verschmitzt über den Ritterschlag. Und das, obwohl am Veto des 52-Jährigen ehrgeizige Programmpläne scheitern können. »Nur ein Beispiel: Ich kann nicht aufwendige Stücke wie Aida, Carmen und die Zauberflöte an drei aufeinanderfolgenden Tagen spielen. Auch wenn sich das der Direktor noch so wünscht. Da kommen wir mit dem Umbau nicht zusammen.« Andere Häuser, etwa die Mailänder Scala, spielen ein Stück mehrere Tage hintereinander. Im Repertoire-Spielplan der Staatsoper hingegen, der jeden Abend eine andere Aufführung vorsieht, muss Kozak technisch aufwendigen Bombast mit szenisch einfachen Stücken zu einem praktizierbaren Opernbetrieb verflechten. 55 Werke hat die Staatsoper derzeit im Programm, zwei bis drei Jahre vor einer Premiere liegen die ersten Ideen der Bühnenbildner auf Peter Kozaks Schreibtisch. Gerade arbeitet der Technische Direktor an sieben Inszenierungen, die in den kommenden Jahren die Ära des neuen Staatsopern-Direktors Dominique Meyer prägen werden. So manche Himmelsstürmerei der Ausstatter hat Kozak zusammenstutzen müssen: »Das Bühnenbild des Otello hat eigentlich ganz anders ausgesehen. Ein riesiges Portal, fahrbar, drehbar, mit Beleuchtung. Nach der ersten Bauprobe hab ich gesehen, dass das nicht umsetzbar ist.« Doch in aller Regel hat Peter Kozak keine Probleme, die Wünsche der Bühnenillusionisten in seine Welt einzupassen.

Bei der Behördenprobe wird streng nach Vorschrift gefesselt

Die Hauptbühne misst 673 Quadratmeter bei einer Höhe von 27 Metern. Knapp 500 Quadratmeter hat die Hinterbühne, auf der Dekorationsteile bereitstehen. Der Boden der Hauptbühne ist in sechs Hubpodien gegliedert, die sich stufenlos in den elf Meter tiefen Keller absenken lassen. Komplette Kulissenlandschaften können die Arbeiter so aus dem Untergrund hervorholen und wieder verschwinden lassen. An der Decke, im Schnürboden, harren 91 Prospektzüge, die je nach Bedarf mit Vorhängen, Draperien oder Beleuchtungskörpern bestückt werden. Neben dem Bühnenportal steigen jeweils vier Arbeits- und Beleuchtungsgalerien empor. Die meisten der insgesamt 325 Scheinwerfer werden von hier aus eingerichtet und punktgenau justiert. Der Stromverbrauch? Peter Kozak zuckt mit den Schultern: »Es hat einmal geheißen, dass man mit der Anschlussleistung ganz St. Pölten versorgen könnte. Aber ich weiß nicht, ob das stimmt.« Zwei Hauptkabel führen in das Haus am Ring. Das Wasser kommt aus einem eigenen artesischen Brunnen. Sogar Eis wird im Keller des Hauses erzeugt: Es kühlt an heißen Tagen die in den Zuschauerraum eingeblasene Luft. Die kommt nicht irgendwoher, sondern wird aus dem lauschigen Burggarten zugeleitet.

Für die Bühnenarbeiter, die gerade am Podium zugange sind, ist die Luftgüte eher nachrangig. Ein Aluträger des Bühnenhauses klemmt. Doch nach etwas derbem Schmäh und einem kräftigen Hauruck ist das Teil in Position. Viermal sind die knapp zwei Dutzend Männer am Tag im Einsatz. Am Vormittag wird die Dekoration vom Vorabend abgebaut, dann kommt die Kulisse für die jeweilige Probe auf die Bühne. Steht eine Premiere an, tritt eine Abordnung Gesetzeshüter auf: Polizisten prüfen, ob die Läufe der Pistolen verschweißt und die Degen stumpf sind, Statiker und Feuerpolizei nehmen die Dekorationen ab, das Arbeitsinspektorat wacht darüber, dass der Regisseur den Darstellern nicht zu viel zumutet. »Das geht so weit, dass zum Beispiel bei einer Fesselung darauf geachtet wird, dass sich der Sänger selbst befreien kann«, sagt Kozak und schmunzelt. Nach dem Abbau der Probenkulissen wird am späten Nachmittag die Dekoration für den Abend eingerichtet.

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