Wiener Staatsoper Im Räderwerk der OpernmaschineSeite 2/2
Während der Aufführung rücken die Männer dann noch einmal spätabends aus. So auch in der Pause des Don Giovanni. »Vorsicht, aufpassn«, ermahnt Sepp lautstark seine Bühnenarbeitergruppe, die das Podium unmittelbar nach dem Vorhang einem Totalumbau unterzieht. Während sich die Opernconnaisseure mit Sekt und Lachssandwich laben, entsteht auf der Bühne eine neue Welt, werden Statuen aufgebaut, Fassaden adaptiert, neue Hintergrundprospekte eingerichtet. Es sind keine billigen Pappmachéstaffagen, die da hereingekarrt werden, es sind kunstvolle Illusionsgebilde, die vor allem eines sein müssen: haltbar. Jahre, oft Jahrzehnte sind Klassiker wie Figaro oder Zauberflöte im Repertoire. Bereits im zehnten Jahr jagt Don Giovanni im aktuellen Bühnenbild den Frauen hinterher. Die Ausstattung der Madame Butterfly debütierte gar im Jahr 1957. Die Kosten für die teils opulenten Dekorationen – zwischen 400.000 und 700.000 Euro – spielen aber selbst die Dauerläufer des Repertoires nie herein.
»Wenn man will, bekommt man dafür natürlich auch ein paar Meter Autobahn«, sagt Paul Zündel und zuckt mit den Schultern. »Oder ein echtes Opernerlebnis.« Der 56-Jährige gibt von Berufs wegen Letzterem den Vorzug: Er ist Leiter der Dekorationswerkstätten von Art for Art, einem vor zehn Jahren ausgegliederten Unternehmen, das für alle Bühnen der Bundestheater Holding – Staatsoper, Volksoper, Burgtheater und Akademietheater – arbeitet. Seitdem sind die Zeiten, in denen Geld keine Rolle gespielt hat, endgültig vorbei. »Schon bei der ersten Werkstattbesprechung geht’s vor allem um die Kosten«, sagt Zündel, der wie ein besonnener Doppelgänger von Harald Schmidt in dessen Langhaarphase wirkt. Darüber hinaus sieht sich der Kunsthochschul-Absolvent »vor allem als Interpretationskünstler« der jeweiligen Aufführungskonzepte. Diese Bühnenbilder, welche die großen Gefühle der Opernliteratur behausen, realisieren er und seine 180 Mitarbeiter auf dem Areal des Arsenals im dritten Wiener Gemeindebezirk.
Hier entstehen in einer lang gezogenen, lichten Halle Illusionsbauten nach Maß: Theaterplastiker, die Gipsbüsten modellieren, Tischler, die den Hinterbau für eine Kulisse verleimen, in der Schlosserei wird letzte Hand an einen gläsernen Sarg gelegt. »Jeder in seinem Fach ist ein Spezialist, der auch unter Zeitdruck arbeiten kann«, sagt Zündel. Vor allem vor Premieren tüftelt seine Truppe noch bis in die Morgenstunden, 40 Neuproduktionen pro Jahr müssen für die Bundestheater-Bühnen ausgestattet werden. Vom nahen, 40.000 Quadratmeter großen Depot machen sich die zerlegten Dekorationen auf den Weg zu den Theaterhäusern, allein in Richtung Staatsoper rücken die charakteristischen grauen Transport-Lkws 20-mal am Tag aus.
Kurzer Dienstweg: Die Kostüme werden unterirdisch angeliefert
Durch einen hundert Meter langen Tunnel unter der Operngasse hindurch kommen hingegen jene Schöpfungen aus Brokat und Tüll in die Staatsoper, die einen Sänger in einen geharnischten Wüterich, eine Balletttänzerin in eine Elfe verwandeln. Jedes Jahr entstehen in den Werkstätten im Hanuschhof, zwischen Oper und Burggarten gelegen, an die 3500 Kostüme. Über drei Stockwerke verteilt, fädeln sich hier entlang verwinkelter Gänge Schneidereien, Modisterei, Schuhmacherei und Kostümmalerei auf. Was hier entsteht, geht nicht nur an die Wiener Bühnen, sondern an internationale Häuser wie die New Yorker Metropolitan Opera oder das Théâtre des Champs-Elysées, Paris. »Manchmal meditiere ich Stunden über den komplizierten Entwürfen«, sagt Annette Beaufaÿs, die Leiterin der Kostümwerkstätten. Prüfend blickt die 61-Jährige mit dem roten Haar und dem dunklen, weit geschnittenen Blazer durch ihre Brille mit der markanten schwarzen Fassung. Doch wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, dann blitzt doch immer wieder ein Lächeln hervor. Etwa neun Monate vor einer Neuinszenierung erhält Beaufaÿs die ersten Skizzen: »Dann zücke ich erst einmal den Rechenstift.« Teure Seide oder edlen Samt tauscht sie dennoch nur selten gegen kostengünstigere Synthetikstoffe. »Der größte Feind der Kostüme ist der Schweiß. Naturmaterialien sind da einfach angenehmer und lassen sich waschen. Sie halten vor allem länger.« Mit einem Griff in den Fundus – in einer Halle in der Hietzinger Montleartstraße lagern über 180.000 Kostüme – und entsprechenden Umarbeitungen lassen sich schon eher die Kosten drücken. »Das Entscheidende bei allem, was wir produzieren, ist jedoch: Die Kleidung muss auf der Bühne leben.«
Ein Fehler des Chefinspizienten, und die Aufführung steht still
Kostümmalerin Heike Schulte verhilft in ihrem Atelier gerade dem Wams eines von der Schlacht heimkehrenden Kriegers mittels Kunstblut und Staub zur gewünschten Dramatik. Im Vordergrund stünden jedoch immer die Bedürfnisse der meist hoch dotierten Akteure: »Opernsänger sind Hochleistungssportler, da darf vor allem am Brustkorb nichts einengen.« Also wird bei Rüstungen nicht zu Metall, sondern zu leichterem Plastik gegriffen, das kunstvoll besprayt und bepinselt wie ein abgewetzter Harnisch aussieht. Neben Großproduktionen wie Richard Wagners Rienzi, für den 900 Ausstattungen auf den Kleiderwägen durch den Tunnel in Richtung Oper gekarrt werden, wartet auf die knapp 100 Mitarbeiterinnen aber auch profanere Arbeit. Mal müssen Schuhe für Dutzende Statisten angepasst werden, mal zwickt den Choristen der Hosenbund, mal muss für einen kurzfristig eingesprungenen Darsteller ein Kostüm eilig umgenäht werden. Bis kurz vor dem Auftritt lässt die Schneiderin dann Nadel und Zwirn fliegen. Es klingt ein wenig kokett, wenn Annette Beaufaÿs ihr Credo beschreibt: »Es geht nur darum, dass sich pünktlich der Vorhang hebt. Was davor passiert ist, spielt für das Publikum keine Rolle.«
Wofür am Abend der Aufführung einer Sorge trägt: Chefinspizient Richard Weinberger. Eine halbe Stunde vor Beginn des Don Giovanni setzt sich der Mittfünfziger an das Inspizientenpult. Für die nächsten Stunden ist er der Herr des Hauses. Alles, was hinter den Kulissen passiert, jede Aktion, jeder Auftritt, wird an diesem mit Dutzenden blinkenden Tasten übersäten, mannshohen Pult in einem verschatteten Winkel neben dem Bühnenportal ausgelöst. Leicht angejahrt ist diese Kommandozentrale, rätselhaft wie das Cockpit eines Jumbojets der ersten Generation. Wenn Weinberger in gepflegtem Schönbrunnerdeutsch seine Anweisungen erteilt, hat er so gar nichts von einem strengen Chef an sich. Vor ihm liegt eine Partitur, in der jeder Lichtwechsel, jede Kulissenänderung penibel eingetragen ist. Knapp 100 dieser »Verwandlungen« hat der Inspizient heute abzuarbeiten. Meist gibt er die Kommandos per Tastendruck. Soll etwa zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Prospekt vom Schnürboden heruntergleiten, aktiviert er hoch oben in der Galerie ein blaues Signallämpchen, das Zeichen für die Techniker, sich bereitzuhalten. Schaltet er das Licht auf weiß um, wird die Aktion in Gang gesetzt. Aber auch via Mikrofon gibt Weinberger Anweisungen oder ruft Sänger und Choristinnen auf, sich für den Auftritt bereit zu machen. Signalbefehle, Ansagen, dazwischen Kontrollgänge, ob die Darsteller tatsächlich bereitstehen: Bis zu 400 Techniker und Künstler dirigiert der gelernte Sänger an manchem Abend. Ein vergessenes Zeichen, ein falsches Kommando – und Weinbergers Opernfabrik stünde still. »Aber das ist mir in elf Jahren noch nie passiert.« Routiniert bringt der Chefinspizient auch diesmal den Don Giovanni über die Bühne. Nach dem Finale baden die Sänger an der Rampe im Applaus. Dann knippst Weinberger das Saallicht an. Seine letzte Ansage des Abends: »Haus hell, danke, gute Nacht.«
- Datum 05.02.2010 - 16:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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