Kunstgeschichte Der Mann aus dem Westen

Wie der niederländische Widerstandskämpfer, Typograf und Ausstellungspionier Willem Sandberg das Museum revolutionierte und der deutschen Kunst nach 1945 auf die Sprünge half

1945 wurde Willem Sandberg (rechts im Bild) Direktor des Stedelijk Museum in Amsterdam. Hier diskutiert er mit Künstlerfreunden eine Plastik

1945 wurde Willem Sandberg (rechts im Bild) Direktor des Stedelijk Museum in Amsterdam. Hier diskutiert er mit Künstlerfreunden eine Plastik

Das erste Jahrzehnt nach 1945 gilt nicht gerade als Höhepunkt der deutschen Kunstgeschichte. Die einstige Freihandelszone der Moderne fand sich als Provinz am Rande des internationalen Kunstgeschehens wieder, und die Künstler wussten nicht, woran sie anknüpfen sollten – an ihren vor 1933 gepflegten Stil oder an die seither im Ausland weiterentwickelten Formen? Mit Ruinenversionen von Surrealismus und Expressionismus erprobten sie die Chiffrierung überstandener Katastrophen, bevor sich im Westen die »Abstraktion als Weltsprache« und im Osten der »Sozialistische Realismus« durchsetzte.

Die Nachkriegszeit dauerte freilich länger als das Jahrzehnt zwischen dem Vereinsverbot der Besatzungsmächte, das auch die Kunstvereine lahmgelegt hatte, und der ersten documenta in Kassel, die 1955 den Schulterschluss mit der DDR aufkündigte. Im Westen fand die Nachkriegszeit ihr Ende vielleicht erst mit den Studentenprotesten gegen den Vietnamkrieg und den Steinwürfen auf die Amerikahäuser.

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Denn es waren gerade diese Amerikahäuser gewesen, in deren Bibliotheken sich die Künstler der Nachkriegszeit ebenso informiert hatten wie die Kuratoren, die damals freilich noch nicht so hießen. In der britischen Zone war eine ähnlich wichtige Institution aufgebaut worden, Die Brücke, und ein Institut français fand sich auch in Städten außerhalb der französischen Zone. Wer heute mit Künstlern und Ausstellungsmachern redet, die damals die Moderne nachzuholen hatten, bekommt die Namen dieser Institutionen ebenso häufig genannt wie die Titel der Wanderausstellungen, die von den westlichen Alliierten durch ihre Zonen und nach Berlin geschickt wurden.

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Im Rückblick zählen freilich nicht nur die Institutionen, mit deren Unterstützung der westdeutsche Kunstbetrieb wieder in Gang kam, sondern auch die Personen: der deutsch-jüdische Mehrfach-Emigrant und Kunsthändler Daniel-Henry Kahnweiler etwa, der sich in der französischen Zone engagierte, oder der britische Offizier und Kritiker John Anthony Thwaites, der gleich in Westdeutschland blieb, von wo aus er manchem Künstler zu internationaler Resonanz verhalf, nicht zuletzt dem Maler Emil Schumacher. Neben solchen Vermittlern, die in ihren jeweiligen Besatzungszonen wirkten, gab es auch einige, die weder im Dienst der Alliierten standen noch aus deren Ländern stammten, und unter ihnen war der 1897 in Amersfoort geborene Holländer Willem Sandberg sicherlich der wichtigste.

Seine Bedeutung für das westdeutsche Kunstleben war allerdings nicht abzusehen gewesen, denn er hatte sich zunächst geweigert, das Land je wieder zu betreten, dessen Schergen so viele seiner Freunde aus dem holländischen Widerstand umgebracht hatten. Seiner Gruppe war es in der Besatzungszeit gelungen, Ausweise samt der Wasserzeichen so perfekt zu fälschen, dass Sandberg ihr unbeanstandetes Funktionieren als das höchste Lob betrachtete, das er als gelernter Schriftsetzer je für sein Handwerk erhalten hatte. Schließlich musste er sich selbst mit einem falschen Ausweis aufs Land zurückziehen, nachdem die Planer des Brandanschlages vom März 1943 auf das Amsterdamer bevolkingsregister aufgeflogen waren; mit der Tat hatten sie der Besatzungsmacht die Menschenjagd erschweren wollen.

Er macht das Stedelijk zum ersten modernen Museum der Welt

Vor der Nazi-Zeit hatte Sandberg freilich einige seiner wichtigsten Anregungen im deutschen Sprachraum erfahren, nicht zuletzt über seinen frühen Guru, den Bauhauskünstler Johannes Itten. Mehrfach hatte er das Bauhaus besucht, dazu in Wien die originelle Piktografie schätzen gelernt, die der österreichische Ökonom Otto Neurath mit dem deutschen Grafiker Gerd Arntz entwickelt hatte. Es waren diese Erfahrungen, die dem Schriftsetzer und Jungmaler Sandberg, nach Wanderjahren durch medizinische Heilslehren und akademische Zirkel, schließlich den Weg in die Typografie wiesen.

Als er dann 1949 doch in das zerstörte Deutschland reiste, tat er das – was noch weniger vorhersehbar gewesen war – als Museumsdirektor. Zwar hatte der eigenwillige junge Mann, der seit 1920 mit seiner ehemaligen Mathematiklehrerin verheiratet war, dem Stedelijk (Städtischen) Museum in Amsterdam bereits früh als freier Mitarbeiter und nach 1937 als angestellter Kurator gedient. Aber dass man ihm 1945 das ganze Haus anvertraute, das könnte selbst ihn überrascht haben. Denn schon 1938 hatte er mit Ausstellungen wie Abstrakte Kunst klargemacht, dass mit ihm ein neuer Geist in den historistischen Gemischtwarenladen eingezogen war: der Geist einer radikalen Moderne, der andere Abteilungen sukzessive aus dem Haus verdrängen sollte – Epochenzimmer wie Heimatkunde, medizinhistorische Kabinette wie ostasiatische oder technikhistorische Sammlungen, die in andere städtische Ausstellungshäuser ausgelagert wurden.

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