Amsterdams Ratsherren rätseln, warum er im Regen nie nass wird
Auch auf umgekehrtem Wege förderte Sandberg die deutsche Nachkriegskultur. In Amsterdam zeigte er 1952 Kunst aus Krefeld, wo er auch den ehemaligen Bauhauslehrer Georg Muche kannte, der dort eine Meisterklasse für Textilkunst leitete. 1954 präsentierte Sandberg Duitse kunst na 1945 und 1959 Jonge duitse kunst, zeigte HAP Grieshaber und Josef Fassbender, weiterhin den an der Folkwangschule lehrenden Fotografen Otto Steinert, die Industriegestalter Wilhelm Wagenfeld und Jupp Ernst. 1956 lud er die Kasseler Bildhauerin Nele Bode ein, was frühe Kontakte in die documenta-Stadt belegt, deren Werkkunstschule 1959 im Stedelijk die Ausstellung Der Kindergarten ausrichten durfte.
Kein anderes Land hat der modernen deutschen Kunst in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten so viel Aufmerksamkeit zukommen lassen wie Holland in Sandbergs Museum. Und das geschah ausschließlich aus einem persönlich geprägten Engagement heraus, denn willkommen waren die moffen aus frisch erinnerlichen Gründen ansonsten kaum.
Einer der vielen zeitgenössischen Bewunderer Sandbergs, der Baseler Museumsmann und Münchner Akademieprofessor Georg Schmidt, hat ihn einmal als den »einzigen Museumskünstler unter uns allen« bezeichnet, und nach seiner Pensionierung 1962 wurde Sandberg tatsächlich auch als Künstler ausgestellt, nämlich 1964 auf der documenta III. Sie ehrte den eleganten Typografen, der nebenbei auch die meisten Kataloge und Plakate seiner Ausstellungen gestaltet hatte.
Willem Sandberg starb 1984 in Amsterdam. Studiert man sein Lebenswerk in der Dokumentation, die Ad Petersen noch zu Lebzeiten – und mit Beiträgen – Sandbergs herausgegeben hat, dann fragt man sich, ob alle Innovationen allein dem Ingenium eines einzigen Mannes entsprungen sein können und sich nicht manches auch dem Team verdankt haben muss, das der rastlose Charismatiker um sich scharte und mit dem er in manchen Jahren bis zu fünfzig Ausstellungen in den verschiedenen Filialen des Stedelijk gestemmt haben soll.
Amsterdams Ratsherren rätseln, warum er im Regen nie nass wird
Inwieweit Sandberg selbst Vorbilder hatte, etwa Alexander Dorner im Provinzialmuseum Hannover, der vor seiner Emigration mit El Lissitzky zusammengearbeitet hatte, steht dahin. Das geistesverwandte, weil aus denselben europäischen Quellen gespeiste New Yorker Museum of Modern Art konnte Sandberg erst 1949 als Fünfzigjähriger besuchen – und dann neun Jahre lang nicht mehr, weil man dem unbequemen Museumsdirektor Visaprobleme bereitete. Er dürfte das MoMA jedenfalls um dessen pragmatische Lösung des frühen Konfliktes der Moderne zwischen »angewandter« und »freier« Kunst beneidet haben.
Unerschrocken muss der schmale Mann mit dem markanten Haarschopf jedenfalls gewesen sein, denn auch vorsätzliche Missverständnisse schloss er nicht aus. Als er 1956 zeitgleich das Künstlerpaar Chris und Lucila Engels sowie den brasilianischen Landschaftsarchitekten und Baukünstler Roberto Burle Marx ausstellte, entwarf er ein gewitztes Plakat, das in großen roten Lettern von Weitem so aussah, als fände im Stedelijk gerade eine Ausstellung von Marx und Engels statt. Und auf die heftige Ablehnung, die ein Wandgemälde des von ihm früh protegierten Cobra-Künstlers Karel Appel 1949 im Amsterdamer Rathaus fand, reagierte Sandberg umgehend mit einem Auftrag an Appel, die koffiebar auszumalen – die sein Stedelijk natürlich auch schon hatte! Es waren solche Parteinahmen, die einen irritierten Amsterdamer Ratsherrn einst rätseln ließen, warum der Vegetarier und Kettenraucher Sandberg »stets durch den Regen ging, dabei aber nie nass wurde«.
Der Autor ist Professor für Kunstgeschichte an der Münchner Akademie der Bildenden Künste
- Datum 04.02.2010 - 18:29 Uhr
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- Serie Zeitläufte
- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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