Der Wirtschaftsanwalt Martin Jebsen ist jemand, den man im Einwanderungsland Argentinien einen typischen Patrioten nennt. Der 64-jährige Deutschargentinier mit hanseatisch-kühler Schlagfertigkeit empfängt in seiner noblen Kanzlei in einer Avenida nahe dem Hafen – dort, wo vor hundert Jahren Hunderttausende Immigranten aus dem armen Europa ins reiche Pampaland strömten.

Wie viele von ihnen ist auch der Spätankömmling Jebsen hier wohlhabend geworden, hat als Unternehmensberater und Jurist Hunderten von Firmen dabei geholfen, sich hier anzusiedeln. Zur 200-Jahr-Feier der argentinischen Unabhängigkeit im Mai will er dem Land etwas schenken: Mit Freunden baut der begeisterte Segler einen zweimastigen Segelschoner, 52 Meter lang und so ähnlich konstruiert wie die Schiffe, auf denen einst die Glückssucher aus Europa übersiedelten. Es soll dann ein Schulschiff werden. »Ich weiß, dass ich meinen Wohlstand diesem Land verdanke, und möchte etwas zurückgeben«, sagt Jebsen.

Doch genau betrachtet hat sein Engagement für Argentinien in den vergangenen Jahren schwer gelitten. Früher flog er bis zu sechsmal im Jahr nach Europa, um für den Standort Argentinien zu trommeln. Seit vier Jahren macht er das nicht mehr. »Noch nie wurde so viel gelogen in der Regierung wie heute«, sagt, und er kann seine Empörung kaum zügeln. »Ich kann nicht mehr mit gutem Gewissen für diese Leute reden.«

Diese Leute, damit meint er die Präsidentin Cristina Kirchner, ihren Gatten und Vorgänger Néstor Kirchner und jene fünf, sechs Leute, die das Land seit mehr als sechs Jahren regieren. Leute aus der argentinischen Wirtschaft, selbst Patrioten wie Jebsen, wollen nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Selten zuvor gab es in Argentinien einen solch tiefen Graben zwischen Wirtschaft und Regierung.

Seit einigen Wochen schockiert die Präsidentin die Businesswelt ihres Landes erneut – indem sie die Notenbank attackiert und versucht, nach deren Devisenreserven zu greifen. Erst forderte sie den Zentralbankpräsidenten auf, einen Teil dieser Rücklagen zur Schuldentilgung an das Schatzamt zu überweisen, und als er sich dann weigerte, setzte sie ihn vor die Tür. Eine Richterin hat diesen Übergriff inzwischen wieder kassiert, aber als der oberste Notenbanker an seinen Arbeitsplatz zurückkehren wollte, fand er sich dort ausgesperrt.

Das Signal an die internationalen Finanzmärkte: Argentinien wird noch länger als ernst zu nehmender Mitspieler in der Weltwirtschaft ausfallen. Seit das Land den Schuldendienst an ausländische Gläubiger vor acht Jahren einstellte, bekommt es auch keine Kredite mehr im Ausland. Die wären aber dringend nötig für Investitionen, ohne sie droht das Pampaland den Anschluss zu verlieren.

Argentinien – das von der Fläche achtgrößte Land der Erde, voller gut ausgebildeter Arbeitskräfte und Bodenschätze – wird im Augenblick links und recht von seinen Konkurrenten überholt. Die Schwellenländer sind im Schnitt viel besser durch die Weltwirtschaftskrise gekommen als die reichen Länder in Nordamerika oder Europa, und einige Nachbarn Argentiniens haben kräftig aufgeholt.