Science Slam Show macht schlau
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Die Überraschung des Abends: Eine Dame, die von der Bibel singt

Auch ihn mag die Überraschung des Abends umgehauen haben: Uri Hart, eine ältere Dame, unaufwendig zurechtgemacht, kurzes Haar, Lesebrille. Auf den ersten Blick verzagt wirkend, doch zur Hochform auflaufend mit dem bombastisch betitelten Vortrag: »Von einer Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe, einem keuschen dreiviertel-nackt tanzenden Mann, einem Moses Mendelssohn ohne Verstand und wie der Koran die Wahrheit fand: Die Akzente der Bibel und ihre Auslegung am Beispiel von Gen 39,8«.
Uri Hart war eigentlich Briefträger (sie besteht auf der männlichen Form). Heute unterrichtet sie Hebräisch, studiert Judaistik und trägt nachts Zeitungen aus.

Sie singt und tanzt das Lied der Comedian Harmonists »In der Bar zum Krokodil«. Darin geht es um die Frau eines gewissen Potifar (»die ungemein erfahren war, in allen Liebessachen«), die den biblischen Josef verführen will, aber zurückgewiesen wird.  Und dann folgt eine sehr komische und eindrucksvolle synoptische Betrachtung von Versionen dieser Bibelstelle, Liedtexten, Auszügen aus einer jüdischen Sportzeitung, Übersetzungen, die dem Text das erotische Potenzial austrieben, sowie die filigrane Untersuchung der entsprechenden Thorastelle. Auf Hebräisch, versteht sich.

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Am Schluss sagt Frau Hart: »Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit« und verneigt sich. Bis vor wenigen Tagen wusste sie nicht mal, was Slam bedeutet. Uri Hart ist der Beleg dafür, dass Beifall nicht nur der witzige Slammer erhält. Doch ob es bei dieser Präsentationsform um Inhalte geht oder um die formvollendete Vorstellung eines Studienfachs, ob Klamauk und Selbstdarstellungstalent zählen oder es zählt, dass das Publikum klüger wird – solche Fragen kann einem der Organisator des ersten Berliner Science Slam auch nicht beantworten.

Gregor Büning hat überraschend wenig nachgedacht über sein Projekt, seine Herangehensweise ist von atemberaubender Kessheit: Nur einmal und zufällig hat er im Internet von dieser Veranstaltungsform gelesen, da beschloss er: Berlin hat so viele Unis. Berlin braucht so was auch. Ich mach das. Er verschickte Hunderte von E-Mails, fünf Leute waren bereit vorzutragen. Büning, halbtags Mitarbeiter in einem Abgeordnetenbüro und Geschäftsführer eines geplanten Unternehmens »policult – Politisches und Kulturelles Veranstaltungsmanagement«, besorgte den Saal. Den Erfolg seiner Idee – viele Interessenten wurden wegen Überfüllung nach Hause geschickt – muss er noch verdauen. Für den nächsten Termin am 1. März hat er schon Bewerber. Eine möchte über Krebs und Religion vortragen.

Der Kreuzberger Abend hält noch einen zappeligen und aufgedrehten Mann bereit, der Papier so falten und falzen kann, dass ein kubisches Buch draus wird. Und eine Kulturwissenschaftlerin, die ausnahmsweise keine Powerpoint-Präsentation bietet. Dafür einen fantastisch unverdaulichen Exkurs über Kunst, Politik und Luhmann. Der beste Slammer Berlins wird am Ende nach Applausabstimmung eindeutig und umjubelt Uri Hart. Sie kriegt Blumen, 30 Euro und einen Alex aus Wachs.

Der nächste Berliner Science Slam findet am 11. Februar im Lido statt.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
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