Berlinale 2010 Wir sind das Festival

Die Berlinale feiert ihr sechzigjähriges Bestehen. Kein Filmfest ist dem Publikum näher

Manchmal und besonders vor runden Geburtstagen tut es einfach gut, festzustellen, dass sich nicht alle düsteren Orakelsprüche bewahrheiten. Was wurde noch vor ein paar Jahren geunkt angesichts der am Horizont heranbrausenden Bilderfluten des Internets und des Siegeszuges der DVD! Das Kino als gemeinsame Raum- und Publikumserfahrung, so hieß es, werde verschwinden, aufgesogen von der ortlosen Öffentlichkeit der Fernseh- und Computerbildschirme. Auch Filmfestivals wie der Berlinale prophezeite man eine Zukunft auf dem Schrottplatz der Kulturphänomene. Weshalb sich noch umständlich an einem Ort versammeln, warum Warteschlangen, Parkplatzprobleme und schnarchende Sesselnachbarn in Kauf nehmen, wenn man sich Filme genauso gut auf einem Internetserver ansehen oder ins Haus schicken lassen kann? Die 60. Internationalen Filmfestspiele von Berlin als DVD-Geschenk-Box mit Jubiläumsbooklet. Ansprache des Festivalchefs und Sektfläschchen inklusive.

Nichts da! Der Blockbuster-Besuch und das Festival, das populärste und das elitärste Kinoerlebnis, sind die beiden Orakelüberlebenden des vergangenen Kulturjahrzehnts. Weltweit erzielte die Kinobranche in den letzten Monaten trotz der Wirtschaftskrise Rekordumsätze, während der Verkauf von DVDs stagniert oder zurückgeht. Das gemeinsame Filmerlebnis hat offenbar wieder an Reiz gewonnen. Auch die Berlinale, ohnehin schon größtes Publikumsfilmfestival der Welt, wächst stetig weiter, mit immer neuen Spielorten, Sub- und Nebenveranstaltungen. Jetzt, zum 60. Geburtstag, dehnen sich die Filmfestspiele krakenartig über die Stadt aus, mit zusätzlichen Kinos und dem sogenannten fliegenden roten Teppich, der das Programm in die Bezirke der Stadt trägt, mit der Freiluftübertragung von Metropolis am Brandenburger Tor. In einem Lebensabschnitt, in dem sich der Durchschnittsmensch Nordic-Walking-Stöcke kauft und seiner Pensionierung entgegensieht, wirkt das Festival wie ein Berufsjugendlicher, der sich gerade zum Marathon angemeldet hat.

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Die Gründe für diese Krisenwiderständigkeit mögen auch in der Geschichte der Berlinale liegen. Das heißt in ihrem Verhältnis zu Berlin. Vielleicht sollte man daran erinnern, dass viele Filmfestspiele, unter anderem auch die Festivals von Cannes und Locarno, eine Erfindung lokaler Hotel- und Tourismusverbände sind. Es musste halt ein Kulturereignis her, um auch in der Nebensaison die Betten zu füllen. Im reichen Rentnerstädtchen Cannes schlägt das Festival denn auch einmal im Jahr wie eine Bombe ein, doch rekrutieren sich die Festivalgäste fast ausschließlich aus der Kinoindustrie. Auch in Venedig ist die Filmbiennale vor allem eine Kritiker- und Branchenveranstaltung, die nahezu ohne normalsterbliches Publikum auskommt. 

Die Berlinale hingegen war von Anfang an mit dem Schicksal Berlins und seiner Bewohner verbunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte sich die Stadt als europäische Kunst- und Kulturmetropole wiederbeleben, die sie im ersten Drittel des Jahrhunderts gewesen war. Auch ging es um einen Neubeginn der deutschen Kinoindustrie, die von den Alliierten als Nazipropagandainstrument zerschlagen worden war. Die Berlinale war also nicht bloß ein Festival. Sie verkörperte die Sehnsucht nach einer anderen Zeit, war das kulturelle Identitätsprojekt einer Stadt, die gerade dabei war, aus Ruinen wiederaufzuerstehen. Und als Glamourereignis sollte sie den Westberlinern das Gefühl geben, nicht ganz von der Welt abgeschnitten zu sein.

Am 6. Juni 1951 begannen auf Initiative von Oscar Mathay, dem Filmoffizier der US-Militärregierung von Berlin, die ersten Berliner Filmfestspiele. Der Zuschuss des Senats betrug 40000 Deutsche Mark, Eröffnungsfilm war Alfred Hitchcocks Rebecca. Das Berliner Publikum nahm das Festival dankbar an. Begeistert applaudierte es gerade in den ersten Jahren jedem Star, der zwischen Ku’damm, Waldbühne und Olympiastadion winkte. Die Knef, die »Lollo« und die Loren, Curd Jürgens, Errol Flynn und Romy Schneider. Man muss sich vorstellen, dass es keine Jury, sondern das Publikum war, das in den ersten Jahren über den Goldenen Bären abstimmte.

Aber die Berlinale war nicht nur das kulturelle Maskottchen einer Stadt. Wie kaum ein anderes Festival war sie auch mit deren geografisch-politischer Lage und dadurch mit den Zeitläuften verbunden: Während des Kalten Krieges, als die Filmfestspiele zur kulturellen Brücke für das osteuropäische Kino wurden. Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre, als die Berlinale in einen Kulturkampf geriet – zwischen der Filmindustrie, die ein Festival alter Schule haben wollte, und einer jungen Zuschauer-, Festivalmacher- und Regisseurgeneration, die für ein anderes Kino eintrat. Und natürlich nach dem Fall der Mauer, als sich die Berlinale als gesamtdeutsches Kulturereignis ganz neu sortieren musste.

Amüsant ist, dass die Vorwürfe, denen das Festival vonseiten der Kritik ausgesetzt ist, sich durch die Jahrzehnte verlässlich wiederholten: Mal vermisste man den Glamour, dann wieder erstickte der Glamour die Kunst. Mal waren die Filme eines Wettbewerbes zu ernst und politisch, dann wieder bemängelte man zu viel Kommerz.

Aber jenseits der unterschiedlichen Festivaljahrgänge und ihrer leidenschaftlichen Exegesen ist doch eines immer gleich geblieben: Die Berlinale findet nicht einfach in Berlin statt, sie ist ein vitaler Teil der Stadt, ihres Alltages und ihrer bewegten Geschichte. Sie hat das beste, weil größte, neugierigste, begeisterungsfähigste und diskussionsfreudigste Publikum. Sie ist ein im emphatischen Sinne realer Ort. Und damit eine Form des Kunsterlebens, von der wir unsere einsam vor Computern kauernden, vor iPads, Downloads und Quicktimeplayern fröstelnden Seelen gerne erwärmen lassen.

Und auch wenn die Familie, die mit Popcornbechern und 3-D-Brillen in James Camerons Avatar geht, etwas anderes suchen mag als der Festivalbesucher, der sich während der Filmfestspiele einen brasilianischen Film über die politischen Implikationen des Capoeira-Tanzsports anschaut, so verbindet sie doch eines: Das Gefühl, in zentrifugal auseinanderdriftenden Wahrnehmungswelten wieder so etwas wie Kohärenz zu erleben. Die Sehnsucht nach dem Kino als Kommunion, oder auf die Berlinale bezogen: nach dem Potsdamer Platz als Heizpilz für Kulturnomaden.

Im Wesentlichen ist dieses Gefühl eine Illusion. Aber eine faszinierende. Denn natürlich zerfällt das Festival mit seinen vielfältigen Reihen, Sektionen, Specials und Events in unzählige Einzelöffentlichkeiten mit geradezu tribalistisch auftretenden Besuchergrüppchen. Was verbindet den Glamourbejubler am roten Teppich mit dem Cineasten, der in der Reihe Vier Jahrzehnte Forum zu einem Film der belgischen Avantgardefilmerin Chantal Akerman pilgert? Gibt es eine Schnittmenge zwischen dem bürgerlich-ökologischen Publikum des »Kulinarischen Kinos« und der polymorph-perversen Gemeinde, die sich in der Sektion »Panorama« die Filme der drei großen alten schwulen Exzentriker Lothar Lambert, Peter Kern und Rosa von Praunheim ansieht?

Womöglich verbindet sie nicht viel. Aber doch die schiere Möglichkeit, durch rund 400 Filme zu wandern, die sich, so heterogen sie auch sein mögen, zu einem Zeit- und Gegenwartsbild zusammenschließen. Oder auch zu einem politischen Trend. So ist es erstaunlich, auf welche unterschiedlichen Weisen in den Filmen dieser 60. Berlinale das Thema der Islamisierung und des religiösen Fanatismus verhandelt wird. In dem Dokumentarfilm The Oath zum Beispiel, der in der Sektion »Forum« läuft, gelingt der Amerikanerin Laura Poitras eine biografische Nahaufnahme von Abu Jandal, dem ehemaligen Leibwächter von Osama bin Laden. Durch die Konzentration auf diesen einzelnen Mann, seine militante Vergangenheit, aber auch seine Ängste und Alltagssorgen, wird der Film zu einem großen Essay über den Terrorismus und seine semiterroristische Bekämpfung, über Radikalismus, Schuld und Reue. Im Wettbewerb erzählt die bosnische Regisseurin Jasmila Žbanić von einem Paar, das in eine Krise gerät, als sich der Mann durch die Arbeit in einer muslimischen Gemeinde verändert. Ihr Film On the Path ist der Versuch eines Beziehungskinos zwischen Islam und Islamismus. Burhan Qurbanis Shahada wiederum, der ebenfalls im Wettbewerb läuft, macht aus dem Thema einen Episodenfilm über junge Muslime in Berlin. Er untersucht Motive und Impulse, die junge Menschen zur Flucht in die Religion drängen – oder zum Konflikt mit ihr: Ein junger Koch wird zerrissen zwischen seinem homosexuellen Begehren und seinem Glauben. Eine junge Türkin driftet nach einem Schockerlebnis zum orthodoxen Islam.

Auch dies gehört zur spezifischen, gemeinsam erlebten Öffentlichkeit eines Festivals: der Vergleich, die Parallele, die Leinwand als Seismograf und Membran des Zeitgeists. Und die Erkenntnis, dass unsere disparaten Wahrnehmungen und Welten hin und wieder doch zusammenschießen.

Aber vielleicht sollte man aufhören, Film und Festival als Gemeinschaftserlebnis zu beschwören. Besteht die Grunderfahrung des Kinos nicht im genauen Gegenteil? In einer Reise, die wegführt vom Hier und Jetzt, von der Körperlichkeit und Kreatürlichkeit des Publikums?

Schließlich ist nach all den medialen Revolutionen immer noch keine andere Kunstform in der Lage, unser Dasein so radikal zu transzendieren wie Licht, das vierundzwanzigmal pro Sekunde auf eine Leinwand fällt. Dann nämlich, wenn der Vorhang aufgeht, der Vorspann beginnt und die phosphorgrünen Treppenmarkierungen genauso verschwinden wie das Geraschel der Bonbonpapiere und der ukrainische Sitznachbar, der ausgerechnet jetzt sein Eierbrot auspackt. Wenn unser willfähriges kleines Ich zusammen mit der Zeit, dem Ort und der ganzen Welt von der Leinwand aufgesogen wird.

Der Literat und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, dem die 60. Berlinale einen Ehrenbären verleihen wird, hat diesen Sog und seine Folgen einmal sehr schön auf den Punkt gebracht: »Wenn die Berlinale aus ist, ist Berlin, wie man erstaunt bemerkt, weiterhin da.«

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
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