Berlinale 2010 Wir sind das FestivalSeite 2/2
Und auch wenn die Familie, die mit Popcornbechern und 3-D-Brillen in James Camerons Avatar geht, etwas anderes suchen mag als der Festivalbesucher, der sich während der Filmfestspiele einen brasilianischen Film über die politischen Implikationen des Capoeira-Tanzsports anschaut, so verbindet sie doch eines: Das Gefühl, in zentrifugal auseinanderdriftenden Wahrnehmungswelten wieder so etwas wie Kohärenz zu erleben. Die Sehnsucht nach dem Kino als Kommunion, oder auf die Berlinale bezogen: nach dem Potsdamer Platz als Heizpilz für Kulturnomaden.
Im Wesentlichen ist dieses Gefühl eine Illusion. Aber eine faszinierende. Denn natürlich zerfällt das Festival mit seinen vielfältigen Reihen, Sektionen, Specials und Events in unzählige Einzelöffentlichkeiten mit geradezu tribalistisch auftretenden Besuchergrüppchen. Was verbindet den Glamourbejubler am roten Teppich mit dem Cineasten, der in der Reihe Vier Jahrzehnte Forum zu einem Film der belgischen Avantgardefilmerin Chantal Akerman pilgert? Gibt es eine Schnittmenge zwischen dem bürgerlich-ökologischen Publikum des »Kulinarischen Kinos« und der polymorph-perversen Gemeinde, die sich in der Sektion »Panorama« die Filme der drei großen alten schwulen Exzentriker Lothar Lambert, Peter Kern und Rosa von Praunheim ansieht?
Womöglich verbindet sie nicht viel. Aber doch die schiere Möglichkeit, durch rund 400 Filme zu wandern, die sich, so heterogen sie auch sein mögen, zu einem Zeit- und Gegenwartsbild zusammenschließen. Oder auch zu einem politischen Trend. So ist es erstaunlich, auf welche unterschiedlichen Weisen in den Filmen dieser 60. Berlinale das Thema der Islamisierung und des religiösen Fanatismus verhandelt wird. In dem Dokumentarfilm The Oath zum Beispiel, der in der Sektion »Forum« läuft, gelingt der Amerikanerin Laura Poitras eine biografische Nahaufnahme von Abu Jandal, dem ehemaligen Leibwächter von Osama bin Laden. Durch die Konzentration auf diesen einzelnen Mann, seine militante Vergangenheit, aber auch seine Ängste und Alltagssorgen, wird der Film zu einem großen Essay über den Terrorismus und seine semiterroristische Bekämpfung, über Radikalismus, Schuld und Reue. Im Wettbewerb erzählt die bosnische Regisseurin Jasmila Žbanić von einem Paar, das in eine Krise gerät, als sich der Mann durch die Arbeit in einer muslimischen Gemeinde verändert. Ihr Film On the Path ist der Versuch eines Beziehungskinos zwischen Islam und Islamismus. Burhan Qurbanis Shahada wiederum, der ebenfalls im Wettbewerb läuft, macht aus dem Thema einen Episodenfilm über junge Muslime in Berlin. Er untersucht Motive und Impulse, die junge Menschen zur Flucht in die Religion drängen – oder zum Konflikt mit ihr: Ein junger Koch wird zerrissen zwischen seinem homosexuellen Begehren und seinem Glauben. Eine junge Türkin driftet nach einem Schockerlebnis zum orthodoxen Islam.
Auch dies gehört zur spezifischen, gemeinsam erlebten Öffentlichkeit eines Festivals: der Vergleich, die Parallele, die Leinwand als Seismograf und Membran des Zeitgeists. Und die Erkenntnis, dass unsere disparaten Wahrnehmungen und Welten hin und wieder doch zusammenschießen.
Aber vielleicht sollte man aufhören, Film und Festival als Gemeinschaftserlebnis zu beschwören. Besteht die Grunderfahrung des Kinos nicht im genauen Gegenteil? In einer Reise, die wegführt vom Hier und Jetzt, von der Körperlichkeit und Kreatürlichkeit des Publikums?
Schließlich ist nach all den medialen Revolutionen immer noch keine andere Kunstform in der Lage, unser Dasein so radikal zu transzendieren wie Licht, das vierundzwanzigmal pro Sekunde auf eine Leinwand fällt. Dann nämlich, wenn der Vorhang aufgeht, der Vorspann beginnt und die phosphorgrünen Treppenmarkierungen genauso verschwinden wie das Geraschel der Bonbonpapiere und der ukrainische Sitznachbar, der ausgerechnet jetzt sein Eierbrot auspackt. Wenn unser willfähriges kleines Ich zusammen mit der Zeit, dem Ort und der ganzen Welt von der Leinwand aufgesogen wird.
Der Literat und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, dem die 60. Berlinale einen Ehrenbären verleihen wird, hat diesen Sog und seine Folgen einmal sehr schön auf den Punkt gebracht: »Wenn die Berlinale aus ist, ist Berlin, wie man erstaunt bemerkt, weiterhin da.«
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- Datum 10.02.2010 - 08:10 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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