Migranten "Secondos", kommt zu uns!

Die Universität Regensburg will zur führenden deutschen Universität für Einwanderer werden

Als Thomas Strothotte auf die Idee mit dem neuen Studienprogramm kam, merkte er gleich, dass es ein Problem gab. Wie sollte er die Zielgruppe nennen? Menschen mit Migrationshintergrund, so lautet seit ein paar Jahren ihre politisch-korrekte Bezeichnung, oder noch abschreckend-genauer: Menschen mit Migrationshintergrund in der zweiten Generation. Ohne jedes Identifikationspotenzial, befand der neue Rektor der Universität Regensburg. Irgendwann jedoch stieß er auf einen Song des Schweizer Rappers Bligg, Enkel eines italienischen Einwanderers, der sich selbst als »Secondo« bezeichnet. Und Strothotte dachte erleichtert: Das ist es.

Lange war die in den sechziger Jahren gegründete Universität Regensburg architektonisch bestenfalls als in Beton gegossene Antithese zum Weltkulturerbe der mittelalterlichen Reichsstadt bekannt; ein charmefreies Sammelsurium grauer Zweckbauten, die sich um einen zugepflasterten Innenhof gruppieren. Auch ihr akademischer Ruf: bestenfalls mittelmäßig. Hinzu kam die Randlage an der ehemaligen Grenze zum Ostblock. Die ist zwar seit 20 Jahren Geschichte, und doch hat es bis jetzt gedauert, dass die Universität angefangen hat, sich neu zu erfinden. Möglicherweise findet sie sich auch zum ersten Mal überhaupt.

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Das hat ziemlich viel mit Thomas Strothotte zu tun, der vor einem Jahr in sein Amt gewählt worden ist. Neulich haben ihn die Integrationsbeauftragten von Bund und Ländern eingeladen, damit er ihnen von seinen Plänen für Regensburg erzählt. Von seinen Plänen, Regensburg, ausgerechnet Regensburg zur Universität Nummer eins in Deutschland für Einwanderer zu machen.

Wie er so dasteht in Nürnberg in seinem dunklen Anzug, mit seinem schütteren Haar und dem ordentlich gestutzten Zehntagevollbart, sieht er mal wieder aus wie der personifizierte Ruf seiner Hochschule, dem er eigentlich den Kampf angesagt hat: zweifellos anständig, aber eben auch langweilig. Sobald Strothotte jedoch zu reden beginnt, dauert es nur ein paar Sekunden, diesen Eindruck zu verwischen. Fast atemlos erzählt er dann, dass er selbst »Secondo« ist, geboren und aufgewachsen in Kanada als Kind ausgewanderter Deutscher. Dass er wisse, wie es sich anfühle, eingeklemmt zu sein zwischen der mitgebrachten Kultur der Eltern und dem Alltagsleben seiner Schulkameraden und Freunde. »Man trägt so viel mit sich herum an kulturellem Potenzial, doch allzu oft wird es zu einer Bürde, die man am liebsten loswerden möchte«, sagt Strothotte.

Egal, ob solche Sätze tatsächlich aus seinem tiefsten Inneren kommen oder ob da am Ende doch nur der gewiefte Hochschulstratege spricht – mit den »Secondos« hat der 50-jährige Informatiker einen Nerv getroffen. Allzu wenige Migranten schaffen es bislang in Deutschland überhaupt an eine Hochschule, und zu viele geben als Einzelkämpfer frustriert wieder auf. Das neue Regensburger »Secondo«-Programm mit seinen Mentoring- und Gruppenangeboten soll sie durch das Studium an einer Massenuniversität schleusen. Und noch mehr als das: Es soll aus »Menschen mit Migrationshintergrund«, die in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als irgendwie beschädigt gelten, »Menschen mit Hintergrund« machen, ein weiteres nettes Wortspiel, das sie sich da ausgedacht haben. Gemeint ist, dass die Angesprochenen mit ihrem Zugang zu zwei Kulturen eine Stärke haben, die sie auf einem globalen Arbeitsmarkt umso begehrter machen kann.

Das Konzept ist schnell erklärt: Die Teilnehmer können sich in jedem beliebigen Studienfach einschreiben, parallel zum normalen Programm erhalten sie spezielle Landeskunde- und Sprachkurse, im Mittelpunkt stehen das Lesen und Schreiben in der Muttersprache. »Den meisten ›Secondos‹ geht es wie mir in Kanada«, sagt Strothotte. »Ich konnte fehlerfrei deutsch reden, doch das Schriftdeutsch war mir fremd.« Im zweiten Studienjahr setzen die Studenten ihr Studium im Heimatland ihrer Eltern oder Großeltern fort und bekommen ein Praktikum in einem Unternehmen vermittelt. Für das letzte Jahr kehren sie nach Deutschland zurück und erhalten neben dem deutschen Bachelorabschluss auch den Abschluss der Regensburger Partneruniversität.

Derzeit gibt es Abkommen mit einer rumänischen und einer ungarischen Hochschule, mittelfristig sollen Kroatien, Polen, die Ukraine und Russland hinzukommen. Die Ausrichtung gen Osten ist kein Zufall. Die Universität Regensburg hatte den Ost- und Südosteuropaschwerpunkt schon als Teil ihres Gründungsauftrags. Vor wenigen Jahren siedelte sich in der Nachbarschaft dann auch noch ein aus vier Instituten bestehendes, forschungsstarkes Wissenschaftszentrum Ost- und Südosteuropa an. So hilft »Secondos« nicht nur den Studenten, sondern auch der Universität selbst, ihre verborgenen Stärken auszuspielen. Womöglich war es genau aus diesem Grund so einfach für den Neuankömmling Strothotte, die Regensburger Professorenkollegen von seiner Idee zu begeistern – so sehr, dass die größte Kritik an dem Programm eigentlich gar keine ist: Beim Wort »Secondos«, sagt die Romanistin und Prorektorin Ingrid Neumann-Neuschuh, müsse sie sich ein bisschen schütteln, »so ein Wort gibt es nämlich gar nicht, in keiner einzigen romanischen Sprache«.

Leser-Kommentare
  1. Ausgerechnet in der bayrischen Provinz sollen Migrantenstudis und Ausländer sich versammeln wollen?...die 11 Leute, die sich da angemeldet haben derzeit, wären wahrscheinlich auch so gekommen... Vielleicht demnächst eine Spezialuni für Brillenträger?...oder für Leute über 1,85m?...immer wieder Neues braucht das Land...

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    Sondern des Denkens. Zumindest in der heutzutage gebräuchlichen Form als abwertende Klassifizierung. Kennen Sie Regensburg? Ich bin kein Regensburger aber kenne die Stadt relativ gut, da ich recht viel in der Republik unterwegs bin. Meiner persönlichen Anschauung nach ist das derzeit so unerträglich-penetrant hochgejazzte Berlin zB die größte Provinzstadt der Republik und vergleichsweise "kleine" Städte wie Tübingen oder auch Regensburg sind da vergleichsweise kosmopolitisch-studentische Biotope.

    Im Übrigen ist auch der amtliche Ausländeranteil der meisten bayrischen Mittel- und Großstädte deutlich höher als der zB Berlins oder Hamburgs. Wenn die Teutonen, also die "Ureinwohner" nördlich des Mains, mal über Strauß hinwegkommen könnten würden sie vielleicht schockiert bemerken dass nicht mehr Bayern sondern die nördliche Hälfte der Republik abgehängte "Provinz" ist. Gesellschaftlich und wirtschaftlich gleichermaßen.

    Und vor allem: in Süddeutschland gibt es eine vielfältigere Mischung, da sind auch viele Akademiker dabei. Und nicht nur sog. "Südländer", also Migranten aus dem Mittelmeerraum. Sondern auch Asiaten, Afrikaner, Latinos und Amerikaner. Wie ich einer bin - ich bin aber meist nicht gemeint wenn Teutonen von "Migranten" oder "Ausländern" reden...die sagen "Migranten" aber meinen dann doch meist einfach nur Türken.

    Sondern des Denkens. Zumindest in der heutzutage gebräuchlichen Form als abwertende Klassifizierung. Kennen Sie Regensburg? Ich bin kein Regensburger aber kenne die Stadt relativ gut, da ich recht viel in der Republik unterwegs bin. Meiner persönlichen Anschauung nach ist das derzeit so unerträglich-penetrant hochgejazzte Berlin zB die größte Provinzstadt der Republik und vergleichsweise "kleine" Städte wie Tübingen oder auch Regensburg sind da vergleichsweise kosmopolitisch-studentische Biotope.

    Im Übrigen ist auch der amtliche Ausländeranteil der meisten bayrischen Mittel- und Großstädte deutlich höher als der zB Berlins oder Hamburgs. Wenn die Teutonen, also die "Ureinwohner" nördlich des Mains, mal über Strauß hinwegkommen könnten würden sie vielleicht schockiert bemerken dass nicht mehr Bayern sondern die nördliche Hälfte der Republik abgehängte "Provinz" ist. Gesellschaftlich und wirtschaftlich gleichermaßen.

    Und vor allem: in Süddeutschland gibt es eine vielfältigere Mischung, da sind auch viele Akademiker dabei. Und nicht nur sog. "Südländer", also Migranten aus dem Mittelmeerraum. Sondern auch Asiaten, Afrikaner, Latinos und Amerikaner. Wie ich einer bin - ich bin aber meist nicht gemeint wenn Teutonen von "Migranten" oder "Ausländern" reden...die sagen "Migranten" aber meinen dann doch meist einfach nur Türken.

    • Prach
    • 11.02.2010 um 10:47 Uhr
    2. LOL

    "Im ersten Jahr haben sich gerade mal elf »Secondos« gefunden – 11 von gut 17.000 Studenten, und das, obwohl die Universität das Programm, offiziell um niemanden zu diskriminieren, sogar für Nichtmigranten geöffnet hat"

    Aha, ein Migrationsprogramm für Nichtmigranten.

    So ähnlich sinnvoll wie in Schleswig-Holstein, wo ja der "Südschleswigsche Wählerverband" zwar die Partei der dänischen Minderheit ist, aber auch gefühlte Dänen aufnimmt (deshalb sind ja die meisten Mitglieder inzwischen auch "richtige" Deutsche) und sogar in Holstein Sonderrechte genießt, obwohl es da noch nie eine dänische Minderheit gab.

    Ich plädiere für ein Sonderprogramm für die "Dopobarbas", also für Leute mit Rasierwassereinsatz. Um niemanden zu diskrimieren, sollten dort auch Frauen aufgenommen werden.

    Und dann noch ein Programm für die Nativos, also die Ureinwohner. Vielleicht noch eines für Ureinwohner mit Migrationshintergrund, die zwar aus Regensburg kommen, aber schon mal im Bayerischen Wald länger als 2 Wochen gewohnt haben. Könnte man Ritornos nennen.

  2. 3. Ah...

    Ganz genau, @Prach. Meinem Vorschlag oben folgend, könnte man dann die 1,85m-Spezialaktion als "große Forscher aus Regensburg" verkaufen...

  3. 4. aha

    Warum sollten sich "Ausländer und Migrantenstudis" nicht in der "bayerischen Provinz" versammeln ?

    Ist Provinz nicht eher eine Sache des Kopfes als des Ortes Mr. Neumander? vielleicht DENKT man in der geographischen Provinz fortschrittlicher als im geographischen "Zentrum"...

  4. ...es handelt sich um den Kopf eines Ausländers, der in Deutschland sich etablieren und umsehen will...die wenigsten Ausländer, die ich kenne, wollten in die Provinz...egal, welche Strukturen dort "verlocken" sollen...solange kein Harvard oder Yale in Regensburg entsteht, wird sich der Ausländer lieber nach Berlin und Köln und München orientieren...ist wie mit den neuen Bundesländern, die machen auch dauernd Werbung, dass sie super Strukturen und jede Menge freie Studienplätze anzubieten haben...trotzdem will da keiner (von auswärts) hin...die Verlockungen aus der Provinz sind träge ...und für Ausländer noch viel mehr.

  5. Wieso wird im Artikel das Wort Secondo die ganze Zeit mit Gänsefüsschen eingerahmt? Secondo ist doch ein längst etabliertes Wort, das so etwas nicht verdient. Zumal es ja auch kein abwertendes Wort ist, sondern sich viele Kinder von Einwanderern selbst so bezeichnen.

  6. Ich fordere ein Programm, dass Deutsche an der Uni fördert.

  7. warum es seit einiger Zeit Migranten heißt, und nicht mehr Immigranten, wie zuvor? Wir sprechen doch hier von Einwanderern, und das sind doch Immigranten, oder nicht?
    Rein aus Interesse gefragt....

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