Die Schülerzeitung "Umlauf"
Das Blatt bin ich
31 Jahre lang prägte ein Kunstlehrer eine der erfolgreichsten Schülerzeitungen Deutschlands. Jetzt hört er auf, weil die Jugend ihm fremd geworden ist. Ein Abschiedsbesuch
Einmal stand ein Schüler vor Ulrich Eichler auf dem Lehrerparkplatz und weinte. »Das können Sie doch nicht tun«, sagte der Schüler.
»Das ist meine Zeitung«, sagte Ulrich Eichler.
Dann stieg der Redaktionsleiter der Schülerzeitung Umlauf in seinen weinroten Golf mit dem Rolling-Stones-Aufkleber auf der Seite und fuhr nach Hause.
In der Redaktionskonferenz hatte er zuvor alle Themenvorschläge abgeschmettert. »Zu platt«, »Zu schlecht«, »Schnee von gestern«.
»Gebt euch mehr Mühe!«, hatte er zu den Schülerinnen und Schülern gesagt. »Ich lasse nicht zu, dass ihr aus dem Umlauf eine Zeitung über Popmusik macht.« Bis ein Thema es ins Blatt schaffte, tobte ein Kampf zwischen Autorität und Autoren.
»Ein völlig bescheuerter Auftritt von mir«, sagt Ulrich Eichler heute. Der 61-jährige Kunst- und Sportlehrer sitzt in der Bibliothek des Goethe-Gymnasiums Kassel, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, sein schwarzer, nach Tabak duftender Mantel hängt über der Stuhllehne.
Die Geschichte ist ein Beispiel dafür, wie schwer es manchmal ist, die richtige Balance zu finden, wenn man eine Schülerzeitung macht.
31 Jahre lang war Ulrich Eichler für den Umlauf verantwortlich. Das ist fast ein komplettes Lehrerleben. Zum Durchblättern der neuen Ausgabe setzt er sich inzwischen eine Brille auf. Diese Ausgabe ist ihm besonders wichtig. Nicht nur weil er den aktuellen Umlauf immer für den wichtigsten hält: Auch weil es seine letzte Ausgabe ist.
Der »Umlauf« hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt
Aus den losen Schreibmaschinenblättern, die einst noch in der Druckerei abgegeben wurden, ist inzwischen eine der besten Schülerzeitungen Deutschlands geworden: 75 Ausgaben mit insgesamt über 120 Redakteurinnen und Redakteuren, 1000 Exemplaren pro Druck, 1 Euro pro Stück, über 80 Seiten dick.
Gemeinsam mit dem Umlauf hat Ulrich Eichler in dieser Zeit so ziemlich alles an Preisen gewonnen, was mit einer Schülerzeitung zu gewinnen ist: Der Umlauf war »Beste Schülerzeitung Hessens«, wurde von der Konrad- Adenauer- und der Friedrich-Naumann-Stiftung ausgezeichnet und schließlich vom Spiegel als »Schulzeitung des Jahres« geehrt.
- Datum 9.2.2010 - 06:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.02.2010 Nr. 06
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Ein wunderbarer Artikel über einen wunderbaren engagierten Lehrer. So musz Schule sein. Dann lernt man auch fürs Leben!
Es sollte lauten: Lernen für's Leben > In der Schule? Sehr selten, leider!
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